Vom Glück der Schwalben

Nun war die Staren-Geschichte im Kasten. Die Stare selbst waren schon eine Weile mit ihrem Nachwuchs ausgezogen und hatten ordentlich Dreck hinterlassen. Blaue Feder machte sich dran, die Stallfenster zu putzen. In solchen Momenten wünschte sie sich die ‚unsichtbaren Hände‘ aus dem Haus der Baba Yaga her. Doch traute sie sich nicht, die Baba Yaga zu fragen, was es mit den ‚unsichtbaren Händen‘ auf sich hatte, denn vorzeitig altern wollte sie, wie gesagt, nicht.

Doch mit ihrer Krise gingen einige Veränderungen einher. Die Schwalbenhofbewohner waren näher zusammengerückt und gingen dazu über, das, was sie sich geschaffen hatten, mehr zu genießen. Manchmal blieb die Tür zur Baustelle einfach zu. Es wurde auch mal ein kleiner Urlaub gemacht, die Fun-Boards eingepackt und es ging ab ans Meer. Wurde samstags gewerkelt, ging sonntags jeder seinen eigenen Bedürfnissen nach oder es wurde ein schöner Ausflug gemacht. Blaue Feder putzte auch nicht mehr alle 67 Fenster des Hofs auf einmal, wie früher. Sie putzte vielleicht eine Seite, hing das neue Plakat in den Schaukasten und dann war gut.

Immer öfter sah man sie einfach mal eine Tasse Kräuter-Tee trinken oder barfuß durch den Garten laufen, am Überlegen, wie sie sich Dinge leichter machen konnte. Sie war auch im Brotjob von einer Fünftagewoche auf eine Viertagewoche gewechselt und hatte nun jeden Frei-tag frei.

Manchmal hatte sie tatsächlich das Gefühl, wenn sie Pausen einlegte, sich Dinge wie von alleine lösten. Manche Probleme lösten sich wie von Zauberhand, wenn sie ihnen Raum gab. Sie musste es nur aushalten, nicht immer gleich sofort auf alles anspringen und ihre Venus im Widder, in einem Feuerzeichen, im Zaun halten. Früher sagte sie gerne ‚Ja, mach ich, kein Problem!‘ In letzter Zeit horchte sie erst einmal in sich hinein, bevor sie antwortete und man hörte die Blaue Feder öfters mal ‚Nein‘ sagen und sie fuhr damit ganz gut.

Sie hatte gerade einen schönen Film geschaut: ‘Reiss aus – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum‘ von einem jungen Paar, dass dem Leistungsdruck den Rücken zugewendet hatte. Sie fand solche Filme sehr inspirierend. Grade diesen Film fand sie sehr ehrlich, weil er gut zeigte, wie man sich selbst und seine Themen überall mit hinnimmt.

Auch ‚Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt ‚ ist so ein wunderbarer Film.

In jungen Jahren war Blaue Feder gerne gereist. Nun war sie wohl doppelt so alt, wie die jungen Paare und große Reisen waren nicht mehr so ihr Ding. Doch die Neugier war geblieben und in der Nähe gab es eben auch viel zu entdecken. Blaue Feder war wohl auf ihre Weise schon ausgerissen, hatte sich ihren Traum von einem Leben auf dem Land verwirklicht. Ein paar Kompromisse war sie dabei eingegangen, doch im Großen und Ganzen hatten sich ihre Träume verwirklicht.

In der vergangenen Woche sprach sie ein ‚wilder Mann‘ auf dem Bahnhof an. Er war braungebrannt mit nacktem Oberkörper, ein Obdachloser vermutlich. Er bat sie um etwas Geld. Blaue Feder hatte sich gerade etwas zu trinken und etwas zu essen gekauft und gab ihm das gleiche Geld, was sie gerade für sich selbst ausgegeben hatte. Er war verwundert und bedankte sich. Er hatte ein paar Postkarten dabei und steckte ihr eine in ihren Beutel. Nun war Blaue Feder verwundert und sie schauten sich in die Augen und lachten. Als Blaue Feder in der Bahn saß, holte sie ihr Essen raus und die Karte.

Lebe wild und gefährlich

stand auf der Karte. Sie war sehr berührt und musste grinsen. Sie könnte ein Leben wie der ‚wilde Mann‘ ganz ohne Sicherheiten nicht leben. Was bedeutete es also für sie, ‚wild und gefährlich‘ zu leben?

Da sie selbst nicht mehr in ferne Länder reiste, ließ sie sich Geschichten aus dem Süden von den Schwalben erzählen. Sie schaute gerne ihren Flugkünsten zu. Es hatten sich nun noch zwei Schwalbenpaare der Neubausiedlung unterm Dach angeschlossen. Sie bauten ihre Lehmbauten einfach oben auf die Nisthilfen drauf. Endlich war der Schwalbenhof wieder ein Schwalbenhof.

Erst gab es etwas Zoff mit den Spatzen-Nachbarn, die wohl eine andere Vorstellung von einem gemütlichen Nest hatten.

Aber irgendwie arrangierten sie sich mit der Zeit und nun sahen sie in dem einen Nest, die Schwalben schon ihre Jungen füttern, während in den anderen Nestern, noch geschnackelt wurde. Bald konnten Brauner Bär und Blaue Feder wieder Schwalben-Lotto spielen. Die Schwalbenküken saßen meist in einer Reihe oben auf der Regenrinne und sie rieten, welches Küken als nächstes gefüttert wurde.

Auch bei den Trauerseeschwalben gab es Nachwuchs und es sah so aus, als würde in diesem Jahr alles gut gehen. Im vergangenen Jahr waren alle Küken bei einem Unwetter ertrunken. Die vielen Küken zu sehen, machte Blaue Feder glücklich. Es machte sie auch glücklich, hinter allem ein Wunder zu erahnen. Sie war glücklich, wenn ihr Herz zu Staunen anfing. Dann durchströmte sie ein wohliges Gefühl.

Überall im Moor blühten jetzt die Teichmummeln.

Überall tauchte Blaue Feder in den Duft vom Mädesüß, der Königin der Wiesen. Sie stand gerne mit dem Blutweiderich zusammen. Sie nahm sich wie jedes Jahr ein paar Stängel Mädesüß mit nach Hause und hängte sie ans Fenster für schöne Träume. Dieser Duft machte sie ganz trunken. Sie könnte sich in diesen Duft hineinlegen – eine feine Idee!

4 Kommentare zu „Vom Glück der Schwalben

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