Das Schilfrohr

Sie spürte, es war für sie an der Zeit loszulassen. Diesem einem Impuls ging sie hier noch nach. Das Schilfrohr begeisterte sie. War es ein Wunder, schmückte es das Wappen ihres Dorfes.

Ostrohe

Auf dem Wappen war ein Rohrkolben zusammen mit einem Eichenblatt und einer grünen Ähre zu sehen. Es wies auf die Geschichte und die Bedeutung des Moores für das Dorf hin.

Blaue Feder ging ins Moor dem Schilf zu lauschen. Am Großen Mondsee hatte sie nicht die Ruhe, waren dort ein paar Angler. Ihr Anblick gab ihr den Impuls, heute die ‚Sage vom einsamen Moormann‚ zu erzählen.

Sie ging zu einem Weiher, der etwas versteckter im Ostroher Moor lag. Ein kleiner Weg führte durch einen Pappel-Hain. Der Alte Weg verband das Ostroher Moor mit dem Süderholmer Moor. Dieser Weg war noch nicht so bekannt, aber schon mehr, als vor ein paar Jahren. Schwarz lagen die welken Papppelblätter auf ihrem Weg. Sie besuchte kurz das ‚Grab der Ophelia‚, in dessen Wasser sich die Pappeln spiegelten.

Dann setzte sie sich auf den Martins-Steg, eine kleine Brücke, die beide Wege miteinander verband.

Die Weiße kam geflogen und zusammen lauschten sie dem Schilfrohr.

Das Schilfrohr tanzte leise im Wind. Lauschte sie dem Schilf hörte sie es singen und lachen. Leichtigkeit umfing sie und der weite Raum im Herzen öffnete sich. Gleichzeitig spürte sie starke und tiefe Wurzeln.

Es war wohl seinem tiefen Wurzelwerk zu verdanken, das dem Schilf im Keltischem Ogham, dem Baum-Alphabeth, einen Platz neben den Bäumen einräumte, obwohl es ein Süßgras war. Dann durfte es wohl in ihrer Geschichte von den Bäumen nicht fehlen.

Blaue Feder freute sich, als sie las, dass das Schilf einen eigenen Buchstaben hatte, das Ng oder Ngetal. So stand es Seite an Seite mit den Bäumen. Es hatte sogar eine ähnliche Wort-Wurzel wie die Gans (Ngeigh).

Das Schilf oder besser gesagt, das Schilfrohr war eine Sumpfpflanze. Sie konnte bis zu vier Metern hoch werden und vermehrte sich schnell. Eine einzelne Pflanze konnte einen ganzen ‚Schilfbestand‘ hervorbringen.

Das Schilf bot zahlreichen Vögeln und Tieren Schutz und Zuflucht. Im Fischland hatten sie erfahren, dass sich die Wildschweine tagsüber gerne im Schilf verstecken. Allen, die gerne in den Norden fahren, war das Schilfrohr bekannt, gab das Reet den Menschen im Norden ein Dach über dem Kopf. Es war eines der ersten Bedachungsmaterialien und das Reetdachdecken zählt zu den alten Handwerkskünsten. Auch in ihrem Dorf fanden sich noch ein paar Reetdachhäuser.

Das Schilf säumte wohl jeden Weg im Moor. Es stand gerne am Wasser, das es reinigte. So stand auch die ehemalige Kläranlage des Dorfes in einem Röhricht.

Sie schaute sich die Halme mit den Knoten an, aus denen die Blätter wuchsen. Sie erinnerten sie an Bambus. In der Großen Stadt gab es einen Botanischen Garten mit einem Bambuswald. Das war in jungen Jahren einer ihrer Lieblingsplätze. Sie vermutete eine verwandschaftliche Beziehung.

Als ihr dieser Zusammenhang einfiel, erinnerte sie sich an die Sage von ‚Pan und Syrinx‚. Mal wieder einer Sage aus den Metmorphosen des Ovid. Einst hatte sie ein Bild zu der Sage gemalt.

Aus der griechischen Mythologie stammt diese Erzählung: In Arkadien lebte einst eine Nymphe mit dem Namen Syrinx. Sie war bezaubernd schön und begehrt. Als eines Tages der Gott Pan die Nymphe erblickte, verliebte er sich sofort in sie und warb heftig um sie. Syrinx aber verschmähte seine Zuneigung und flüchtete. Auf der Flucht kam sie an den Fluss Ladon, der so tief war, dass sie nicht entkommen konnte. Daraufhin flehte sie die Schutzgöttin Artemis an, sie in ein Schilfrohr zu verwandeln. Artemis tat ihr den Gefallen genau als Pan sie erreichte, und er hielt statt Syrinx nur ein Schilfrohr in den Händen. Um trotzdem mit ihr vereint zu sein, schnitt er das Schilfrohr in unterschiedlich lange Teile und band sie zusammen. Auf diese Weise entstand die Hirtenflöte, oder Panflöte, die er Syrinx nannte.

entnommen den Debussy Seiten

Nun war sie also bei Pan und seiner Flöte gelandet, zu dem ja auch die Pömpel irgendwie passten. Sie sagte immer ‚Pömpel‘. Eigentlich heißen die Rohrkolben ‚Pompesel‘. Im Röhricht standen Schilfgras und Rohrkolben gerne beieinander.

Ein schwarzer Kormoran flog seine Runde und landete in einer Kuhle.

Schwarz und Weiß, Weiblich und Männlich – Blaue Feder hatte den Eindruck, es ging mal wieder um die weibliche und die männliche Kraft im liebevollem Miteinander. Sie dachte an den Findhorn-Garten und daran, dass Pan ebenso verunglimpft wurde, wie alle anderen Naturkräfte.

Sie ließ das jetzt einfach so stehen. Sie musste nicht alles an einem Tag verstehen.

Taiga machte es ihr vor. Sie würde sich dem Thema nun spielerisch widmen. Vielleicht konnte sie mit dem Schilfrohr schreiben, malen, flechten oder weben. Sie hatte in ihrem Atelier noch ein paar Schilfhalme aus dem vergangenen Jahr, als sie den Binsen-Weisheiten nachspürte.

Vielleicht passte die ‚Sage vom einsamen Moormann‘ ganz gut zu dem Erfahrenen. Diese Sage hatte ihr Brauner Bär erzählt und sie hatte die ‚Haubentaucher-Feen-Geschichte‘ daraus gewebt. Mit ihr weht ein Hauch von Frühling herüber.

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