Die kleine wilde Meerfrau

Im Traum war Blaue Feder in ihrem Garten. Dort hatten sich viele Kröten versammelt. Es sah aus wie eine Prozession. Im Apfelbaum hingen Mobiles mit Fünfsternen aus Stöcken zusammen gebunden.

Zum Advent band sie immer einen Fünfstern aus Stöcken und hängte ihn ans Tennentor. Für sie war der Fünfstern das Symbol der Venus, ein Stern der Freude und der Liebe. Ein Symbol für einen aufrecht stehenden Menschen. Wie passend, dass die Fünfsterne im Apfelbaum hingen. Durchschnitt sie einen Apfel quer, erschien ebenfalls der Fünfstern.

Sie malte gerade Illustrationen für ihr Urlaubs-Buch aus Goldenbaum – es sah aus, als würde es ein Märchen werden. Im Urlaub war sie vielen kleinen Kröten auf ihrer Wanderung begegnet. Sie war auch in ihrem Garten einer Kröte mit strahlenden goldenen Augen begegnet. Für sie waren die Kröten Botschafterinnen von Mutter Erde, waren Heilerinnen und Hebammen für diese Wandelzeit. Von jeher begleiteten sie die weisen Frauen.

Manchmal gelangte Blaue Feder an einen Punkt, wo sie am liebsten alle Geräte, wie Handy Computer, Fernseher aus ihrem Leben verbannen wollte – dann war sie reif für die Insel. Zum Glück rief sie gerade die Meerfrau auf die Insel im Westen. So tauchte sie noch einmal tief in die Energie des Westens und in das Meer. Einmal im Jahr gönnte sich Blaue Feder diese Auszeit im Tal der Heckenrosenfrau und machte im Klappholtal auf Sylt einen Bildungsurlaub.

Hier, wo es keinen Fernseher, keinen Computer und nur an wenigen Orten Handy-Empfang gab, hatte sie sich für einen MeerFit-Kurs angemeldet. Einen Tag bevor es losging, hatte sie, wie so oft, große Widerstände. – Kennst Du das? Erst freust du dich wegzufahren und wenn es soweit war, möchtest du am liebsten zuhause bleiben. Die Mondin war in den Krebs gewandert – vielleicht lag es daran, da kuschelte sich frau am besten zuhause in die Federn.

Es lag wohl eher daran, dass sie wusste, sie würde in der Woche an ihre Grenzen kommen. Sie befürchtete, dass alle anderen Frauen fit waren und nur sie überall hinterher wackeln würde. Sie hatte der ‚Meerfrau‘ gesagt, dass sie nicht fit war. ‚Deshalb kommst Du ja her‘, hatte diese geantwortet.

Es war dann auch so – ihre Befürchtungen wurden Realität. Sie war beim Walken stets die Letzte und lief allen anderen hinterher und beim Yoga quälte sie sich auf die Matte.

Am ersten Abend wollte sie gleich wieder nach Hause fahren, so dermaßen frustriert war sie. Doch dann kamen die Engel und putzten ihre Fenster. Sie weinte wohl die halbe Nacht und hörte das Meer rauschen in ihrer Hütte in den Dünen.

Gleichmäßig schlugen die Wellen an den Saum des Strandes. Am kommenden Tag wuchs sie über sich hinaus, stand wieder auf der Matte und ein Schalter hatte sich in ihr umgelegt. Sie hatte dem Meeresrauschen gelauscht und die Meerfrau hatte ihr zugeflüstert:

Folge deinem eigenen Rhythmus.

Sie ließ die anderen laufen und schaute, wie sie sich und ihrem Körper Freude bereiten konnte. Sie ging auch mal an ihre Grenzen, spielerisch und leicht. Sie lief am Meeressaum entlang, lauschte gemeinsam mit den Strandläufern dem Rhythmus des Meeres und tauchte in die Pulsierung ihres Herzens und fand ihren eigenen Rhythmus.

Beim Yoga entwickelte sie kreativ eigene Übungen, wenn sie sich nicht verbiegen konnte, wie die anderen. Es gab auch etwas, da war sie meistens die Erste. Jeden Morgen noch vor dem Frühstück, trafen sich die Meerfrauen zum Walken, machten Gymnastik am Strand und dann sprangen 15 Frauen splitterfasernackt und juchzend in das kalte Meer. Das Meer gab ihr Kraft und hinterher kribbelte der ganze Körper wohlig warm.

So verbrachte sie die Tage im Tal der Heckenrosenfrau. Sie stand mit dem Sonnenaufgang auf und ging mit dem Sonnenuntergang ins Bett. Viele Frauen aus der Gruppe trafen sich abends noch zum Schwofen und Klönen. Blaue Feder zog sich lieber in ihre kleine Hütte zurück, die Ren hieß und am Südpol lag. Sie hatte sich ein schönes Buch von einer jungen Frau mitgenommen: ‚An den Rändern nagt das Meer‘ von Anne von Trischen. Es handelt von einer jungen Frau, die sieben Monate allein, als Vogelwartin auf der Vogelinsel Trischen ihre Zeit verbringt. Allein dieses wunderbare Buch am Abend zu lesen, brachte sie in eine tiefe Entspannung.

Sie merkte, wenn sie sich in ihrem Rhythmus liebevoll annahm und mit dem ging, was sie gut konnte, fühlte sie sich wohl. Nach und nach kamen alle Frauen in der Gruppe und bei sich an und jede gab ihre Qualitäten in Gruppe. Die gemeinsamen Meditationen berührten Blaue Feder sehr. Sie spürte die Kraft, wenn sich Frauen im Kreis miteinander verbinden. Der Kurs war auch für Männer offen, aber es fand sich in diesem Jahr keiner ein. Sie konnte den MeerFit-Kurs mit der Meerfrau jedem ans Herz legen.

An einem Tag fand sie eine kleine Meerkugel aus Seegras am Strand. Nun hockte die kleine wilde Meerfrau in einer Muschel auf ihrer Fensterbank. Was sie wohl alles in ihrem runden Seegras-Körper gesammelt und mitgenommen hat? Den Duft des Meeres trug sie in ihre Hütte. An ihrem Gürtel trug sie die Weisheiten der Teepausen.

An ihrer Kette hing ein kleiner versteinerter Knopf oder war es ein Seeigel mit einem Loch? Ihr noch unbekannte Federn schmückten ihren Körper. Ein paar Hagebutten hatte sie als Kraftnahrung mitgenommen. Nun lauschte sie mit ihr in die Stille und sie hörte das Meer in ihrem Herzen singen.

Die Woche am Meer hatte einiges in Blaue Feder bewegt, nicht nur ihre alten Knochen. Sie war ausgezogen, die Freude an der Bewegung wiederzufinden und es war ihr gelungen. Sie merkte immer wieder, das Meer war der Kraftort, wo sie sich am besten erholen konnte. Ins Meer zu tauchen war für sie das Größte – es war wie nach Hause kommen.

Nun stand die kleine wilde Meerfrau auf ihrer Fensterbank und erinnerte sie an jene Kraft, an die Kraft der Meerfrauen.

Ihr Dank geht an die Meerfrau Anja von Sylt, die mit ihrem Strahlen den Raum öffnete für viele wertvolle Erfahrungen und an alle anderen wunderbaren Meerfrauen.

http://meerfrausylt.de/?portfolio=portfolio-big

3 Kommentare zu „Die kleine wilde Meerfrau

  1. Wie schön du das beschrieben hast! Mir geht es auch oft so: wenn ich in mein Atelier gehe und anfange zu malen, kann ich alles vergessen. Egal, ob es kalt ist, ob ich Durst habe, ob es schon Mitternacht ist oder ob ich eigentlich Essen kochen müsste. Ich lass manchmal sogar das Telefon einfach klingeln und rufe später zurück.
    Liebe Grüße von einem goldenen Herbsttag 🍁🍂🦉🍁..von Rosie

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