Der Schmetterlings-Schlüssel

Sie hatte von einem Schlüssel in ihrem Herzen geträumt. Der Schlüssel sah aus wie ein Schmetterling und erinnerte sie an ihre Winterbilder von dem Blauen Schmetterling. Sie war im Traum an einem Ort, einer Stadt und es gab einen großen Aufbruch. Die Menschen zogen fort in der Hoffnung, ihr Glück woanders zu finden. Ein Kind weinte und Blaue Feder wog es so lange in ihren Armen, bis sich seine Tränen in Perlen verwandelte. Dann begleitete Blaue Feder die Menschen ein Stück des Weges. Sie nahmen den Weg in den Norden. Blaue Feder blieb, denn sie hatte einen Schlüssel in sich gefunden, in ihrem Herzen.

Tagpfauenauge

Als sie erwachte, lauschte sie noch einmal dem Klang der Worte nach:

Ich bleibe!

Okay, das war vielleicht ein Hinweis, dem sie nachspüren konnte. So ganz überzeugt war sie noch nicht. Sie ging in ihr Atelier und folgte einer spontanen Idee. Sie wollte ihre Geschichten, wie der Neuntöter seine Beute, in einen Baum hängen. Sie fand in einer Schublade ein silbernes Band und schnitt ein paar Streifen zu – es waren Neun und sie schrieb neun ihrer Geschichten-Titel darauf.

Bald ging sie über die Schwelle und trat vor das Haus. Ihr kam in den Sinn einfach 25 Meter grade aus in den Osten zu gehen. Vielleicht begegnete sie dort dem Glück. Schon nach ein paar Schritten blieb sie an dem Winter-Samen-Topf stehen, in dem mittlerweile Schnitt-Lauch wuchs. Im Schnitt-Lauch saß ein Marienkäfer. Sie ging ihre 25 Schritte und blieb im Garten vor der Walnuss stehen, deren grüne Blätter und dessen Duft sie sehr beglückte. Er stand direkt vor ihrem Zimmerfenster. Sie liebte diesen Baum, der allen Vögeln und Tieren Zuflucht bot und immer etwas Leckeres zum Naschen.

Sie beobachtete zwei Vögel, die seit geraumer Zeit auf dem Schwalbenhof ein Nest bezogen hatten. – Wat vör een Vagel dat wohl war?

Es war ein unscheinbares graues Vogel-Pärchen, etwa so groß wie ein Spatz, nur filigraner. Besonders fiel ihr auf, wie die neuen Untermieter Insekten jagten. Sie saßen erst lange Zeit auf dem Rand des Daches, bis sie ein Insekt aufgespürt hatten, um sich mit waghalsigen Flugmanövern darauf zu stürzen. Auch war dieser Vogel überhaupt nicht bang. Am Morgen waren drei Eichhörnchen im Garten und holten sich ein paar Nüsse. Todesmutig stürzte sich dieser kleine Vogel auf die Eichhörnchen und versuchte sie zu verjagen. Blaue Feder brauchte eine Weile, um in ihren Büchern den besagten ‚Vagel‚ zu finden.

Sie gehörten der Familie der ‚Grauschnäpper‘ an. An ihrem Mut nahm sie sich ein Beispiel.

Im Garten bei den Weidenstöcken war ein kleines Kornfeld gewachsen, in dem ein fliegender Wal schwamm.

Blaue Feder kam in den Sinn, nun begann wieder die Zeit der Schnitterin, die mit ihrer Sichel das Getreide und die Ernte einholt. Sie hatte die abnehmende Sichel des Mondes in der Nacht am Himmel stehen sehen. Manchmal setzte die alte Schnitterin ihre Sichel dort an, wo es galt Überholtes loszulassen. Überall sah sie Bauern das Gras und Getreide schneiden und Meister Adebar schritt die Felder ab, auf der Suche nach dem einem oder anderen Leckerbissen.

Nun konnte wieder frisches Brot gebacken werden. Blaue Feder dachte unwillkürlich an ihren Brot-Job und fragte sich immer noch, wie die Lösung aussah. Sie kreiste schon länger um ein angst-besetztes Thema. Die Woche hatte sie mutig wie der Grauschnäpper das Gespräch mit ihrer Chefin gesucht, doch fanden sie keinen gemeinsamen Konsense. Sie stritten sich, warfen sich wahre Worte zu, die nachklangen und es fühlte sich am Abend wie ein reinigendes Gewitter an. Plötzlich wusste Blaue Feder, worum es ging. Sie spürte, wie mit jedem Kreis, den sie zog, die Angst kleiner wurde und das Vertrauen in die ihr innewohnende schöpferische Kraft wuchs.

Sie ging weiter rund um den Schwalbenhof. Zum Süden hin, traf sie schon auf die ersten Herbstboten, die Herbst-Anemonen, die schon kleine Blüten ansetzten. Ging sie 108 Schritte, wie Perlen auf einer Mala aufgereiht waren, stand sie im Süd-Westen direkt vor ihrem Atelier-Eingang. Nun würde die Sonne in den Löwen weiterwandern. Welche Abenteuer würde der Südwestwind übers Land wehen?

Ging sie 125 Schritte stand sie im Westen auf der anderen Seite des Hofes vor einem kleinen Apfelbaum, der über und über mit Äpfeln besetzt war. Sie konnte ihn auch oben aus ihrem Atelierfenster sehen. Sie hatte hin- und herüberlegt, welchem Baum sie ihre Geschichten anvertrauen wollte und als sie den Apfelbaum aus ihrem Fenster sah, fragte sie ihn ganz spontan und er willigte ein. So konnte sie beobachten, was mit ihren Geschichten-Bändern geschah. So wurde ihr kleiner Apfelbaum zum Geschichten-Heil-Baum.

Die Beziehung von Mensch und Baum ist eine sehr alte. Der Baum kann sich nähren, von dem, was für uns unverträglich ist. Er wandelt CO² in Sauerstoff und wir brauchen Sauerstoff zum Leben. So hängte sie ohne viel Aufhebens ihre Bänder in den Baum und übergab sie dem Wind der Veränderung. Die Geschichten-Bänder glitzerten silbern im Wind und erinnerten sie an die Feen-Bäume in Irland. Auch hier hängen die Menschen immer noch ihre Wünsche oder ihre Krankheiten in den Baum, mit der Bitte um Heilung.

Der ‚Wind of Change‚ wird es schon richten.

Nach 250 Schritten schloss sich der Kreis um den Schwalbenhof, wie ein Mandala. Im Norden stand noch der Sperrmüll, den sie gerade aussortiert hatten.

In der Mitte jenes Mandalas saß sie selbst, wie eine Spinne in ihrem Netz in ihrem Atelier und webte, was zu weben war. Sie räucherte ein wenig mit dem Gänsekraut des vergangenen Jahres und tauchte in ihren Lieblingsduft. Sie setzte sich auf ihren Sessel, legte die Hände auf ihr Herz und ließ ihr Herz den weiten Raum einnehmen. Wer weiß, vielleicht flog ein Schmetterling in diesen Raum.

Es gab viele wunderbare Kraft-Orte auf dieser Erde, doch der größte Kraft-Ort war wohl das eigene Herz. In unserem Herzen können wir überall hinreisen. Hier konnte sie mit ihrem Freund auf den Highlands wandern und zur Wollsammlerin werden. Hier konnte sie die Ziegen an den Drachensteinen hüten oder sie wurde zur Gänsehirtin im Tal der sprudelnden Quellen, deren Tränen sich in Perlen verwandeln.

Hier wohnte die Leichtigkeit. Fühlen wir uns grad schwer von der Last des Lebens, können wir den Schmetterling in unser Herz rufen. Vielleicht zaubert er uns ein Lächeln auf das Gesicht, das auch andere anstecken kann.

So tauchte sie in das Mandala ihres Wohnortes, der auf diese Weise für sie zum Kraft-Ort wurde.

Nach dem Frühstück saß sie noch eine Weile auf dem Hof mit Taiga auf dem Schoß. Da kam das Taubenschwänzchen angeflogen. Schnell rief sie Brauner Bär, er möge die Kamera herausbringen. Und siehe da, sie waren nicht scharf, weil so ein kleiner Kolibri sich nicht still irgendwo hinsetzte; aber es gab die ersten Fotos vom Taubenschwänzchen zu bewundern und sie war glücklich.

6 Kommentare zu „Der Schmetterlings-Schlüssel

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