Die Drachen fliegen wieder

‚Once in a Blue Moon‘, so könnte diese Geschichte beginnen.

Sie begann mit einem fremden Vogel, den Blaue Feder am Morgen im Halbschlaf Vogel singen hörte. Doch ehe sie erkunden konnte, welcher Vogel es war, war sie schon wieder eingeschlafen.

Die Natur zieht sich zurück. Blaue Feder fühlt sich ein wenig wie das Blatt an ihrer Scheibe. Sie möchte ganz loslassen und traut sich noch nicht. Die Dunkelstunden nehmen zu. Blaue Feder und Brauner Bär haben Lampen und Kerzen gekauft und machen es sich drinnen kuschelig.

Schon seit ein paar Tagen ist da diese Traurigkeit. Blaue Feder fand sie in die Stille. Im Traum begegnete sie einer dunklen Schwester, die alles zerstört. Was ist das für eine dunkle Schwester, die ihre Aufmerksamkeit sucht? Blaue Feder war erschöpft und müde. Das Jahr hatte viel Kraft gekostet. Sie hatte das Gefühl, es würde etwas Neues kommen. Doch erst einmal ging es darum, das Alte loszulassen. Dazu gehörte wohl die Trauer.

Jedes Jahr öffnen sich um Samhain herum, die Tore zu den Toten, zu den Ahnen und wir beschäftigen uns mehr mit dem Vergehen und dem Tod. Dieses Jahr war insofern besonders, weil ein 13. Mond am Himmel zu sehen war. In diesem Monat gab es zwei Vollmonde am Himmel zu sehen – einmal Anfang und einmal Ende Oktober. Einen ‚Blue Moon‘ gibt es etwa alle drei Jahre, immer wenn die Mondin sich in den ersten 11 Tagen des Jahres rundet gibt es 13 Vollmonde im Jahr.

Auf dem Schwalbenhof gibt es einen neuen Mitbewohner. Der alte Vater wird nächstes Jahr 90 und räumt seinen Keller auf und verschenkt viele seiner Sachen. Er fragte Blaue Feder, ob sie den ‚Dicken‘ mitnehmen möchte. Sie nahm den Bären gerne mit. Nun sitzt er bei ihr im Zimmer. Ein Auge fällt schon raus und der Mund hängt schief. Er sieht traurig aus. Er sieht aus, wie sich Blaue Feder fühlt. Als sie so beisammen saßen, sagte er: „Ich heiße Emil und nicht Dicker!“

Jedes Jahr nehmen wir Abschied von der Fülle und von unseren eifrigen Beschäftigungen. Emil heißt der ‚Eifrige‘. Da ist immer diese Übergangszeit in die stille Zeit. Emil war der Bär der verstorbenen Schwiegermutter. Sie ist schon vor einer Weile gegangen. Dann saß er eine Weile allein in ihrem Zimmer und trauerte. Nun ist er auf dem Schwalbenhof. Er fühlt sich etwas fremd und allein. Blaue Feder wird ihn bei der Hand nehmen und ihm alles zeigen. Es gibt schon eine Bärenbande auf dem Hof. Vielleicht können sie Freunde werden. Vielleicht können sie zusammen eine Bärenhöhle bauen und sich auf den Winterschlaf vorbereiten. Momentan tut es gut, sich gegenseitig die Hand zu reichen. Füreinander da zu sein im engsten Kreis.

Blaue Feder saß gestern am Feuer und verbrannte alte Tagebücher – nicht alle, nur ein paar. Es fühlte sich befreiend an, das Alte loszulassen. Irgendwie war da ein Vertrauen in ihr, das Wesentliche, der Kern würde schon übrig bleiben. Ist es nicht jedes Jahr so, dass in dieser Zeit vieles vergeht, aber die Samen für das neue Leben schon in der Erde liegen? Blaue Feder weiß nicht was kommen wird. Sie gibt sich, so gut es geht, einfach dieser Zeit hin, im Vertrauen, etwas Neues wird kommen. In der langen Winterzeit werden die neuen Visionen geboren. Doch jetzt heißt es erst einmal, loslassen. Vielleicht noch einmal schauen, was war in diesem Jahr.

Sie schläft grad mehr als sonst. Früh geht sie ins Bett und schläft aus, wenn es geht. In der Nacht, in den Träumen, passiert viel, dem sie Raum gibt, auch wenn sie es nicht fassen kann.

Sie sucht die Nähe des Wassers. Sie waren am Meer und sind in die Weite getaucht, zusammen mit vielen anderen. Ein Satz erklang in in ihrem Herzen:

‚Die Drachen fliegen wieder!‘

Während Blaue Feder diese Zeilen schreibt, hat das Blatt losgelassen und liegt nun mit all den anderen Blättern am Boden. Die Sonne lädt ein, das Laub der Walnuss später zusammenzuharken. In den letzten Duft der Walnussblätter zu tauchen und vielleicht ein Winterbett für den Igel in den Büschen zu bereiten.

4 Kommentare zu „Die Drachen fliegen wieder

  1. Du Liebe, ja, traurig bin ich auch oft in den letzten Wochen und auch ratlos. Sobald ich aber draußen bin, wird der Schritt leichter. Der Oktober beschenkte uns mit großer Farbenpracht, gerade eben ist es föhnig warm, ein bisschen Kopfweh habe ich wieder. Es gilt in Kontakt mit den Vorausgegangen aufzunehmen und ihnen gut zuzuhören in diesen Zeiten. Vielleicht schenken sie Rat im Ratlosen.
    Emil habe ich sofort ins Herz geschlossen!
    Ganz liebe und verbundene Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    1. Moin, moin liebe Ulli,
      wie schön von Dir zu hören. Mir geht es auch draußen auch am besten. Allein die Traurigkeit zuzulassen, tat schon gut. Ich habe die ganze Nacht das Dach festgehalten. Hier tobt ein heftiger Sturm. Wohl ein Gruß von meinem Bruder aus Irland. Emil lebt sich langsam ein. Ist schon toll einen so alten Bären im Haus zu haben. Werde gleich mal in Deine Herbstfarben tauchen. Drücke Dich, Susanne

      Gefällt 2 Personen

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