Der Drachenbaum

Jeden Tag hörte sie nun den Ruf des Austernfischers. Oft flog er über ihren Hof. Sie sah ihn ein paar Mal auf den Wiesen rund um ihr Dorf. War er ihr von Sylt gefolgt? Warum hatte sie ihn früher nicht wahrgenommen? Oder war er gar der Vogel, dessen Ruf sie einst hörte und nicht wusste, welcher Vogel es war?

Der Austernfischer erinnerte sie noch einmal an ihre Reise in das Land der Heckenrosenfrau und mit jedem Ruf erinnerte er sie, sich selbst liebevoll in den Arm zu nehmen.

Es begab sich zu einer Zeit, war es gestern oder vor 100 Jahren, da entdeckte ein junger Heilkundiger ein verlassenes Dünental auf der Insel Sylt. Auf einer Fahrt mit der Kleinbahn von List nach Kampen, musste die Lokomotive mit Wasser aufgetankt werden. Da entdeckte ein junger Mann, namens Ahlhorn zwischen den Dünen ein Tal, in dem nur ein paar alte Militätbaracken standen. Hier kam ihm die Idee, eine Ferienlager für die ‚Wandervögel‘ aufzubauen. So wurde 1919 das Ferienlager Klappholttal gegründet. Ein paar Grudsätze lagen dem Gründer am Herzen: ein Leben in Naturnähe, in Gemeinschaft und kulturelle Aktivitäten.

Genau das gilt für Klappholttal noch heute – nach 100 Jahren. Wohl alle, die hierherkommen, spüren diesen besonderen Geist, spüren die heilende Kraft dieses Platzes. Es gibt Orte, da spüren wir diese Kraft. Blaue Feder spürte diese Kraft auch an dem Ort, an dem sie lebte.

Im Tal der Heckenrosenfrau wurde Blaue Feder erst einmal bewusst, wie erschöpft sie war. Sie nahm tiefe Züge und atmete den Duft der Heckenrosen ein. Das tat ihr gut und sie fragte sich weiter, was ihr momentan gut tun würde? Sie stieg wieder die Himmelsleiter hinauf, vorbei am Haus des Däumling, wurde selbst zur Heckenrosenfrau, zog ihre Schuhe aus und tauchte tief ins Meer.

Ob am Meer, in den Dünen, zwischen den Heckenrosen oder unter den alten Kiefern war diese heilende Kraft zu spüren. Blaue Feder tauchte in den Geist der alten Kiefern. Es gibt sehr alte Kiefernwälder auf Sylt. Wie Schlangen oder Drachen folgen sie urwüchsig ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Sie widerstehen nicht dem Wind, sie sind vielmehr baumgewordener Wind. Sie wiegen sich in seinen Armen und lassen sich Formen.

‚Föhre‘ ist ihr althergebrachter Name. Ihr Klangbild erinnerte sie ans Feuer und hat tatsächlich die gleiche Wurzel – entwickelt sich aus ‚foraha‘, was Feuer bedeutet. Die Kiefer ist ein warmer Baum, ein Feuerbaum. Lassen wir uns unter Kiefern nieder, tauchen wir in ihren harzigen Geruch. Die goldenen Tränen des Baumes machen die Föhre unsterblich. Der fossile Harz ist als Bernstein bekannt und ist als Schmuck immer noch sehr beliebt. Blaue Feders Mutter trug immer eine Bernsteinkette, die nun bei ihr in einem Döschen als Erinnerung auf dem Altar lag. Nahm sie ihren Bernstein in die Hand, fühlte sie die Wärme der Mutter.

Im harzigen Duft der Föhre lässt es sich gut atmen. Kieferngewächse mit ihren immergrünen Nadeln erinnern uns an das immerwährende Leben auch im Winter. ‚Drachenbäume‚ werden sie genannt.

Blaue Feder hatte sich einen schattigen Platz unter einer alten Kiefer gesucht. Der Wind strich sanft durch ihre Zweige. Sie roch den warmen Duft vom Harz. Sie hatte einen klumpen Ton in den Händen. Sie rollte ihn auf dem warmen Sandboden in den Nadeln der Kiefer. Nach und nach formte sich ein kleines Wesen in ihren Händen aus dem klumpen Ton. Sie arbeitete etwas Baumrinde, Muscheln und Kiefernzapfen mit ein und ein kleiner Drache schaute sie an.

Sie saß im Schatten der alten Föhre und das kleine Wesen sprach zu ihr:

‚Schau, das bist Du. Du bist selbst ein Drache. Flieg kleiner Drache, flieg.‘

Das kleine Kiefernwesen riet ihr, das zweite Halbjahr mehr zu schauen, was sie ihrem Körper Gutes tun konnte. Blaue Feder hatte körperliche Probleme. Die wurden in dieser Woche offensichtlich. Wir haben nur diesen einen Körper, der unser Zuhause ist und ganz wohl, fühlte sie sich momentan nicht in ihrem Körper. Mal schauen, was sie tun konnte, es zu ändern.

Sie erinnerte Worte aus dem Buch im ‚Körper zuhause‘ von Luisa Francia:

Wir alle haben mehr als jede Heimat im äußeren Raum eine Heimat in uns selbst, ein Gefühl von Vertrautheit, von nach Hause kommen. Wenn es uns gut gehe, spüren wir die Sonne im Herzen, das Meer in uns, den Mond in unseren Träumen, die Sterne der Inspiration. Manchmal ist alles verschüttet, manchmal ist das Potenzial dieser starken Heimatsgefühle durch äußere Angriffe verletzt und nicht mehr wirklich spürbar. Es gibt gemütliche Körperheimatsgefühle oder kulinarische, fette, aber auch karge. Das Heimatgefühl des Körpers kann üppig sein oder minimalistischsein. Manche brauchen viel Schutz, andere gehen kühn mit ihrem Köprer in die Welt, ohne über ihn nachzudenken.“

Blaue Feder hatte die internetfreie Zeit im Klappholttal gut gefallen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie am Wochenende ihr Handy in die Schublade gelegt. Das würde sie mal wieder ausprobieren. -So wird sie sich hier, ein wenig oder mehr zurückziehen, denn das Schreiben am Computer strengte ihren Körper sehr an, da sie schon in ihrem Brotjob fast die ganze Woche am Computer saß. Ihr Körper wollte sich bewegen und sie wollte sich in Ruhe sich ihrer Kunst widmen. Sie sahen in der Woche im Klappholttal noch einmal den Film von Hilma af Klint und ihr wurde klar: ‚Bilder aus der Stille, können nur in Stille gewebt werden‚.

Blaue Feder wird hier ihre Drachen-Geschichte in Ruhe ausklingen lassen. Ihr Geschichte, von den Drachen, die wieder fliegen. Sie selbst war einer dieser Drachen, die sich aus dem Meer der Zeit erheben, ihre Flügel ausbreiten und wieder fliegen lernen.

Sich selbst zu fühlen ist eine Art Vermessung des inneren Landes; des eigenen Körpers. Über den Körper spüren wir, was uns gut tut. Die Landschaft um uns herum, kann uns dabei ein Spiegel sein. Welches Kraut wohnt in meiner Nähe? Welchen Vögeln begegne ich oft? Welche Bäume stehen in meinem Garten? Hat das etwas mit mir zu tun? Sich mit der Landschaft um uns herum zu verbinden, kann die Verbindung zum eigenen Körper stärken.

Sich ab und an mit dem Meer zu verbinden, tat Blaue Feder sehr gut. Dann spürte sie wieder wie das Leben in ihr pulsiert und sie gab sich dem Kommen und Gehen einfach hin in diesen Zeiten des Wandels.

Die volle Mondin ruft und Blaue Feder geht jetzt mal hinaus, um hinein zu lauschen.

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