Paula und die Früchte des Lebens

An einem schönen Herbstmorgen öffnete Blaue Feder die Gardinen und freute sich – Paula war wieder da. Sie stand vor ihrem Fenster im Garten und pickte das Vogelfutter auf. ‚Paula ist wieder da!‘ sang es in Blaue Feder fröhlich. Sie sah gut aus, hatte ein schönes Federkleid und war gut im Futter.

Sie kannte Paula nun schon einige Jahre. Vor fünf Jahren, als der Neumond am September-Himmel hing, kam sie das erste Mal in ihren Garten marschiert.

Ein paar Tage später fand Brauner Bär im Gebüsch frisch gelegte Eier.

Blaue Feder legte sich morgens auf die Lauer und sah, wie Paula jeden Morgen kam, ein Ei legte und wieder ging. Einen ganzen Monat lang hatten sie frische Eier. Dann kam sie leider nur noch sporadisch und sie legte auch keine Eier mehr in ihren Garten. Das war schade, denn die Eier waren sehr lecker. Sie hatten viel erlebt mit Paula. Sie wohnte eigentlich auf dem Hof nebenan. Sie hatte es nicht immer leicht. Zu Beginn hatten ihre Nachbarn zwei Hähne und Paula. Da sah sie manchmal aus wie ein gerupftes Huhn. Wenn es ihr zu blöd war, nahm sie Reißaus und kam rüber in ihren Garten. Hier hatte sie Ruhe vor den Streithähnen. Blaue Feder sprach immer mal wieder mit den Nachbarn und mittlerweile gab es nur noch einen Hahn und mehrere Hühner. Deshalb sah Paula wohl so gut aus und sie kam auch nur noch selten zu Besuch. Nun war sie also schon mindesten fünf Jahre alt. Blaue Feder wusste gar nicht wie alt Hühner werden.

In dieser Woche musste Blaue Feder in die große Stadt fahren. Es fiel ihr schwer nach der langen Zeit in der Natur, wieder in ihren Alltag zurückzufinden. In ihrem Zimmer in der Großen Stadt standen alle ihre handgeschriebenen Tagebücher. Am Abend nach der Arbeit schaute sie ihre Tagebücher durch und fand tatsächlich für das besagte 28. Lebensjahr einen dicken Ordner. Darin waren fein säuberlich alle ihre Träume, ein paar Malereien und ihre Gedanken abgeheftet. Blaue Feder las einige ihrer Träume und war erstaunt, wie detailliert sie alles aufgeschrieben hatte. Sie steckte den dicken Ordner in ihren Rucksack und nahm ihn mit aufs Land. Er fühlte sich schwer auf ihren Rücken an. Sie fragte sich, was schleppst Du die alten Geschichten mit Dir rum? Ihr fiel ein Satz wieder ein, den sie im frühen Jahr bekommen hatte ‚Lass die alten Geschichten ruhen!‘

Vielleicht würde sie den Ordner mit samt seinem Inhalt mit einem Ritual verbrennen. Vielleicht würde sie ihn auch einfach ruhen lassen. Sie wusste es noch nicht.

Wie es denn manchmal so ist, meldeten sich die Tage zwei Frauen aus eben jener Zeit, mit denen sie sich damals sehr verbunden gefühlt hatte. So freute sie sich, doch merkte sie schnell im Gespräch, dass sie nur noch ihre gemeinsame Vergangenheit verband. Manchmal traf sie jemanden aus ihrer Vergangenheit und konnte den Faden wieder aufnehmen und weiterknüpfen und manchmal traf sie Menschen wieder und merkte, der Faden war gerissen und konnte wohl auch nicht mehr zusammengeflickt werden. Sie war traurig, wie sehr ihre Wege auseinandergedriftet waren und sie keine Gesprächsbasis mehr miteinander fanden. So traurig wie das war, wurde ihr bewusst, dass sie mittlerweile woanders in ihrem Leben stand. Sie war nicht mehr die verängstigte junge Frau von einst. Sie hatte ihren eigenen Weg gefunden und war im Herbst ihres Lebens angekommen und sie war dankbar für alles, was sie auf ihrem Weg gelernt hatte.

Sie erinnerte sich wie sie damals mit Pflanzenfarben Bilder gemalt hatte. Sie hatte sich zum Beispiel auf die Planeten eingestimmt und ‚Planeten-Bilder‘ gemalt. Sie hatte sich auch auf Menschen eingestimmt und für ihre Freunde und Familie Bilder gemalt.

Damals hatte sie ihre erste kleine Ausstellung mit den ‚Planeten-Bildern‚ und sie verkaufte fast alle. Nur Eines war bei ihr geblieben und hatte all die Jahre in ihrem Bilderdepot überdauert. Es war das Bild von dem Saturn. Das wollte wohl keiner haben. Sie fand es sah auch aus wie ein Ei. Sie hatte es ‚Jenseits von Saturn‘ benannt.

Zum Thema Saturn kamen Blaue Feder die Wasserbüffel in den Sinn, die sie im Urlaub auf dem Darß begrüßt hatten. Lange hatten sie bei ihnen gestanden und zugeschaut, wie sie gemächlich das Gras zerkauten. Sie hatten die Ruhe weg. Im asiatischen Raum wird das laufende Jahr, als das ‚Jahr des Büffels‘ beschrieben. Die Sternen-Menschen sprechen von dem Jahresregenten ‚Saturn‚.

Blaue Feder dachte bei ihrem Bild an das berühmte Kamel, das sich durch das Nadelöhr zwängt. Das Jahr hatte es wirklich in sich. Doch wie fühlt es sich jenseits von Saturn an? Vielleicht möchte die Alte Weise, das wir selbst zu Meistern werden, wir unser Leben eigenverantwortlich meistern?

Zur Zeit der vollen Mondin setzte Blaue Feder sich hin und stellte sich das Segelschiff in ihrem Herzen vor. Sie hisste die Segel und stellte sie in den Wind und schaute was passierte. Eine Zeit lang glitt sie einfach wie schwerelos über das Wasser. Das war sehr angenehm. Dann kam ein Land in Sicht und sie stieg aus ihrem Boot ans Ufer. Der weiche Sand fühlte sich wohlig an unter ihren Füßen.

Ein großer wilder Wald lag vor ihr. Sie suchte sich einen Weg hinein. So ging sie eine Weile, bis sie zu einem Tor kam. Eine Wächterin stand an diesem Tor und gab ihr einen Korb in die Hand. Hierin kannst Du die Früchte Deines Lebens einsammeln. So ging Blaue Feder über die Schwelle mit der Frage: Was sind die Früchte meines Lebens?

Mit ihrem Korb im Arm ging sie weiter durch den Wald, bis sie zu einer Lichtung kam. In der Mitte der Lichtung stand eine große Birke, die sie gut kannte. Den Samen für diese Birke hatte sie einst selbst in ihren Seelengarten in die Erde gelegt. Sie war jung und uralt zugleich Am Fuße der Birke stand ein Fliegenpilz.

Blaue Feder begrüßte die Birke und setzte sich mit dem Rücken an ihren Stamm. Es war ihr, als wäre der Stamm der Birke ihr Rückgrat. Sie bekam den Impuls ein Stück von dem Fliegenpilz abzubeißen und etwas zögerlich biss sie hinein.

Sie verwandelte sich in eine Eule und flog hinaus in die dunkle Nacht. Sie sah die goldene Quelle im Wald unter sich, wie auf ihrem gesticktem Bild. Die volle Mondin stand am Himmel und die Sterne blinkten. Bis hinauf zu den Sternen flog sie und sammelte den Sternenstaub ein. Sie sammelte ihre Träume ein und sie war dankbar für all die Träume, die ihr geschickt wurden. Sie waren stets ihre Wegbegleiter durch das Leben und gaben ihr immer wieder wichtige Hinweise.

Schon ging es im Sturzflug hinab und die Eule fing eine kleine Maus. Blaue Feder verwandelte sich wieder in Blaue Feder und wollte grad der Eule sagen, ‚die Maus frisst du aber nicht‘, da hatte sie die kleine Maus schon in ihrem Korb abgelegt.

Blaue Feder nahm die kleine Maus in die Hand und schaute ihr in die Augen und fragte lachend: ‚Bist Du die Maus im dritten Haus und kennst Dich mit jedem Käse aus?‘ Die Maus war eine Geschichten-Erzähl-Maus und mit ihr landeten nun all die wunderbaren Geschichten in ihrem Korb. Blaue Feder war dankbar für all die Geschichten, die ihr zuteil wurden und durch die sie so viel lernte.

 Sie setzte die kleine Maus auf die Erde und gemeinsam gingen sie durch eine Wiese. Blaue Feder war nun so klein wie die Maus und betrachtete die Welt aus der Mäuse-Perspektive. Die Blumen erschienen ihr groß wie Bäume.

Doch, bevor sie sich noch wundern konnte, saß vor ihr auf einer Blume ein Libelle. Diese fing an zu tanzen und ehe es sich Blaue Feder versah, nahm die Libelle sie bei der Hand und sie tanzten zusammen. ‚Ich bin die Regenbogen-Tänzerin‘ und schwupps, tanzten sie zusammen über einen Regenbogen, der in den schönsten Farben leuchtete. Blaue Feder sammelte die Farben in ihren Korb ein und sie war dankbar über all die Farben, die ihr Leben so bunt machten.

Am anderen Ende des Regenbogens rutschte sie hinab und wo landete sie? Sie landete inmitten ihres Dorfes zu den Füßen von Ayla, ihrer Dorf-Eiche. Dort nahm sie ihren Platz ein, denn hier war sie Zuhause. Hier zog sie ihre Kreise und schaute, ob auch alles in Ordnung war, denn sie war die Hüterin dieses Ortes.

Mit ihren Früchten des Lebens im Korb, mit ihren Träumen, ihren Geschichten und den Farben ging sie weiter und kam an ein Feuer. Hier saßen schon viele Menschen und feierten ein Erntedankfest. Sie teilten ihre Geschichten, sie lachten, tanzten und sangen zusammen. Jeder gab in die Runde, was er oder sie an Früchten geschenkt bekommen hatte und es wurde lange gefeiert bis tief in die Nacht.

Als das Feuer erloschen war und alle gingen, sah Blaue Feder aus dem Augenwinkel, dass ihr jemand ein Goldenes Blatt in den Korb legte. Sie wusste nicht, wer es ihr hineingelegt hatte, doch freute sie sich. – War es vielleicht Frau Holle, die ihr ein goldenes Blatt in ihren Korb legte? Das Goldene Blatt erinnerte sie daran, sich immer mal wieder eine Pause zu gönnen.

Mit den Früchten des Lebens in ihrem Korb ging sie heim. Daheim sprang noch ihre Katze in den Korb und gab ihr zu verstehen, ohne sie ging es garnicht. – Das war wohl wahr!!!

Blaue Feder war dankbar für die Früchte des Lebens, die sich in ihrem Korb befanden und in ihrem Herzen formte sich nur ein großes Wort –

Danke!

4 Kommentare zu „Paula und die Früchte des Lebens

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