Eine Unterhaltung mit der Küchenschelle

Da stand sie im Baumarkt und lachte Blaue Feder an. Es gab sie in verschiedenen sanften Farben. Die Rote sprach sie an und doch ging sie weiter. Der Name Küchenschelle sagte ihr nichts. Doch immer wieder kam sie bei dem Stand mit den Küchenschellen vorbei. Also las sie sich das Schild genauer durch und las ‚Pulsatilla‘.

Damit konnte sie schon mehr anfangen. ‚Pulsatilla‘ war in der Homoöpathie eines ihrer Konstitutionsmittel gewesen. Gerade in den Anfängen hatte sie es oft bekommen. Es war ein Mittel für die etwas zartbesaiteten Kinder. Spannend war ja nun, dass sie garnicht wusste, welche Pflanze sich hinter den Kügelchen verbarg. Das machte sie nun doch neugierig und so nahm sie einen Topf mit der Küchenschelle mit nach Hause.

Sie pflanzte die Küchenschelle in einen Tontopf und stellte sie raus zu den anderen neu gepflanzten Blumen. Da stand sie nun eine Weile, während der Winter und auch der Sturm wieder ihren Einzug feierten. Zu den erneuten Ausgangssperren ließ Frau Holle es mal wieder schneien. Vielleicht, damit es den Menschenkindern nicht ganz so schwer fiel, daheim zu bleiben.

Vom Küchenfenster aus beobachte sie, wie sich die Küchenschelle mit dem Wind hin- und herbog. Ob sie die Kälte abkonnte?

Eines Morgens ging Blaue Feder in den Garten und die Feenhandschuhe lachten sie aus Tautropfen-Augen an. Der Schnee war geschmolzen.

Wieder kam sie an der Küchenschelle vorbei und da kam ihr der Impuls, sich einmal ein bisschen mit ihr zu unterhalten. Sie holte sie rein, setzte sich aufs Bett und stellte die Blume auf ihren Schoß.

‚Ich dachte schon, Du holst mich nie rein!‘ sagte die Küchenschelle.

Blaue Feder schaute sich die filigrane Pflanze genauer an. Sie roch an ihr, aber einen großartigen Duft verströmte sie nicht. Sie war über und über mit Haaren besetzt, die sie wohl vor der Kälte schützten. Denn tatsächlich blüht die Küchenschelle schon im Vor-Frühlung, wenn der Schnee anfängt zu schmelzen.

Blaue Feder dachte, sie war vielleicht zu ihr gekommen, um Licht in die alltäglichen Dinge des Haushaltes zu bringen. Die Küchenschelle hatte wohl ihre Gedanken gelesen und fing an zu erzählen:

‚Ich heiße nicht Küchenschelle, weil ich etwas mit der Küche zu tun habe, sondern weil meine Blüten wie Glocken aussehen, die an den Kühen schellen, wenn sie im Frühling auf die Weide getrieben werden. ‚Küchen‘ sind kleine Kälber. Ich stehe gern im Wind und lass die Glocken läuten.‘

‚Meine Familie sind die Ranunkeln oder auch Hahnenfußgewächse. Schau Dir mal meine Blätter genauer an. Sehen sie nicht aus wie Hahnentritte? Ranunkeln haben ihren Namen von den ‚Rana‘, den Fröschen und Kröten. Das heißt, Ranunkeln finden sich dort, wo auch Frösche und Kröten gerne wohnen.

Du hast schon ein paar meiner Schwestern kennengelernt. Erinnerst Du Dich an den Winterling im Birkenwald? Sie ist auch ein Hahnenfußgewächs. Im Auenwald haben Euch die Buschwindröschen und das Scharbockskraut angelacht. Auch sie gehören zu meiner Familie. Grad hast Du Samen von der Jungfrau im Grünen ausgesät und zwei Waldreben an die Weidenfrau gepflanzt. In Deinem Garten stehen viele Herbst-Anemomen und Akeleien. Was meinst Du, warum Dich die Akeleien heute Morgen aus Tautropfen-Augen angeschaut haben? Sie alle gehören zur Famile der Hahnenfußgewächse. Erinnerst Du Dich, Du hattest immer ein Lieblingsmittel in der Homöopathie, dass Dir sehr geholfen hat. – Ja, der Sturmhut, das Aconitum, ist auch ein Hahnenfußgewächs.‘

Blaue Feder hatte das Gefühl, dass musste jetzt erst einmal sacken. Sie hatte den Eindruck, dass die Hahnenfußgewächse eine Botschaft für sie hatten. Doch schon sprach die Küchenschelle weiter:

‚Wir sind schon ganz lange auf Mutter Erde, bestimmt 100 Millionen von Jahren und neigen gerne unsere Köpfe ihr zu ehren. Wir mögen es nicht allzu warm, deshalb erblühen wir schon zeitig im Frühjahr. Frost und Schnee können uns nichts anhaben, dafür tragen wir einen Pelz. Aber wir stehen nicht gerne allein. Wir lieben die Gesellschaft und kuscheln gerne.

‚Bist Du schon einmal mit den Fingern über unseren zarten Pelz gestrichen? Wir haben einen Pelz wie ein Bär. Vielleicht werden wir deshalb auch Bärenblume genannt. Wir sind ganz weich und zart, aber trotzdem auch robust und nicht zerbrechlich. Wir lieben es in zarten Farben zu blühen. Wir lieben es uns an frischer Luft leicht zu bewegen. Unsere Haare sind unsere Sinnenorgane. Damit spüren wir den leiseste Windhauch. Wir sind schon sehr sensibel. Doch öffnen wir unsere Blüten, kommen die kräftigen goldgelben Stempel zum Vorschein.

Wir sind eher schüchtern und gutmütig. Doch sollte man uns nicht unterschätzen, denn unser Saft ist sehr ätzend und giftig. Die Kühe kennen uns gut. Wenn wir auf ihrer Weide stehen, fressen sie fein säuberlich um uns herum. Sie wissen wie ihr Mund und Rachen brennt, wenn sie uns verspeisen. Doch im getrocknete Heu sind wir ihnen willkommen. Sie wissen uns auch zu schätzen, wenn die Gelenke schmerzen. Dann legen sich auf uns und wälzen sich. Wir ziehen dann den Schmerz aus ihrem Körper. Du musst Dich nicht in uns wälzen. Wir nehmen Deinen Schmerz mit, allein, wenn Du unsere Nähe suchst.

Wir haben tiefe Wurzeln und lassen uns nicht gerne verpflanzen. Wie die Kühe mögen wir die Mondin gerne. Wir fühlen mehr, als das wir denken. Wir sind wie Kinder, die sich dem Spiel hingeben, wenn man sie lässt.

Hingabe ist unsere Gabe.‘

Als Blaue Feder die Worte hörte, sah sie wieder Schneeweißchen und Rosenrot mit dem Bären rumtollen im Haus der Mutter am Herdfeuer. Sie sah die Kinder mit dem Bären ausgelassen spielen. Sie erinnerte sich, wie geborgen und beschützt die Kinder in der Natur spielten. Wie die Große Mutter für sie sorgte und sie mit allem versorgten, wenn es an der Zeit war.

Die Küchenschelle sprach unmittelbar zu ihrer Seele. Es tat gut, sich die Zeit zu nehmen, sie in Ruhe zu betrachten. Dann wollte sie doch wieder hinaus. Die warmen aufgeheizten Räume waren nicht so ihres.

‚Ich mag es lieber kühl, wenn der Wind mich hin- und herwiegt und meine Glöckchen erklingen.‘

In der folgenden Nacht träumte Blaue Feder von Auerhähnen oder Auerhühnern in ihrem Garten. Sie waren groß und nicht schwarz, sondern mal wieder Blau. Blaue Feder zeigte einer Frau ihre vielen Kunstbücher, aber irgendwie kam da kein wirkliches Interesse zurück.

Blaue Feder war traurig, als sie aufwachte. Da gab es einen alten Schmerz. Doch hatte dieser Schmerz überhaupt noch mit ihrer Gegenwart zu tun? Hatte sie nicht schon ganz andere Erfahrungen gemacht? Gab es nicht durchaus Interesse an ihrer Kunst?

– Vielleicht konnte ihr die Küchenschelle helfen, diese Fragen näher zu beleuchten. Sie nahm sie mit ins Atelier. Erst legte sie sich eine Musik auf und tanzte. Als sie so tanzte, fiel ihr Blick auf ihre vierte Schatzkiste. Sie hatte das Haus der Baba Jaga auf ihren Hühnerfüßen in die Schatzkiste gemalt. Manchmal hatte Blaue Feder Zweifel an dem, was sie so machte.

Doch dann wurde sie wieder an die große Schöpfungskraft erinnert. Die von ihr gesäten Samen wuchsen nach ihren eigenen Gesetzen. Manche keimten vielleicht garnicht, andere wuchsen schnell und wieder andere entfalteten sich ganz langsam. Als sie ihre Pflanztöpfe draußen anschaute, sah sie, die Gartensenfrauke srteckte schon ihre Köpfchen aus der Erde. Das erfüllte sie mit Zuversicht. Dann setzte sie sich hin und zeichnete ganz in Ruhe die Küchenschelle und tauchte in ihre Gegenwart.

Im Gespräch mit der Küchenschelle hatte Blaue Feder am meisten berührt, dass die Hahnenfußgewächse nie allein stehen. Sie stehen immer in Gruppen. Das berührte eine Sehnsucht von Blaue Feder und den Wunsch sich zu vernetzen.

Nun, es war die Zeit der Neuen Mondin und mit ihr flatterte eine Anfrage für eine Gruppenaustellung in Meldorf ins Haus. Da gab es wohl doch ein Interesse! Vielleicht war das ein zarter Faden, sich hier in der Gegend mehr zu vernetzen? Auf jeden Fall freute sich Blaue Feder sehr über die Anfrage.

Manchmal tut es wohl gut, sich mit einer Küchenschelle zu unterhalten.

11 Kommentare zu „Eine Unterhaltung mit der Küchenschelle

    1. Liebe Susanne, da sind wohl die Widder-Energien mit mir durchgegangen. Das ist noch garnicht Spruchreif. Wir müssen uns erst einmal mit der Kuratorin treffen. Aber ich habe mich so gefreut, dass sie angefragt hat. Wenn es so sein soll, dann im Sommer vor unserer Ausstellung hier. Ich sage Dir Bescheid! Herzliche Grüße, Susanne

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  1. Ja, schön deine Zwiegespräche. Die Küchenschelle mag ich sehr. Ich hatte mal eine auf dem Balkon, aber irgendwann war sie weg. Das sie die Kälte mag, gilt auch für ihre Samen. Ich wollte sie mal aussäen. Sie ist ein Kaltkeimer und keimt nur, wenn die Saat Frost bekommt. Für die Anfrage drücke ich dir die Daumen! Ich verstehe gut, was du meinst, daß mit den Zweifeln. LG

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    1. Ah, das mit dem Kaltkeimen habe ich noch nicht gewusst- spannend. Ja, ich glaube ,viele von uns tragen alte Glaubenssätze mit sich rum, aber manchmal habe ich den Eindruck, stimmen sie garnicht mehr. Danke für’s Daumendrücke. Die Kuratorin kommt am Samstag zu Besuch. Herzliche Grüße, Susanne

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