Blaue Feder versuchte noch einmal am kommenden Tag ihr Glück mit den Polarlichtern. Auf der Suche nach dem Licht begegnete sie in erster Linie sich selbst und schaute ein bisschen in ihr Herz.


Eine Eule stand erleuchtet im Fenster des Rosenhofes und zwinkerte ihr zu. Die einzigen Polarlichter, die sie in der Dunkelheit fand, waren die Lichter von Windkraftanlagen.


Als sie nach Hause kam, setzte sie sich zu Ayla ihrer Dorfeiche und die schnarchte gemütlich wie eine alte Bärin und träumte weiter ihren Wintertraum. Am Schwalbenhof hing noch der Stern der Freude in allen Regenbogenfarben und Blaue Feder kam der Gedanke:
Ich trage alle Farben des Regenbogens in mir.

In der Küche tanzte Brauner Bär und kochte ein feines Essen. Und siehe da, hatte sie doch ein feines Nord-Licht gefunden.

Nach dem leckeren Mahl hatte sie sich ans Feuer gesetzt und bekam in ihrer Meditation einige Ideen für eine Geschichte zu ihrem Regenbogendrachen, wollte sie bei der Vernisage und der Taschenlampenführung der WestArt-Ausstellung eine kleine Geschichte erzählen. Die Geschichte erzählte von den Farben, aus denen sich die Vielfalt auf Mutter Erde entwickelt hatte und von unserer Aura, die leuchtet, wie die Polarlichter, in den Farben unserer Seele. Nach der Meditation war sie glücklich und ihr Blutdruck wieder normal. Sie musste mal beobachten, wann er in die Höhe schnellte.
Es war eise-kalt, dabei hatte es nur minus 3 Grad, die sich aber anfühlten wie minus 9, besonders wenn der Wind wehte. Trotzdem ging sie am Morgen ihre Runde und nahm mal einen anderen Weg.


Als sie über ihr Land schaute, fiel ihr ein Buch ein, dass sie grad ausgelesen hatte. Es hieß Bergland von Jarka Kubsova. Es war das zweite Buch, dass sie von ihr las, gefiel ihr die Art und Weise, wie sie schrieb. Es war ihr Debütroman und wie bei Marschlande erzählte sie eine bewegende Geschichte von mehreren Generationen.
Sie erzählte von Rosa, einer jungen Bergbäuerin in Südtirol, die in dem abgelegenen Tiefenthal den gestandenen Bauern zeigte, wie sie einen Hof ganz alleine durchbrachte. Rosa hatte eine Gabe, die Natur zu verstehen, als habe sie nie etwas anderes getan. Mit aller Macht stemmte sie sich gegen den Fortschritt, der ihr kleines Reich in den Bergen bedrohte. Sie orientierte sich an der Beschaffenheit der Erde, die sie erkundete. Sie setzte Pflanzen zusammen, die gut miteinander konnten und hatte reiche Ernte. Ihre Gabe war das genaue Beobachten, dass Blaue Feder von den Reihern ins Herz gelegt bekommen hatte.
Schon flog die Graue an ihr vorbei und begrüßte sie auf ihrem Weg ; „Ach, hier steckst Du!“
Zwei Generationen später waren Rosas Enkel Hannes und seine Frau Franziska auf Feriengäste angewiesen, um den Berghof zu halten. Sie gerieten in eine tiefe Krise und Franziska ging nach der Geburt eines Kindes eine Weile mit einem Burn-Out in eine Klinik. Dort lernte sie ein Spiel kennen:
Wünsch Dir was, wenn alles möglich wäre.

Blaue Feder scheuchte eine Schar Rebhühner auf, die im Knick die Nacht verbracht hatten. Die Vögel des Jahres flogen mit lautem Geschnatter davon und ein junger Rehbock beäugte sie und schaute, was abging.
Brauner Bär und sie spielten auch das Wünsche-Spiel.
In erster Linie wünschten sie sich Frieden und Gesundheit. Blaue Feder träumte manchmal von einem kleinen Haus am Meer und Brauner Bär von Wien. Also schauten sie in der Weltenkiste nach, was ein Haus auf Amrum kosten würde und es war nicht im Entferntesten in ihrer Reichweite und die Häuser in Wien waren noch teurer. Es war wohl auch schwierig in ihrem Alter noch einmal irgendwo neu anzufangen. Auch hatten sie den Eindruck, kamen sie gerade in ihrem Dorf an, waren sie jetzt beide vor Ort und langsam entwickelten sich neue Möglichkeiten. Sie sprachen darüber, dass sie sich irgendwann wohl verkleinern mussten. Vielleicht, wenn sie in den Siebzigern waren. Manchmal tat es gut Realitäten zu schaffen, um wieder dankbar zu sein, für das, was sie hatten. Vermutlich war es realistischer im Dorf irgendwann etwas Kleineres zu finden. Das Meer war soweit nicht entfernt und den Traum von Wien konnten sie sich im Urlaub erfüllen. Sie würden einfach beobachten, wie es auf dem Schwalbenhof weiterging.
Auch die Hofbewohner in Südtirol änderten nicht alles, gingen nicht fort, weil sie ihr Land liebten, aber sie blieben im Gespräch über ihre Träume und das blieben die Schwalbenhofbewohner auch. Blaue Feder war in jüngeren Jahren in Südtirol auf einem Berghof in Lappach. Nachdem sie das Buch gelesen hatte, sah sie die Probleme der Bergbauern noch einmal mit anderen Augen.
Langsam ging die Sonne über den ‚Bergen‘ ihres Landes auf – über dem Geestrücken, der wie ein Drache im Land lag.


Die Wollsammler lagen noch zusammengekuschelt auf der Weide. Ein Schaf erinnerte sie an eine Geschichte, die sie auch noch nicht erzählt hatte, von einem Besuch in der Arche Warder. Das könnte sie bei Gelegenheit mal nachholen. Die Schafe erinnerten sie auch, wie nun langsam die Imbolc-Zeit heranrückte.


Mit Imbolc stimmen wir uns langsam auf den kommenden Frühling ein und heißen den Neubeginn willkommen. Manche feiern Imbolc oder Lichtmeß mit dem Beginn des Februars und andere mit dem zweiten Neumond des Jahres. Es war auch die Zeit der Heiligen Brigid. Der Name Imbolc wird mit dem altirischen Wort “oimelc” in Verbindung gebracht, was so viel wie „Milch der Schafe“ bedeutet. Dieser Begriff deutet auf die Lämmer hin, die im Frühling geboren werden und dem Einschießen der Milch. Für Blaue Feder war es eine Schwellenzeit, in der sich langsam im Bauch von Mutter Erde die Keime regten. Es ging mehr um das Erspüren, wann die Samen anfingen zu keimen – mal war es früher, mal später und noch lagen sie in frostiger Kälte.
Rosas Vermächtnis schien ihr aktueller denn je:
„Bauernregeln kannst du vergessen, diesen ganzen Quatsch. Das Einzige, worauf du dich verlassen kannst, es aus deinem Beobachten abzuleiten. Die Natur kennt keine starren Wiederholungen, die man in Schüttelreime pressen kann. In Wahrheit kannst du dich auf nichts anderes verlassen, als auf deine Beobachtungen. Alles kannst du daraus ableiten, schon nach dem ersten Augenaufschlag horche in die Natur hinein. Tropft es? Leise oder laut? Hat es geschneit? Geht der Wind? Manchmal rüttelt er dich in der Nacht schon wach und der volle Mond scheint dir auf die Nase. Dann weißt du, was für einen Tag es geben wird. Du kannst es wissen, sobald du den ersten Schritt vor die Tür setzt. Und irgendwann kannst du mehr und mehr erkennen.“
Was war heute für ein Tag? Es war eise-kalt und alles schien ihr starr vor Kälte, auch ihre Knochen. Manchmal fühlte sie sich, als wäre sie hundert Jahre alt, so knarzten ihre Knochen. Sie beobachtete eine Fee, die von der BroklandsAu langsam in den Schein der Sonne tauchte und anfing zu glänzen, wie Brigid, die Leuchtende. Sie wurde oft mit heiligen Flammen und Quellen in Verbindung gebracht, die als heilkräftig galten. Brigid stand für das zunehmende Licht, das die Dunkelheit des Winters vertreibt.


Blaue Feder wärmte es das Herz und sie spürte, wie sie dieses Land liebte, dieses Tal der BroklandSau. Sie fühlte sich diesem Landstrich verbunden, wie die Mutter ihrem Kind.


Hinter den Gänsen sah sie die Zauberlinde von Süderheistedt. Es gab hier viele besondere Orte, feine Geschichten, immer etwas zu entdecken und vermutlich hatte sie noch nicht alle Geschichten erzählt. Die Natur war nicht jedes Jahr gleich. Sie hatte den Eindruck, sie konnte ihr Land mittlerweile recht gut lesen. Jedenfalls bereitete es ihr Freude. Ob sie immer alles richtig verstand, stand auf einem anderen Blatt. Diesen Morgen stand sie beseelt mit den Wollsammlern im Schein des Sonnenaufgang. Friede war mal wieder in ihrem Herzen eingekehrt.


In der Ferne sah sie den Weißdorn-Hain und ihre erste Gespinnst-Motte nahm langsam Gestalt an. Die Weiße kam geflogen und mit ihr flog sie wieder heim.


Sie ging die alte Eichenallee zurück, die sie liebevoll ihre Hofauffahrt nannten. Eine knorrige Eiche sah aus, als wäre sie eine Riesin, die mit großen Schritten über ihr Land lief. Sie erzählte vom Aufbruch in etwas Neues. Überall auf der Welt geschahen seltsame und beängstigende Dinge. Inmitten all dieses Schreckens fand sie Trost in dem Wissen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten ihr Bestes gab, sich bewusst mit etwas Größerem zu verbinden – sei es die Göttin, Gott, ihr Höheres Selbst, ein spirituelles Bewusstsein, eine Kraft des Guten, die Natur, das Große Geheimnis – es gab viele Möglichkeiten, die Kraft auszurichten und wir alle besitzen eine immense Kraft, die wir nur vergessen haben, tragen wir alle die Flamme des Lichtes in uns.
Blaue Feder spürte das Feuer in sich aufwallen. Vielleicht wäre Walken eine gute Idee, die Winterstarre aus den Knochen zu bekommen. Eine andere Eiche schwang ihren dicken Bauch und die Hüften.
Spüre in dich hinein, bevor Du losläufst. Handle aus der inneren Ruhe.
Tanzen wäre auch eine Option, damit ihr wieder warm in den Knochen wurde – ihr Energiefeld langsam in Bewegung zu setzen und zu spüren, was es mit ihr und ihrer Umgebung machte.


Ein Katzenadler machte seine Aufwartung. Er erinnerte sie noch einmal:
Bauernregeln sind für die Katz, beobachte genau mit den Augen des Adlers!
Noch einmal blickte Blaue Feder über ihr ‚Bergland‘, über das Tal der BroklandSau.

Sie kam an ihrem Dorfstein vorbei und hatte den Eindruck , die Ostroher Beliebung ging in eine neue Runde.

Der Rehbock guckt ja sehr interessiert aus dem Gebüsch.
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Ja, er wirkte wirklich mehr interessiert, als ängstlich. Er ist auch nicht fortgelaufen. Hat einfach nur beobachtet.
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