Nun war die Sonne schon weiter in den Wassermann gewandert und sie kündigte sich spektakulär mit Polarlichter an, die überall am Himmel zu bewundern waren. Blaue Feder hatte sie mal wieder verpasst. Doch die Auswirkungen der Sonnenstürme wohl gespürt, spielte ihr Blutdruck verrückt. Mal war er viel zu hoch und dann wieder niedrig. Auch spürte sie einen Druck im Herzraum. Wenn es ans Herz ging, bekam sie es etwas mit der Angst zu tun. Folgte sie der Angst, wurde es nur schlimmer. Gab sie sich den Energien hin, ließ es fließen, kam die Freude zurück.

Ihr Kaffeeschaum-Orakel zeigte diesen Morgen einen Schmetterling. Sie trank nur noch einen Kaffee am Tag, den aber mit Genuss, bis sie auch diesen wieder sein ließ.
Es war noch dunkel, als sie ihren Neumond-Spaziergang machte. Mit den Krähen, die von ihren Schlafplätzen kamen, zog sie los. Ihre Kamera hatte einen Blaustich. Sie drückte den Reset-Knopf und alles funktionierte wieder. Wäre es nicht gut, wenn auch wir solch einen Reset-Knopf hätten – drücken und alles ist wieder in Ordnung.


Der Winterläufer am Rande des Dorfes mit den Fahnen aus allen Ländern hatte schon seine Ostereier aufgehängt. So, wie Blaue Feder ihn einschätzte, war es vielleicht sein Statement zur Schnelllebigkeit des Lebens. Es erinnerte sie an ihren ‚Eier-Tanz‘ zwischen den Welten, dessen Gold sie nun einsammelte.

Am Himmel machte eine Wolke auf sich aufmerksam. Blaue Feder hing gefühlt mal wieder etwas hinterher und ließ sich ihre Zeit. Die Bäume schliefen auch noch. Immer wieder tauchte sie ab in die Stille und verpasste sie etwas? Hihi, die Polarlichter vielleicht! Erst ärgerte sie sich und dann beobachtete sie einfach, was es mit ihr machte. Ihre Freunde postete alle diese wunderbaren Polarlichter und sie? Ah, da war es wohl wieder dieses Vergleichen.
Und sie? Sie schaute sich eine kleine Wolke am Morgenhimmel an und fand es spannend, wie das Licht in Schichten durch die Wolke durchfiel und sie sich dann langsam auflöste.

Auch in ihr wurde Schicht um Schicht noch einmal durchleuchtet. Leistete sie Widerstand, war es unangenehm, gab sie sich dem Prozess hin, wurde es leichter.


Langsam ging das Licht über dem Moor auf. In den Gräben lag noch ein wenig Schnee. Von Weitem sah sie den Weißdornhain. Ihre Freundin aus dem Clan der Steine hatte ihr ein wunderbares Weißdornbaum-Mandala als Neurographik geschickt. Sie hatte ein besondere Gabe neurographisch das Wesen der Liebe zu erfassen.

In den Raunächten war ihr aufgefallen, dass sie einige Geschichten im vergangenen Jahr nicht erzählt hatte. Einige Motten hatte sie nur am Rande oder gar nicht erwähnt. Im Weißdornhain war sie zum Beispiel im Sommer den Gespinst-Motten begegnet. Wie sie, spann sie nun den Faden der Schmetterlinge weiter.

Als sie um die Ecke bog, lag der Grasbüttenweg voller Schnee. Vielleicht hatte es dort eine Schneeverwehung gegeben.

Der Weg war uneben, teilweise vereist und glatt. Sie musste sich konzentrieren und genau hinschauen, wohin sie trat.

Es erinnerte sie an einen Traum mit einem Schwarm Möwen. Sie waren angeordnet im Dreieck wie die Gänse, nur von oben nach unten und die unterste Möwe konnte sie am Kopf streicheln. Sie war mit unterschiedlichen Leuten unterwegs und alle hatten eine Begabung. Blaue Feder konnte mit Tieren sprechen. Und die Möwe sprach zu ihr auf Englisch: „Concentrate, Baby!“
Sie war die letzte Zeit etwas fahrig und wuschig. Es tat ihr gut, sich nur auf das Gehen zu konzentrieren. Schritt für Schritt und so kam sie sicher über die Schneewehe herüber. Manchmal umwanderte sie ein Schneefeld – achtsam und liebevoll mit sich.
Spüren, wahrnehmen beobachten und sich dem, was gerade anstand hingeben.


Zwei Buntspechte kamen geflogen und brachten ihr weiß-rot-schwarz-gold einen freundlichen Gruß von Mutter Erde.

Die Sonne ging auf über dem Erlensee. Es war nicht still im Moor. Im Hintergrund hörte sie die kreischenden Motorsägen der Landschaftspfleger. Es erinnerte sie an einen verstörenden Traum aus den Raunächten.
Sie sah im Traum, wie ihr geliebtes Land zerstört wurde. Die Knicks wurden alle gerodet. Die Erde wie durch ein Sieb gereinigt. Die Landschaft sah überall gleich aus, monoton, tot und ohne Leben. Die Frau vom Gemeindearbeiter Holler kam zu ihr und sie nahmen sich in den Arm.
Als sie aufwachte, fragte sie sich, was diese Umarmung zu bedeuten hatte. Sie wusste es nicht und sie musste auch nicht immer alles gleich wissen. Sie fragte sich: „Was kann ich konkret tun für das Land?“ Sie dachte an die ‚wenigen‘ Schmetterlinge, denen sie im vergangenen Jahr begegnet war. Weltenbäume konnte sie nicht erschaffen, aber im Kleinen ihren Betrag leisten, wie mit ihrer Kunst auf die Artenvielfalt aufmerksam machen. Im Großen befinden wir uns wohl im Übergang in eine Neue Welt und im Kleinen kann jede und jeder etwas dazu beitragen. Blaue Feder nahm sich gerne der Wesen an, die nicht so im Rampenlicht standen, die Kleinen, die unscheinbar und doch so schön waren – seien es die subtilen Wesenheiten oder eben die Sonnenfalter und die Mondmotten.
Trotz der Kettensägen setzte sie sich auf ihre Bank und tauchte in ihre Meditation. Die Vögel waren unruhig wegen des Lärms. Sie tauchte in die Stille in ihrem Herzen und bat um Schutz für alle Tiere des Moores.

Neben der Bank stand das alte Ruder im Papierkorb von dem Boot, mit dem die Inseln für die Trauerseeschwalben eingesetzt wurden. Schon mehrmals hatte sie überlegt es mitzunehmen, aber es war ihr zu schwer. Wie wollte sie weiter navigieren? Die spirituelle Praxis war wohl das eine Ruder und das andere Ruder vermutlich ihre Kunst.
Zum zweiten Mal begegnete sie an dieser Stelle einem Mann mit seinem Hund. Das erste Mal hatten sie sich vorsichtig beäugt. Diesmal kannten sie sich schon vom Sehen und lächelten sich an. Schritt für Schritt ging sie wieder heim und jeder Schritt war ein Gebet für Mutter Erde.

Sie hielt es wie die Maulwürfe, immer mit ihren Ohren dem Herzschlag von Mutter Erde lauschend. Blaue Feder hatte ihren Neumondfaden gefunden, freute sich und war gespannt, wohin er sie führen würde. Eine Fee und Meister Lampe freuten sich mit ihr.


Am Ausgang des Moores traf sie wieder den Mann mit seinem Hund. Blaue Feder schaute auf die kleine Au, ob sie vielleicht einen Eisvogel oder Reiher sah. Der Hund blieb stehen und schaute in die andere Richtung.
Der Mann lachte und sagte:
„Jeder schaut in seine Richtung!“ und sie lachten zusammen.
Im Garten der verstorbenen Annelene sah sie eine Möwe sitzen und erinnerte sich an ihre Worte:

„Konzentriere Dich, Baby!„
Annelenes Lächeln fehlte ihr im Kreis der Alten. Aber sie sah es, wann immer sie an ihrem Haus vorbeiging und lächelte zurück.
Richte Dich aus, halte Deinen Fokus auf das, war Dir wesentlich ist.

Wieder zuhause fing sie an, eine Skizze von den Gespinst-Motten zu machen. Es war wie eine Schautafel vom Ei zur Raupe, von der Raupe zum Kokon und zur Puppe und dann die geschlüpften Gespinnst-Motten. Auch der Weißdorn war durch den Jahreskreis sichtbar von der Blüte bis zu den dunkelrote Früchten. Alles entwickelt sich im Kreis.