Die Tage telefonierte sie mit ihrer Freundin Liebevolles Herz und fragte sie:
Und was hast Du Silvester gemacht?
Die Freundin antworte:
‚Nichts!‘
Und dieses ‚Nichts‘ war der Auftakt zu einem feinem Austausch über das Tun und das Nicht-Tun. Im Gespräch mit der Freundin wurde ihr klar, wie wir uns oft über das Tun definieren und ihr wurde bewusst, wie wichtig es war, auch mal Nichts zu tun. Wenn sie sich im Jahreskreis verortete, dann nahm sie wahr, wie die weiblichen und männlichen Energien miteinander spielten – wie beim Yin- und Yang-Zeichen. Grade diesen Winter hatte sie erfahren, wie die weibliche Energie mehr präsent war, das Still-werden und Empfangen. Zum Frühjahr ging es dann wieder mehr ums Tun und Umsetzen.
Bei den Schwalbenhofbewohnern war es Brauch sich zum neuen Jahr unter den Mistelzweigen zu küssen.

Am Sternenhimmel beobachtete sie dieser Tage auch dieses Zusammenspiel von Venus und Mars. Gestern küssten sich Venus und Mars und läuteten mal wieder einen zweijährigen Zyklus ein. Vor zwei Jahren küssten sie sich im Wassermann und diesmal im Steinbock. Nachdem das männliche Prinzip tausende von Jahren uns seinen Stempel aufgedrückt hat, war es nun wohl an der Zeit, dass beide Prinzipien in ein Gleichgewicht kamen. Wenn Venus und Mars sich im Steinbock treffen, dann tun sie es auf eine sehr erwachsene Weise. Sie begegnen sich in Ruhe auf Augenhöhe und im gegenseitigen Vertrauen.
Die Steinbock-Qualitäten hatte sie in ihren Begegnungen mit der Kranichfrau erfahren. Sie war ihr eine gute Lehrmeisterin. Mit ihr tauchte sie in eine stille Präsenz und schöpferische Konzentration. Mit ihr konnte sie lernen im richtigen Moment zu handeln, eine innere Balance zu halten und aus ruhiger Tiefe Entscheidungen zu treffen. Sie lehrte sie, wie Klarheit aus Ruhe erwächst. Nach und nach führte sie Blaue Feder dahin, zu spüren, was passierte, wenn sie nicht in wilden Aktionismus verfiel, sondern in Ruhe wahrnahm, bevor sie aktiv wurde.

Blaue Feder hatte den Weihnachtsschmuck eingesammelt und den Weihnachtswichtel wieder schlafen gelegt. Er übergab ihr den Stab mit einem Grinsen im Gesicht und dieses Jahr sagte er nichts. Frau Holle hatte noch einmal nachgelegt und nun lag auch im Tal der BroklandSau ordentlich Schnee. Es sah schön aus und Blaue Feder hatte den Impuls rauszugehen. Vorsorglich zog sie einen dicken Pullover mehr an und stopfte auch ihre Hose in dicke Strümpfe, damit die Kälte nicht unten in die Hosenbeine kletterte.


Den Schnee empfand sie als Segen für das Land und als Segen für sich – noch eine Weile in der inneren Einkehr zu verweilen.

Und so stapfte sie warm eingepackt, gemütlich am Morgen in den Schnee hinaus. Es ging langsam voran, war der Schnee tiefer als gedacht. Die Rehe kamen immer weiter ins Dorf auf der Suche nach Futter. Wie die Tiere den Winter überstanden, war ihr oft ein Rätsel. Die Vögel besuchten nun vermehrt ihre Futterstellen im Garten.


So schön der Schnee war, so unerbittlich konnte er auch sein. Und was dem einen Freude war, bedeutete für andere viel Arbeit, wie für Holler den Gemeindearbeiter, der überall Sand streuen musste und den Schnee von den Straßen kehren. Die Eule zwinkerte ihr mit Schneehaube im Eulengarten zu.


Zu Beginn ihres Weges sah sie noch die Fußspuren des Winterläufers mit seinen Hunden. Doch bald war er umgedreht und Blaue Feder sah nur noch ein paar Spuren vom Schneehasen. Ihre Nase lief und die Schneeflocken stachen ihr in die Augen. Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.

Ihr kamen noch einmal die Kontoauszüge in den Sinn, die Brauner Bär ins Feuer gegeben hatte. Es erinnerte sie an ihren Brot-Job, wie sie jedes Jahr im neuen Jahr mit dem Jahresabschluss begonnen hatte. Wie dankbar sie war, dass sie es nicht mehr machen musste. Diesmal schaute ihr nur Frau Holle in die Seele und sie durfte sich noch einmal anschauen, was in der Adventszeit passiert war. Die Geschichte mit dem Medizinweg hatte sie getriggert und ein altes Programm in Gang gesetzt.

Statt in die Stille zu gehen, ihre Schreibpause zu machen, schrieb sie extrem viel. Und sie spürte, in der Geschichte hatte sie noch nicht alles Gold gehoben.

Als sie so über das Land ging, dachte sie an ihre Schwester Cambra Skadé und an ihre Worte, die sie zuletzt zu den Übergängen geschrieben hatte. Sie hatte eine Gabe das Wesentliche mit wenigen Worten zu erzählen.

Und ihre Frage: „Wie ist es, wenn wir Übergänge überprüfen und unsere ganz eigenen Wege darin finden?“ hallte in ihrem Herzen nach.

Die letzten Tage wurden wieder viele kollektive Ängste geschürt vor einem Schneesturm, einer Schneekatastrophe, die zu vielen Hamsterkäufen führten, dabei war einfach Winter. Wie anders wäre es, wenn gesagt würde, seid achtsam und passt auf euch auf.

Die Kranichfrau hatte sie gelehrt Ruhe zu bewahren. Die grauen und silbernen Reiher waren ihr lehrreiche Begleiterinnen im Übergang. Für Blaue Feder war es nicht nur der Übergang zwischen den Jahren, es war auch der Übergang von ihrem Brot-Job in die ‚Goldene Firma‚. Blaue Feder setzte sich in die Mitte des Moores und die wilde Holle pfiff um sie herum.

Dann war der Akku ihres Fotoapparates leer und sie lächelte innerlich. Sie hatte den Segen der goldenen Göttin empfangen. Sie trug das goldene Licht in sich, genau wie du. Sie tauchte in die Präsenz der Kranichfrau und verband sich mit ihrem inneren Licht in ihrem Herzen. Langsam breitete sich das goldene Licht über ihr Herz, ihre Aura, ihr Land, ihr Dorf und ihren Hof aus. Und sie gab den Segen, den sie empfangen durfte, weiter an die Tiere, die Vögel, die Pflanzen und dachte an die Menschen, die es derzeit schwer hatten.

Als sie die Augen öffnete, war es an der Zeit wieder heimzugehen. Sie hatte noch ihr Handy und machte damit ein paar Fotos bis ihr die Hände abfroren.


Am Ausgang des Moores stand die kleine Schneefrau und nahm sie in die Arme. Dann war auch der Akku vom Handy leer und sie lächelte.

Im kommenden Jahr würde sie gerne den Laptop auf den Altar legen, wie Cambra es vorschlug. -Aber warum solange warten – vielleicht probierte sie es jetzt schon einmal. Der Schnee würde wohl eine Weile bleiben – vielleicht schneiten sie ein. Sie hatte dieser Tage sowieso schlechten Empfang – immer wieder fiel das Internet aus. Vielleicht lauschte sie einfach noch eine Weile in die Stille, bevor das neue Jahr wieder an Fahrt zunahm und sie legte ihr Handy gleich mit auf den Altar.
Ein Rotkehlchen zeigte sich vor ihrem Fenster und erinnerte sie an einen Punkt ihres Herzkompasses:

Lasse dich nicht von äußeren Ereignissen beirren.
In diesem Sinne zündete sie sich eine Kerze an, brühte sich einen Holunderblütentee auf und verwurzelte sich in ihrem Herzen.