2. Feste feiern, wie sie kommen

Die Mondin war in den Stier gewandert. Nicht mehr lange und sie war rund und voll. Ein Reiher flog am Morgenhimmel an ihrem Fenster vorbei. Blaue Feder spürte Freude in ihrem Herzen und sie fühlte sich wie befreit. Eine alte Last fiel von ihr ab und mit leichterem Gepäck ging es weiter. Draußen auf dem Regal stand die Erika, die ihr der Alte Vater geschenkt hatte und sie erinnerte sich…

Wieder einmal saß Blaue Feder im Atelier und sortierte Knöpfe. Jede Knopfsammlung war anders. Ihr fielen die verspielten Knöpfe auf, die Rosen- und die Herz-Knöpfe.

Es waren die Knöpfe ihrer Schwiegermutter. Die alte Mutter war gegangen. Als sie im Sterben lag, versammelte sich die Familie an ihrem Bett. Es war eine entspannte Atmosphäre und es wurde auch gelacht. Blaue Feder setzte sich zu Erika, so hieß die Alte Mutter, und nahm ihre Hand. Sie hatte den Eindruck, ihre Seele war schon fast im Licht. Sie musste nur noch loslassen. Den letzten Schritt müssen wir wohl alle allein gehen. Oft ist es für die Bleibenden schwieriger loszulassen, als für die Sterbenden. Blaue Feder fragte den Alten Vater, ob er seine Frau gehen lassen konnte und er sagte ‚Ja‘. Und dann konnte die Seele der alten Mutter gehen.

Die Tage gingen ins Land, sie standen an ihrem Grab und nahmen Abschied. Blaue Feder fand in ihrem Tagebuch ein Gedicht von Mary Elizabeth Frye: Steht nicht an meinem Grab und weint, welches gut zu dem Wesen der Schwiegermutter passte.

Steht nicht an meinem Grab und weint;

Ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.

Ich bin die tausend Winde, die wehen.

Ich bin das diamantene Glitzern

des Schnees

Ich bin das Sonnenlicht auf dem

reifen Korn.

Ich bin der sanfte Herbstregen.

Und der Wind wehte zart und die Vögel sangen.

Dieser Abschied war anders, als bei Wildes Herz, der Schwester vom Alten Vater. Dieser Abschied war stiller – war wie die Frau, die gegangen war. Eine Frau voller Liebe und kreativer Ideen. Eine, die die Natur liebte mit einem wunderbaren Rosengarten. Erika hatte es verstanden die Familie an einen Tisch zu holen mit ihren wunderbaren Torten und Blaue Feder war froh, dass sie in den Kreis dieser Familie gefunden hatte. Der Alte Vater hatte in diesem Jahr einige Abschiede zu verknusen, erst die Schwester, sein Haus auf dem Land und nun auch noch seine Frau. Alle fragten sich, wie er allein zurechtkommen würde. Aber er wollte noch eine Weile leben und etwas von seinem Leben haben.

Und dann trauerte jeder auf seine Art. Brauner Bär hörte Musik und Blaue Feder sortierte die Knöpfe ihrer Schwiegermutter. Der Alte Vater fing an, viele Dinge auszusortieren. Irgendwann stand er bei ihr im Atelier mit einem Stapel Tischdecken. Und sie standen zusammen, nahmen sich in den Arm und weinten. Als Blaue Feder wieder allein war, streichelte sie zärtlich über die Tischdecken, die Erika liebevoll gebügelt hatte.

Und wieder fand sie einen Fingerhut zwischen den Knöpfen – war sie wohl behütet- bei den lieben Frauen, die über sie wachten. Erikas Tischdecken erinnerten sie an die Dinnerparty von Judy Chicago. Als junge Frau begeisterte sie die Kunst von Judy Chicago und insbesondere ihre Dinnerparty.

Als die Nebel-Mondin am Himmel stand, träumte sie von einer festlichen Tafel mit 12 goldenen und 13 silbernen Tellern zu Ehren ihrer Ahninnen.

Es gab noch einen weiteren Anlass für ein Fest, ging ihr progressiver Aszendent nach einer gefühlten Ewigkeit vom Skorpion in den Schützen. Es war an einem Freitag und sie wollte sich von der Skorpion-Zeit verabschieden und die Schütze-Qualität willkommen heißen.

Und so webte sie ein Ei in eine Tischdecke, deckte feierlich den Tisch und lud ihr gesamtes Atelier-Team ein zu einem Fest. Es kamen Freya, ihre Wölfin, Esmeralda, Aslan, der Drache, Hugo und Gloria, die Bärenbande und natürlich La Blue Belle, die Geschichten-Erzählerin. Und wer weiß, vermutlich saßen noch mehr an diesem festlich gedeckten Tisch…

Einige Knöpfe kamen in eine goldene Schatulle und dann wurde gespielt, gespeist, orakelt, was dieser neue Aszendent im Schützen wohl mit sich bringen würde. Später kam der Fingerhut zum Einsatz und Knöpfe wurden aufgenäht. Es war ein feines Fest, sie spielte und ließ sich von ihrer inneren Weisheit führen.

Das Ei war ein ur-altes Symbol für die Schöpfung. In vielen Mythen entstand die Welt aus einem kosmischen Ei, aus dem das Universum geboren wurde. Das Ei erinnerte sie:

In jedem Anfang liegt das gesamte Universum verborgen.

Blaue Feder webte später noch die Hennen und die Hähne in ihr Bild und es bekam den Titel:

Was war am Anfang?

Und das zweite Ei war gelegt!

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