Dann war es soweit, die kleinen Sonnenblumen öffneten ihre Kelche, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Die Rauchschwalben-Küken wurden flügge und Blaue Feder musste Taiga gut im Blick behalten, wenn sie draußen war. Ein Küken hatte es nicht geschafft, vermutlich das Nesthäkchen, war es die Tage aus dem Nest gefallen. Sie beerdigten es im Garten unter dem Schmetterlingsbusch, wo schon sein Geschwisterchen lag. Die restlichen Vier waren mittlerweile größer als die Eltern-Schwalben, die hingebungsvoll zwei Bruten groß gezogen hatten. Blaue Feder sah es ihnen an, waren sie ziemlich dünn. Hoffentlich konnten sie selbst noch genug fressen für den bevorstehenden langen Flug in den Süden. Die meisten Schwalben sammelten sich schon auf den Wiesen vorm Dorf und bereiteten sich vor.

Es lag Freude und Spannung in der Luft. Zuerst wurde der Steinsims erobert und dann ging es hinaus oben auf das Dach.


Blaue Feder hatte den Eindruck auch die älteren Geschwister aus der ersten Brut waren anwesend und forderten ihre jüngeren Geschwister auf, mit ihnen zu fliegen. Es war ein lautstarkes Spektakel. Am Abend fanden sich alle Flugkünstler wieder im Nest ein, sich auszuruhen von ihren ersten Flugversuchen in den großen weiten Himmel. So ging es die Tage weiter – tagsüber auf Erkundungstour und abends wieder ins sichere Nest kuscheln.
Blaue Feder sammelte währenddessen in ihrem Garten schon ein wenig die Samen für das kommende Jahr ein. Manch ein Kraut wollte sie wohl woanders aussähen, wobei sie wusste, die Kräuter wuchsen dort, wo sie es für richtig hielten.

Dabei begegnete sie einigen Raupen. In den Königskerzen fraßen sich die Raupen von den Braunwurz-Blattwespen rund, war die Königskerze eine Braunwurz.

In der Kapuzinerkresse sah sie Raupen vom Kohlweißling.


In den Ringelblumen fand sie eine Raupe mit dem bezaubernden Namen Zimt-Bär, einem Nachtfalter. Als Braunerr Bär den Namen hörte, fand er ihn schöner als seinen eigenen. Vielleicht sollte Blaue Feder ihn in Zukunft Zimt-Bär nennen, das würde zu dem Leckermaul passen. Wenn sie Pflaumen oder Äpfel einkochte, dann bitte mit viel Zimt.


So war auch in ihrem Garten die nächste Generation am Gange. Es machte Sinn, alle welken Stauden bis ins kommende Jahr stehen zu lassen, damit sich die Raupen sattfressen und verpuppen konnten. Insbesondere die Brennnesseln waren beliebt bei vielen Schmetterlingsraupen.

Zur Schnitterin wurde sie beim Beifuß und Salbei. Zusammen mit einem Harz, sie nahm diesmal Kiefernharz, mörserte sie sich eine Räuchermischung, die auch ohne Kohle brannte, liebte sie den Duft vom Beifuß.

Sie nahm auch gerne mal ein Bad in Beifuß. Dann kochte sie den Beifuß auf und gab ihn zum Badewasser. Bei Verspannungen half ihr ein feines Beifuß-Öl. Die Mutter aller Kräuter half ihr, wo sie konnte.

Jetzt im Frauendreißiger waren die Kräuter vollgesogen mit heilenden Kräften und Blaue Feder hängte einige Kräuter zum Trocknen auf, für einen wohltuenden Tee in den dunklen Tagen. Spannend fand sie, seit sie ihre Unterredung mit dem Großen Geist der Nacktschnecken hatte, sie kaum noch welche in ihrem Garten sah. Selbst den Salat konnte sie wieder ins Beet setzen.
Im Herbst des vergangenen Jahres hatte sie eine Künstlerin, die sie vom Kunstgriff her kannte, zu einer Ausstellung ‚Vielerlei federfein‘ eingeladen. Sie sollte dort Geschichten der Blauen Feder vorlesen. Manchmal wenn es ihr körperlich schlecht ging, war sie kurz davor abzusagen – aber sie hatte es versprochen. Letztes Wochenende trafen sich alle Beteiligten am Ort der Ausstellung. Nordhastedt lag im Grünen Herzen Dithmarschens. Sie mochte diese Gegend gerne mit seinen sagenumwobenen Wäldern, wie den Riesewohld, als auch den Auenwald beim Mühlenteich, den sie vorher noch besuchten. Sie wurden von der Grauen begrüßt.


Die Westerau führte wenig Wasser und im Wald war es recht dunkel, war der Tag mit Wolken verhangen.


Blaue Feder wusste nicht recht, wie sie die Ausstellungstage überstehen sollte, ging es ihr körperlich weiterhin nicht so gut. Sie suchte Rat an der Westerau, die sich durch das Tal schlängelte.

Am liebsten wollte sie sich hinter einem Baum verstecken oder sich die Bettdecke über den Kopf ziehen.

Blaue Feder zog es zu der alten Buche, die sehr eigen gewachsen war. Rund um sie herum war es auffällig lebendig. Ein Eichelhäher krächzte, eine Buntspeckt trommelte, viele Meisen flogen spielerisch durch die Bäume und Frösche hüpften durch das das Unterholz.


‚Schau mich an, ich bin verkrüppelt und doch bin ich die Wächterin dieses Ortes und tanze meinen Tanz. Ich rate Dir, die nächsten Wochen ein wenig zu tanzen, damit Deine Schlangenkraft aktiviert wird. Kreise Deine Hüften, damit die Worte wieder leichter fließen und Du Dich wohler fühlst in Deinem Körper.‘
Blaue Feder bedankte sich für diesen Hinweis. Tatsächlich hatte sie schon länger nicht mehr getanzt und bei der Gymnastik im Kreise der Alten war immer noch Sommerpause. Ein Drache steckte kurz den Kopf aus der Erde und riet ihr, sich mit ihrer Drachenkraft zu verbinden.

Das kleine Springkraut sprach:

‚Spring über Deinen Schatten und versteck dich nicht hinter den Bäumen – das ist aussichtslos.‘
Auch die Ringelnatter sprach ähnliche Worte und zeigte ihr, wie sie sich zu ringeln hatte.

‚Fließe wie die Westerau, egal, ob mit viel oder wenig Wasser.‘
Die Mistkäfer gaben ihr den Rat:

‚Mach aus Scheiße Gold. Das kennst Du doch schon!‘
Und plötzlich erhellte sich der Wald. Die Sonne kam heraus und das Licht kehrte zurück. Wie zur Bekräftigung begegneten sie noch einer zweiten großen Krönchennatter, die sich im Farn wegschlängelte und die Brombeeren wechselten vom Rot zum Schwarz.

Dann erblickte Blaue Feder in einer Wurzel, wie ein Gesicht zum Vorschein kam. Es sah aus, wie die Geburt von etwas Neuem.

Sie fuhren in das Dorf der wehrhaften Frauen. Es hieß, die Nordhastedter Frauen hatten einst Diebe in die Flucht geschlagen.

Der Gemeinderaum lag gleich neben der Katharinenkirche unter alten Linden. Es fehlte an nichts und die Räume ließen sich gut bespielen.


Blaue Feder war besonders beeindruckt von der jüngsten Teilnehmerin des Kunstgriffs, die gerne Fußball spielte und genau wusste, was sie wollte. Im vergangenen Jahr hatte sie bei der Ouvertüre den Publikumspreis gewonnen. Sie plante mit ihrer Freundin, die noch dazukommen würde, eine Installation und die Mädchen beanspruchten einen Raum für sich. Die drei Alten konnten den anderen Raum bespielen. Blaue Feder erinnerte Levke an ihr eigenes wildes Mädchen und an ihre Oma, die ihr den Raum zum Spielen gegeben hatte. Sie hatte den Eindruck, nun war sie die Oma, die den Raum halten konnte, wie die alte Buche. Es war ihre Aufgabe mit gutem Beispiel voran zu gehen und die Jugend zu unterstützen. Sie war berührt von den jungen Menschen, die sich für die Natur und die Kunst begeisterten. Dieses Feuer der kommenden Generationen zu nähren, war wohl die Aufgabe der Alten.
Deshalb machte sie hier noch einmal Werbung lag ihr die Ausstellung am Herzen.

Es gab wohl auch Unterschiede, wann Ihr Körper sie ausbremste und wann nicht. Wenn ein Stellenangebot hereinwehte, bekam sie weiterhin Koliken. Wenn sie ihrer Kunst nachging oder in der Natur war, ging es ihr gut. Sie musste wohl lernen zu unterscheiden und genau auf ihren Körper hören.
‚Die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen.‘
Nun freute sie sich auf die erste Ausstellung und musste sich nicht mehr verstecken. Ihre einzige Arbeitgeberin war wohl Mutter Erde und alles, was sie von Herzen und mit Liebe tat, fand ihre Unterstützung – darauf konnte sie vertrauen. Die Venus war mittlerweile in den Löwen weitergewandert. Und während die großen Planeten die Welten verschoben, wandelte Blaue Feder mit der Venus weiter, blieb ihren Werten treu und es erfüllte ihr Herz mit Freude.

Grad saß das Rotkehlchen vor ihrem Fenster und fragte, ob sie rauskam zum Spielen. Es lag ein feiner Nebel über dem Land und Blaue Feder liebte es, mit den Nebelfrauen zu tanzen.
Goten Morgen!
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Den wünsche ich Dir auch 💚
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