Die blaue Tür

Im Süden feierten die Menschen Maria Himmelfahrt und die Marien-Käfer im Norden feierten mit.

Blaue Feder war in vor-freudiger Stimmung, sollte an diesem Tag ihr Buch eintreffen ‚Das Haus der drei Farben‚. Sie hatte ein Probe-Exemplar bestellt. Nachdem sie es abgeschickt hatte, hatte sie wieder einen Fehler auf dem Cover entdeckt. Vor ihrem inneren Auge tauchte dann noch ein anderes Cover auf und sie fragte Brauner Bär, ob er ihr helfen könnte, das Cover schöner zu machen, denn mit dem Programm von dem Selbstverlag, bekam sie es nicht hin.

Brauner Bär hatte dann die Idee, sie könne eine Blaue Feder, als ihr Signet auf dem Cover abbilden. Es musste natürlich eine Feder vom Eichelhäher sein. Sie war ihm am Morgen beim Schwanensee begegnet und sie hatten sich eine Weile darüber ausgetauscht, wie sie die Blaue Feder im Moor gefunden hatte und begonnen hatte diesen Blog zu schreiben. Es war schon ein paar Jahre her und ohne ihren Seelenvogel würde es die Blaue Feder nicht geben.

So setzte sich Blaue Feder hin und malte blaue Federn. Die ersten waren zu krumm, die zweiten gefielen ihr schon besser.

Dann fragte sie sich, was ihre Kunst ausmachte und dann setzte sie sich noch einmal hin und stickte eine Feder.

Diese gefiel ihr und auch Brauner Bär. Nun musste sie noch bis zum Mittag warten, bis der Postbüdel kam. Sie hatte schon den Tag zuvor gewartet, war das Buch für Donnerstag anvisiert. Am Abend bekam sie dann die Nachricht, die Ankunft würde sich verspäten. Immer wieder musste sie loslassen und sich in Geduld üben. In der Nacht wachte sie auf, weil einige Bücher aus ihrem Regal purzelten. Vielleicht machten sie schon Platz für das neue Buch. Rundum war es schon ziemlich aufregend mit diesem Buch-Projekt.

Am Morgen war sie auch Meister Lampe begegnet und er schlug vor, die Zeit zu nutzen und eine Geschichte zu erzählen.

Wir wäre es mit einer Schwanen-Geschichte?

Es begab sich also vor einiger Zeit oder war es gestern, als Blaue Feder einen Ausflug nach St. Peter-Ording machen wollte. Der Rucksack war gepackt mit Wegzehrung und Badeklamotten. Als sie am Bahnhof ankam, fuhr ihre Bahn mal wieder nicht. Das Spiel kannte sie schon. Es stand aber eine Bahn nach Büsum auf dem anderen Gleis und so stieg sie eben in den Zug. Angekommen in Büsum suchte sie sich den Weg zum Hafen. Sie kam an einem Friedhof vorbei und dann sprach sie die alte Fischerkirche an.

In der Kirche ging gerade eine Führung ihrem Ende zu und sie hörte noch die Worte: ‚Früher war Büsum eine Insel.‘ Tatsächlich war die Küstenstadt Büsum einst eine Insel, die durch Landgewinnung mit dem Festland verbunden wurde. Blaue Feder horchte auf und vermutete, dass es dann in Büsum bestimmt auch Geschichten von den Unterirdischen gab.

Es stellte sich heraus, dass es zur Mittagszeit einen Fischbrötchen-Segen gab. Blaue Feder schaute sich ein bisschen die kleine Kirche an, die liebevoll gestaltet war. Sie setzte sich zu Maria neben eine Lebensblume.

Zum Fischbrötchen-Segen füllte sich die kleine Fischerkirche und eine Frau mit Klangschale leitete die Andacht an, eine Mischung aus Gebet und Meditation.

Während der Mediation sah Blaue Feder wieder die weißen Frauen tanzen, wie einst in Altenkirchen auf Rügen. Wieder tanzte sie mit den Frauen und sang mit ihnen ein Lied.

Wi witt Wittowschen Wiwer,

Wi wulle wull wasche,

Wenn wi wüßte,

Wur witt warm Water wir.

(Wir weißen Weiber wollen Wäsche waschen. Wenn wir wüssten, wo warmes Wasser wäre.) 

Da kam natürlich die Frage auf, wer warendie Witten Wiwer?

In der Rügener Inselzeitung fand Blaue Feder folgende Geschichte.

Wassergeister auf Mönchgut

Zu den Wassergeistern werden die auf Mönchgut beheimateten „Witten Wiwer“, die weißen Frauen, gezählt. Über sie gibt es folgendes zu berichten: im Südosten der Insel Rügen gibt es einen Ufervorsprung, ein Höft, welches Swantegard genannt wird. Dort, so heißt es, haben die „Witten Wiwer“ dereinst gewohnt. Sie sollen ganz weiß ausgesehen, und kurze Röcke angehabt haben. Außerdem, so sagt man, seien sie ganz „lütt west“, also sehr klein. Vor dem Ufer sollen, wie an einer Schnur, Steine im Wasser liegen.

Diese nennt man die Waschsteine, auf denen die „Witten Wiwer“ ihre Wäsche wuschen. Ihre Wohnungen, die oberhalb des Ufers lagen, sollen immer sauber und schmuck ausgesehen haben. Beim Swantegard gibt es noch ein Loch, welches man das Nonnenloch nennt. Dort sollen sie auch ihre Wohnungen gehabt haben. So sei es auch vorgekommen, dass man sie auf dem Göhrener Buskam sitzen sah. Auf der Plattform des Steines aßen sie aus zinnernen Tellern ihre süße Grütze. Zuweilen konnte man aber mit viel Glück die „Witten Wiwer“ bei ihren Tänzen oder Reigen sehen. Irgendwann sollen die „Witten Wiwer“ über den Mönchsgraben ausgewandert sein. Dort stand ein mächtiger Eichbaum und die „Witten Wiwer“ haben verkündet: „Nun wird die Eich vertrocknen. Wenn sie aber wieder ausschlägt, dann kommen wir wieder.“

Als die Weiber fort waren, ist die Eiche tatsächlich vertrocknet und hat seit jeher nicht wieder ausgeschlagen. Viele Jahre haben die Mönchguter die Eiche stehen lassen in der Hoffnung, sie schlüge wieder aus. „Un dat is noch nich lang her, dat se se afhaugt hebben.“ So hört man es noch heut von den alten Leuten. 

Wenn die Eiche wieder ausschlagen würde, würden sie zurückkehren. Beizeiten musste Blaue Feder mal ihre Dorf-Eiche fragen. Vielleicht wusste sie etwas über ihre sagenumwobene Schwester und wann sie wieder ausschlagen würde. Svantegard hieß übersetzt übrigens der Schwanengarten und die Waschsteine werden auch Schwanensteine genannt.

In ihrem Garten waren gerade die Spinnen aktiv- – die Großen Weberinnen. Alle naselang hatte sie ein Spinnweben im Gesicht, wenn sie nicht achtsam war. Waschen, Putzen, Spinnen, Weben, Sticken, Stopfen scheinen alttägliche Tätigkeiten zu sein. In den Sagen und Märchen waren die Feen und die weisen Frauen damit betraut. Dort wandeln sich diese alltäglichen Tätigkeiten in magische Künste.

Blaue Feder wandelte noch ein bisschen durch Büsum, besuchte die Meermutter und aß im Hafen ein Fischbrötchen.

Der Fischbrötchen-Segen zeigte seine Wirkung. In der Nacht nach ihrem Ausflug hatte Blaue Feder einen Traum:

In der Kirche gab es eine blaue Tür, die verstellt war und sie fing an, sie freizuräumen. Es gab einen Widersacher, der nicht wollte, dass sie durch die Tür ging. Er stand für das Alt-Vertraute. Sie sah wie die Sonne hinter der Tür aufging und sich dann der Himmel langsam verfinsterte. Blaue Feder wachte auf. Sie setzte sich im Bett auf und schloss die Augen. Sie stellte sich die blaue Tür vor, öffnet sie und … und sie fiel in ein graues Nichts. Es war als würde Alice im Wunderland in das Loch fallen.

Breite deine Flügel aus – sagte ein innere Stimme zu ihr. Und sie breitete ihre weißen Schmetterlingsflügel aus und wurde getragen. Langsam segelte sie durch das unbekannte Grau.

Habe Vertrauen und lasse Dich tragen – sagte wieder ihre innere Stimme.

In diesem Sinne schnappte sich Blaue Feder gleich wieder ihr kleines Bild vom Darßer Nacht-Wald und webte noch ein paar Glühwürmchen in ihr Leben. Im unbekannten Grau konnten sie ihr vielleicht den Weg erleuchten. Sie nahm sich die Zeit, nährende Gedanken ins Stickgarn zu weben. Und wer in ihr oder sein Herz lauschte, hörte sie ein Lied singen mit den Witten Wiwern und wer weiß, wenn sie ausgesungen hatte, kam vielleicht der Postbüdel mit ihrem Buch.

Wi witt Wittowschen Wiwer,

Wi wulle wull wasche,

Wenn wi wüßte,

Wur witt warm Water wir.

4 Kommentare zu „Die blaue Tür

    1. Moin liebe Sonnenspirit,

      das freut mich. Ich war auch das erste Mal in der Fischerkirche. Bin im Tal der BroklandSau in Ostrohe beheimatet. Ich schaue später mal auf Deinem Blog vorbei – grad ruft mich der Garten.

      Herzensgrüße Susanne

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  1. Da sind wir ja wirklich nahe beieinander und scheinen uns für ähnliche Themen zu begeistern. Wir machen am 20. und 21.09.2025 jeweils von 10 bis 17Uhr im Ostroher Dörpshus eine Ausstellung mit 8 Ostroher Künstlern. Vielleicht hast Du ja Lust vorbeizukommen.

    Kennst Du den KunstGriff ? Ansonsten findest Du das Gesamt-Programm unter http://www.kunstgriff.de.

    Liebe Grüße und eine schöne Woche, Susanne

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