Die volle Luna hatte ihre Energien ausgeschüttet. Blaue Feder zog es am Morgen hinaus aufs freie Land, wollte sie noch einmal reflektieren, was sie erlebt hatte.

Der Hibiskus war erblüht mit schönen violetten Blüten und erinnerte sie an Lilith, die ihre schöpferische Urkraft in diesen Vollmond hatte einfließen lassen. Die beiden Rauchschwalben warteten am Morgen bereits, dass sie, wie jeden Tag, das Garagen-Tor öffnete. Es gab zum zweiten Mal Nachwuchs und zwei Küken legten ihre Köpfe über den Nestrand.

Vielleicht hockten in der Tiefe des Nestes noch weitere. Auch Taiga lockte das Fiepen der Vögel wieder öfters in die Gartenkammer.
Das Dorf lag noch in Stille und diese breitete sich auch in Blaue Feder aus. Eine verschlissene spanische Flagge hing beim Ortsausgang am Fahnenmast des Sommerläufers. Die Hundstage ließen im Norden auf sich warten. Ein bisschen war der Sommer eingekehrt mit angenehmen Temperaturen. In Spanien sah es derzeit wohl anders aus. Einem griechischem Mythos zufolge verschmolz dieser Tage das Sonnenlicht mit dem Feuer des Sirius, dem Hundsstern und war die Ursache der großen Hitze.

Die kleinen Löwenmäulchen am Rande ihres Weges luden sie ein, mit ihnen zu tanzen. Der Frauenflachs wurde auch Hundskopf genannt. Blaue Feder erinnerte sich, dass am kommenden Tag Venus und Jupiter dem Sirius einen Besuch abstatten würden und sie fragte sich, welches Feuer ihre Verschmelzung wohl herbeiführte. Sie trafen sich auf 14 Grad im Krebs. Diese Grade fielen in ihrem Horoskop in ihr Neuntes Haus und so wandelte sie schon an diesem Tag ein wenig durch die Welten, hatten sie die kleinen Löwenmäulchen an das Löwe-Portal erinnert.
Es wurde gemunkelt am 8.8. öffnete sich, wie jedes Jahr, eben jenes. Die Alte vom Weißdorn würde vielleicht sagen, es war niemals verschlossen – wer weiß, wer weiß. Die Graue flog an ihr vorbei an die BroklandsAu und gemeinsam lauschten sie, was der Fluß erzählte.

Tatsächlich waren die Schwalbenhofbewohner bereits unter der Woche durch ihr Löwen-Tor gewandert. Sie hatten sich aufgemacht an den einzigen Fjord Deutschlands, an die Schlei nach Schleswig. In Schloss Gottorf wollten sie eine Ausstellung ‚Auf Augenhöhe‘ besuchen. Es war eine kleine Sammlung von Selbstportraits, insbesondere von Käthe Kollwitz. Brauner Bär malte gerade ein Portrait von ihr und so waren sie gespannt.


An der Kasse hatte sich eine Schlange gebildet und als sich Brauner Bär anstellte, begegnete Blaue Feder einer Frau in rotem Gewand. Es erinnerte sie an das wundervolle Projekt einer Textilkünstlerin – Kirstie Macleod – Das rote Kleid. 14 Jahre lang hatten Frauen überall auf Mutter Erde ihren Teil dazu beigetragen und ein Stück des Kleides bestickt – ein berührendes Projekt.
Vielleicht angesprochen von diesem Projekt, hatte Blaue Feder auch von einem Gemeinschafts-Kunstwerk geträumt. Verschiedene KünstlerInnen, Brauner Bär und ihre Schwägerin waren auch mit dabei, hatten eine Lehmwand oder ein Lehmhaus in warmen Sandfarben gebaut und jeder Künstler hatte aus weißem Ton ein Stück geformt, welches in den noch noch feuchten Ton eingelassen wurde. Es formte sich eine Art Landschaft.
Beseelt war Blaue Feder aus ihrem Traum aufgewacht, sehnte sie sich nach solchen Projekten, wo jede und jeder ihren und seinen Teil beisteuerte.
Sie planten auch ein Projekt: Es hatten sich die KünstlerInnen zusammengefunden, die beim Meldorfer Culturpreis abgelehnt worden waren. Es hatte Kritik an dem Auswahlverfahren gegeben, wurden nur Künstler ausgesucht, die einem Kunstverein angehörten mit der entsprechenden Vita. Künstler, die beim KunstGriff teilnahmen, waren nicht so angesehen und etablierte Künstler nahmen dort auch nicht teil. Brauner Bär und Blaue Feder mochten den KunstGriff gerade, weil alle dort teilnehmen konnten und sich dort die Vielfalt in ihrer Breite spiegelte. Es hatten sich bereits 11 Künstler zusammengefunden, um die erweiterte Vielfalt oder die abgelehnte Vielfalt zu repräsentieren. Bald würden sie sich treffen und eine gemeinsame Ausstellung für das kommende Jahr planen. Es wurden noch geeignete Räume gesucht.
By the way gab es im September auch ihre KunstGriff-Ausstellung im Dörpshus – Buntes Ostrohe.

Der KunstGriff hatte seine Homepage erneuert und so fanden sich feine Galerien der teilnehmenden Künstler darauf und die Schwalbenhofbewohner waren auch vertreten.
Doch ging der Traum der Blauen Feder wohl noch in eine andere Richtung – die Erschaffung eines gemeinsamen Kunstwerkes. Im Traum gab es eine Alte, die das Projekt anleitete. Sie schaute Blaue Feder tief in die Augen und erinnerte sie an Louise Bourgeois. – Vielleicht musste sie selbst einmal ein solches Kunst-Projekt initiieren.
Zurück im Schloss Gottorf, verschwand die Frau in Rot mit einer Schar junger Mädchen im selbigen.

Brauner Bär und Blaue Feder verschwanden ebenfalls im Schloss in der Ausstellung und besonders sprachen sie die Selbstportraits von Käthe Kollwitz an, die sich ohne Eitelkeit durch die Jahre ihres Lebens zeigte, wie sie war.



Draußen im Flur durften die Besucher ebenfalls ein Selbstportrait gestalten und Blaue Feder schuf eher zufällig eines von sich, bei dem die Augen, wie beim Tagpfauenauge, wohl von Bedeutung waren.

Dann tauchten sie in die Tiefen des Schlosses und es war ein kleines Bild von Angelika Kaufmann von 1783 mit Schwänen, dass Blaue Feder berührte.

‚Eine Priesterin der Unsterblichkeit empfängt die Namen der Unsterblichen.‘ Eine Szene aus dem Epos vom Rasenden Roland von Ludovico Ariostas. Kurz erinnerte es sie an den ‚Rasenden Roland‘ auf Rügen.

Im Schlosshof trafen sie die rote Frau wieder, diesmal im Gefolge junger Hofdamen. Blaue Feder erinnerte es an ihre Vergangenheit, hatte sie einst als Kostümbildnerin schöne Kostüme erschaffen. Brauner Bär fragte, ob sie gerne mitgemacht hätte.

Draußen vorm Schloss begegneten sie den Protagonisten der Wikinger-Dämmerung. Sie selbst machten sich auf zum Barockgarten. Ein Pfauenauge begrüßte sie, wie auch fünf Affen, die den Künstlerstamm von Jörg Immendorf darstellten. Zu seinem Stamm gehörte auch ein Affe mit einem Stein, der Caspar David Friedrich darstellen sollte. Warum er wohl so schwer einen Stein auf dem Rücken trug? Mal wieder klang ihre Rügen-Reise bei ihr an.


Der Garten lud sie nicht ein zum Verweilen, waren seine Blumen größtenteils verwelkt. So lud Blaue Feder ihren Schatz zum Essen ein und ein Pfauenauge verabschiedete sie am Ausgang. Sie fanden ein offenes Lokal in der Altstadt von Schleswig. Es wunderte sie, wie wenig Lokale in der Ferienzeit geöffnet waren.

Nach einer Stärkung rief sie der Dom und nun kamen sie endlich zum Löwen-Tor, war der Eingang zum St. Petri-Dom ein wahres Löwen-Portal.

Ein verwitterter Löwe begrüßte sie gleich neben dem Eingang. War er der Hüter des Domes?

Im Eingangbereich wurden sie von weiteren Löwen begrüßt.


Und es gab noch mehr Löwen zu finden. Sie waren allerdings in eine Grube verbannt. Wer in eine Löwengrube fiel, musste wohl viel Vertrauen haben, heil wieder herauszukommen.

Einst, so spekulierte Doris Schnittger in einem alten Aufsatz über die Granitlöwen am Schleswiger Dom, trugen die Löwen vermutlich die Säulen des Eingang-Tores. Doch durch verschiedenste Umbauten, mussten die heidnisch anmutenden Löwen wohl weichen. Sie sahen schon etwas unheimlich aus, verspeiste einer ein Lamm, ein anderer einen Drachen und einer sogar einen Menschen. Leider gab es keine Deutungen zu den Löwen. Blaue Feder dachte bei ihnen spontan an den Tierkreis, warum auch immer. Sie vermutete, die Löwen waren die Hüter des Ortes und was sie sich einverleibten, waren Symbole ihrer Kraft. Sieben dieser Löwen konnten sie finden. Bei Doris Schnittger fand sie den Hinweis, dass in nächster Nähe am Dänischen Dom in Ribe ähnliche Geschöpfe die Säulen trugen, welche eines der Portale flankierten. Sie mussten es sich mal anschauen, wenn sie mal wieder nach Dänemark fuhren. Sie vermutete auch, dass es einst acht Löwen gab.
Blaue Feder ging weiter durch das Moor. Dieser Tag verlangte nicht viel von ihr, als in die Stille zu tauchen, den Löwen-Spuren zu folgen, ein paar Brombären zu naschen und das Erlebte zu integrieren.


Im Dom gab es eine Ausstellung zum Thema Hoffnung mit 16 Künstlerinnen aus Schleswig und einen schönen Ort zur Andacht. Durch einen fein bemalten Kreuzgang gelangten sie in den Innenhof.


Dort befand sich ein Café, welches im Schatten eines Gingko-Baumes zum Verweilen einlud.



Die Weltenwandler waren beide angetan von diesem Ort, dem frisch renovierten Turm, mit dem sie schöne Erinnerungen teilten aus der Zeit, als sie sich kennengelernt hatten. Ihnen gefiel das offene Konzept, das alles miteinander verband: Stille, Begegnung und künstlerisches Schaffen. Mit einem friedlich-erfüllten Herzen fuhren sie wieder heim.

Blaue Feder saß noch eine Weile am Großen Mondsee. Vor der Bank lagen ein paar Kindersocken. Sie schüttete den Sand heraus und hängte sie über die Bank. Zwei Lachmöwen flogen über den See, einmal hin und wieder zurück und sie lachten zusammen.


In Begleitung zweier schwarzen Krähen ging sie gemächlich heim, die Hände auf dem Rücken verschränkt wie es die Alten zu tun pflegen.

Sie freute sich auf ihr Buch: Was der Fluss erzählte von Diane Setterfield.

Blaue Feder musste grinsen, als sie die ersten Zeilen las. Das Buch stand schon eine Weile in ihrem Regal, hatte sie es irgendwo in einem Bahnhofskiosk entdeckt. Der Roman begann in einem Wirtshaus mit dem Namen Swan, einem Haus, in dem Geschichten erzählt wurden. Es spielte vor etwa 100 Jahren an der Themse, eben jenem Fluss und als sie weiterlass, war von Wechselbalgen und Feenkindern die Rede. Das passte ja mal wieder wie die Faust aufs Auge zur letzten Geschichte. Es schien ihr ein Buch voller Wunder zu sein. Noch hatte sie es nicht ausgelesen und wohl gleich tauchte sie wieder in seine magisch-mystische Welt, während die Schmetterlinge ihren erblühten Schmetterlingsstrauch besuchten.

Sehr gehaltvoll! Und ja, der Kunstgriff- machst du mit dieses Jahr? ich werde bei der Eröffnung sein. Mitgemacht habe ich noch nie. Es ist ja auch so ein großer Verein.
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