Tja…

Es regnete Bindfäden. Blaue Feder band sie zusammen und schaute, wohin sie die Fäden führten.

Sie hatte von einem Schwanen-Haus geträumt. Der Schwan bildete eine Art Gästehaus und dieser spiegelte sich noch einmal in dem See davor – unten wie oben.

Sie war die Tage mit dem Fahrrad über das Land gefahren. Nach einem Besuch in der Marsch, war ihr danach in die Geest zu tauchen. Die Marsch hatte ihren rauen Charme, während die Geest lieblicher daherkam. Dabei war sie einem einzelnen Schwan begegnet. Doch allein war er nicht, war er in Gesellschaft zweier Gänse. Langsam klopften die Schwäne wieder bei ihr an. Sie war ihnen auch schon an der Gänsekuhle begegnet.

Die zweite Hälfte ihrer Schwanen-Rügen-Reise wollte wohl erzählt werden.

Ab und an wurde sie von einem Schmetterling, meistens einem Admiral, angehalten eine Pause zu machen. Die Schmetterlinge zeigten ihr, wo die leckersten Früchte: Kirschen, Blaubeeren und Äpfel im Moor reif wurden. Die Pömpel lachten sie an, dick und frisch, ein Rehbock querte ihren Weg und im Hintergrund lag der Geestrücken wie ein Drache im Land.

Es war die Zeit um Lugnasadh herum. Das Wetter hatte sich verändert und der Regen übernahm das Halfter. Blaue Feder musste immer mal die Sonnenpausen abwarten, waren die Regenphasen, als würden Badewannen ausgekippt.

Lange Zeit hatten ihre Stickbilder vom Darß in der Schublade gelegen. Nach einem inspirierenden Online-Workshop bei der Textil-Künstlerin Rebekah Johnston bekam sie eine neue Idee, wie sie die einzelnen Teile zusammenfügen konnte.

In der Mitte entstand ein Bild vom Wald. Brauner Bär und sie hatten damals auf dem Darß eine Nachtwanderung durch den Wald gemacht, um die Fledermäuse zu besuchen und hatten dabei, zauberhafter Weise, die Glühwürmchen entdeckt, die Blaue Feder gerade stickte.

Zwischendurch musste sie mal eine Runde raus. Ein Eichelhäher kam in ihren Garten und fragte ob sie rauskam zum Spielen und so nutzte sie ein Sonnenloch. Im Garten begegnete sie wieder einem Admiral.

Der Fahne nach zu urteilen ging ihr Ausflug hoch in den Norden, wohl nach Island.

Auf der Baum-Allee lachten sie die Brennnesseln an. Zu allem Überfluss hatte sie sich auch noch die Blase erkältet, musste sie auch immer mit nassen Füßen durch das Moor trollen. Da kamen die Brennnesseln grad richtig. Vor Kurzem hatte sie gerade gelernt, dass es weibliche und männliche Brennnesseln gab. Jene mit den dicken Samenwuscheln waren die Frauen, während die Samenwuscheln der Männer feiner und oft auch heller waren. Insgesamt hatte sie Eindruck, es war für sie immer noch nicht an der Zeit ins Außen zu gehen, sondern mehr in der Stille zu bleiben und zu lauschen. Die Große Bühne musste warten. Spannend war, dass sich ihre Organe sichtbar entspannten, wenn sie ihrem Herzen folgte.

Ein Buntspecht machte auf sich aufmerksam und erinnerte sie weiß-rot-schwarz an ihr Buch Das Haus der drei Farben. Sie hatte das Manuskript vom Tri-coloured House überarbeitet und hatte es tatsächlich geschafft, es in ein BOD-Format zu bringen. Ein Freund hatte den Text redigiert und nun wartete sie voller Freude auf den ersten Probedruck. Ein paar Dinge musste sie noch nachbessern, hatte sie zum Bleistift vergessen, eine Zusammenfassung auf die Rückseite des Buchdeckels zu schreiben. Aber wenn alles gut lief, dann konnte sie bald ihr erstes Buch veröffentlichen und es vielleicht schon bei ihrer kommenden Ausstellung im September in die Welt hinausschicken.

Sie hatte die Sommerpause genutzt und das Glücksdreieck, welches schon seit geraumer Zeit am Himmelszelt stand. Dieses Glücksdreieck, bestehend aus Saturn/ Neptun an der Spitze und Uranus und Pluto an den Flanken würde die Menschenkinder noch eine Weile weiter begleiten. Neptun-Mari half ihr einen langersehnten Traum zu verwirklichen und Saturn, die alte Weise, schenkte ihr die Struktur und die Geduld, die Geschichte in eine Form zu gießen. Uranus flößte ihr viele Ideen bei der Gestaltung ein und Pluto ließ sie noch einmal die Tiefen ausloten.

Nun würde sich der Traum von einem Buch verwirklichen und sie fand es ziemlich aufregend. Mit ihrer Irland-Reise, in das Land ihrer Mutterseele, hatte es begonnen, schlich sich klamm-heimlich die Geschichten-Erzählerin wieder in ihr Leben.

Es fing an zu tröpfeln und der Krähen-Wald bot sich ihr an, unter seinem Blätterdach Schutz zu suchen. Sie begrüßte den Schlangenbaum, eine wilde Kirsche und schon fing es an zu regnen. Sie hatte nicht einmal eine Regenjacke mitgenommen. So stand sie unter einer Buche und ihr gegenüber saß eine dicke Nacktschnecke auf einem Baumstamm. Ein Hase lief quer durch den Wald auf der Suche nach einem Unterschlupf. Sie kam mit der Nacktschnecke ins Gespräch, war es schier unmöglich ihr auszuweichen. Blaue Feder hatte ein schlechtes Gewissen, hatte sie die Nacktschnecken in ihrem Garten eingesammelt und erst einmal in der grünen Tonne zwischengelagert. Als sie ins Moor gefahren war, hatte sie sie aber vergessen mitzunehmen und so gingen die Schnecken mit der Müllabfuhr auf Reisen. Es tat ihr Leid und sie versprach der Schnecke alle weiteren Nacktschnecken zu ihr den Wald zu bringen. Die große Schnecke war wohl so etwas, wie der Große Schneckengeist.

Langsam hörte der Regen wieder auf und als Blaue Feder an den Fuß der Buche schaute, lag da ein Geweih von einem Rehbock.

Sie fragte, ob sie es mitnehmen durfte. Als Antwort kam, es wäre ein Gruß für sie vom Grünen Mann. Während sie im Wald den Regen abwartete, hatte sie schon das Gefühl, dass sie nicht allein war. Doch immer wenn sie wo hinschaute, war da nur ein Regentropfen, der auf ein Blatt fiel.

Der Grüne Mann war eine mystische Figur mit einem geheimnisumwitterten Ursprung. Als ein in grüne Blätter gehülltes, oft mit Hörnern versehenes Gesicht, fanden sich seine Abbildungen in vielen Kirchen Europas. Doch was genau verbarg sich hinter dem Grünen Mann – wer war er und woher kam er? War er ein Naturgott aus keltischer Zeit oder einfach nur ein rätselhaftes Mensch-Baum-Wesen aus der Vergangenheit. Blaue Feder spürte seine Präsenz oft im Wald und für sie war er ein Hüter des Waldes und der Natur. Sie fühlte sich reich beschenkt und verließ den Krähen-Wald mit ihrem kleinen Drei-Ender und ging weiter zum Fuchsloch. Sie stieg die zehn Stufen hinauf und besuchte die alte Eiche. Der Grüne Mann wurde gerne mit einem Gesicht aus lauter Eichenblättern dargestellt. Sie erinnerte sich an den Rehbock, dem sie hier einige Male begegnet war. War das Geweih vielleicht von ihm?

Die Salomonsiegel lachten sie an mit dicken grünen Früchten, die aber giftig waren. Sie hatte ihre Füße mit der Wurzelsalbe jeden Abend gesalbt. Die Warzen waren geblieben, aber der Fersensporn hatte sich aufgelöst – auch gut.

Sie hüpfte weiter über die Pfützen und holte sich ein paar Mariendisteln für einen Tee. Dann besuchte sie die Alte vom Weißdorn. Vor Jahren hatte sie am Fuße des Weißdorns einen abgenagten Reh-Kopf mit Geweih eingegraben und daraufhin vom Grab der Tuatha Dé Danann geträumt. Manche sagen in der Zeit um Lugnasadh herum, kann man die Tuatha Dé Danann oder auch die Sidhe, das unterirdischen Volk sehen. Blaue Feder fragte die Alte vom Weißdorn, ob die Tore sich jetzt öffnen würden. Und die Alte antwortete:

‚Die Tore waren nie verschlossen!‘

Hast Du dir schon einmal überlegt, ob du nicht selbst eine vom alten Volk bist. Kamst du dir in deiner Familie nicht vor wie ein Wechselbalg? Hattest du nicht immer dieses Gefühl nicht dazu zugehören? Und warst du nicht schon als Kind ein Naseweis und etwas altklug? Und schau dir deine Ohren an.

Aber wenn ich eine alten Volk wäre, was ist denn mit meinen magischen Fähigkeiten passiert?

Die Alte vom Weißdorn antwortete nur: ‚Tja…‘

Sie ließ Blaue Feder erstaunt und mit vielen Fragen zurück. Manchmal foppte sie die Alte, damit sich ihr Denken weitete und neue Ideen einfließen konnten. Vermutlich tragen wir alle Erinnerungen an jene Zeiten in unserer Aura. Blaue Feder merkte jedenfalls, je länger sie sich mit den Unterirdischen befasste und das tat sie bereits seit sieben Jahren, hatte sie immer weniger den Eindruck, dass es sich nur um Mythen oder Sagen handelte. Immer mehr hatte sie das Gefühl, es handelte sich um ein Volk, welches sich parallel mit den Menschen entwickelte. Und so wie wir die Sidhe brauchen uns weiterzuentwickeln, brauchten sie vermutlich uns. In einer Meditation war sie ihnen begegnet und sie hatten sich die Hände gereicht. Es hatte sie tief beeindruckt und gerührt.

Blaue Feder konnte die Mythologie nicht leichtfertig als bloßes Märchen abtun. Schon Joseph Campbell, der alte Mythenforscher, sagte: „Mythos ist viel wichtiger und wahrer als Geschichte.“

Die Mythen boten ihr einen Einblick in den menschlichen Geist und in ihr innerstes Wesen. Für Blaue Feder waren die Tuatha Dé Danann, wie eine Manifestationen ihrer lichtvollen und mitfühlenden Seiten, jener Facetten ihres Wesens, mit denen sie sich eine friedliche, harmonische und gerechte Welt erschaffen wollte, in der die besten Aspekte der Menschheit gedeihen konnten.

Woher waren sie einst gekommen? Meistens hieß es, sie kamen aus dem Norden und Blaue Feder fragte sich, ob sie vielleicht das Volk waren, das überall von den Inseln geflüchtet war?

In den Überlieferungen werden sie als ein Volk mit übernatürlichen Fähigkeiten beschrieben. Ursprünglich sollen die Danann aus vier mythischen Städten im hohen Norden stammen – Murias, Gorias, Falias und Finias, gelegen in Lochlann, dem heutigen Norwegen oder kamen sie vielleicht von Island?

Tir na Nog, das Land der Ewigen Jugend, galt gemeinhin als die Heimat der Danann. Es konnte auf dem Seeweg erreicht werden, westwärts über den Atlantik, oder aber durch geheime Passagen in den Hügeln der Sidhe. An diesen Orten waren die Schleier zwischen den Dimensionen dünn, und konnten leicht überwunden werden. Die Idee eines paradiesischen Landes, wo niemand altert, fand sich auch in östlichen Ländern. In Indien und China werden diese Reiche als Shambhala oder Agartha bezeichnet.

Zum Ende ihrer Herrschaft über Irland wurden die Danann durch die Milesier vertrieben. Es heißt, sie zogen sich in den Untergrund zurück. Dorthin fanden sie durch die Hügel der Sidhe, geleitet von Manannán, dem Gott des Meeres, der sie vor den Augen der Sterblichen beschirmte, indem er verzauberte Nebel erstehen ließ, bekannt als Faeth Fiadha oder Mantel des Vergessens. Im Laufe der Zeit wurden die Tuatha Dé Danann dann zu dem, was heute das Feenvolk Irlands genannt wird.

Es gab keine handfesten Beweise für die Existenz der Tuatha Dé Danann. Doch gab es Geschichten über sie – jede Menge sogar. Warum waren sie also in den Träumen der Blauen Feder aufgetaucht? Ihre Phantasie konnte wohl nur das ersinnen, was einst existierte. Wir leben in einer Zeit des Wandel. Vermutlich werden sich noch einige unserer Weltbilder wandeln. Mit den ansteigenden Energien werden auch wir immer feiner und werden uns unserer Hellsinne wieder bewusst, waren sie vermutlich nie fort.

Blaue Feder stand noch eine Weile am Schlangensee. Sie hatte sich gewunden wie eine Schlange dieses Thema anzusprechen.

Viele der Sagen und Mythen sprechen davon, dass die Sidhe zurückkommen. Eine solche Geschichte war Blaue Feder auch auf Rügen begegnet. Sie würde die Geschichte das nächste Mal erzählen, war es für heute genug.

Vielleicht übte sich Blaue Feder erst einmal in ihrem Mitgefühl gegenüber den Nacktschnecken in ihrem Garten, hatte sie der Großen Nacktschnecke ein Versprechen gegeben. Das fiel ihr schon schwer genug, hatten die Schnecken ihr gesamtes Gemüse und ihren Salat aufgefressen. Es war aber naheliegend und förderte bestimmt ihre lichte und mitfühlende Seite ungemein.

Der Löwe-Monat lädt uns ein, jeden Tag tief in die Höhle unseres Herzens einzutreten. Mal wieder eine spannende Zeit, fand auch Taiga!

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