Die weiße Leinwand oder ‚Mutter Viddens Lohn‘

Die Heckenrosen waren erblüht und auch die alte Holler, die manche Jahre wie tot aussah, erstrahlte in diesem Jahr in einem feinen weißen Holunderblüten-Kleid.

Blaue Feder hob ein paar der heruntergefallene Rosenblüten auf, atmete den zarten Duft der Göttin ein und bereitete sich einen Tee.

Sie nahm ihren feinen Rosen-Tee mit ins Atelier, wo ihre weiße Leinwand wartete.

Um malen zu können, musste sie erst einmal ihren Drachen zusammenklappen. Große Kunstwerke waren schön, aber sie nahmen auch viel Raum ein. Blaue Feder zündete sich eine Kerze an, räucherte ein wenig mit Rosenblättern, Wacholderspitzen und Drachenblut.

Sie trank ihren Tee und stimmte sich auf ihre Leinwand ein. Sie war wie eine Freundin, die sie die kommende Zeit begleiten würde. Sie meditierte eine Weile und schaute in ihr Herz mit welcher Intention sie malen wollte. Gab es vielleicht ein Wort, welches es beschrieb und ihr fielen Freude und Leichtigkeit in den Schoß und sie schrieb die beiden Wörter auf ihre Leinwand.

Vielleicht war es der Teebecher mit seinem kleinen Kolibri und der Schriftzug ‚Garden Party‚, jedenfalls bekam sie den Impuls, ihre Leinwand mit in den Garten zu nehmen. Als sie die Tür zum Garten öffnete, kam eine große Spinne hereingekrabbelt, die Große Weberin und sie grüßte die Weise. Sie legte ihre Leinwand in die Wiese, tanzte durch den Garten, holte sich den Segen der alten Holle, den Segen der Naturgeister, den Duft und die Heilkraft der Kräuter, die bunte Farbenpracht der Blüten und die Leichtigkeit der Elfen und Feen. Sie sammelte ein paar Blüten ein, von jedem etwas und begoss ihre Leinwand mit etwas Brackwasser aus der Regentonne. Es kostete sie etwas Überwindung, die schöne weiße Leinwand mit dem dunklen Wasser zu begießen. Doch lud sie auf diese Weise auch die anderen Elemente ein, sie bei ihrem Malprozess zu begleiten. Spielerisch holte sie sich die Kräfte ihres Gartens an die Seite. Sie ließ die Leinwand eine Nacht draußen liegen, lud die Sternenwesen ein, ihre Energien beisteuern und die Tiere, ihre Spuren zu hinterlassen konnten. Wer weiß, vielleicht schlängelte sich in der Nacht eine Krönchennatter über die Leinwand oder ein anderes Tier gab seine Medizin hinein.

Und während ihre Leinwand im Garten lag, wollte sie eine merk-würdige Sage von der Insel Rügen erzählen. Sie hatte diese in einem kleinen Büchlein von Heinz Lehmann RügenSagen und Geschichten gefunden.

Mutter Viddens Lohn 

Als die Mönche von Corvey im 9. Jahrhundert die Ranen zum christlichen Glauben bekehren wollten, reiste einer der Missionare auch nach Hiddensee. In einer Fischerhütte bat er um Aufnahme. Die Besitzerin wies ihn jedoch mit harten Worten zurück. Bei einer armen Nachbarin ward er aufgenommen und verpflegt. Am folgenden Morgen bedankte er sich mit folgenden Worten: „Ich habe nicht viel Gold und Silber, um dir die Bewirtung zu bezahlen, allein Dein erstes Geschäft an diesem Tage soll Dir gesegnet sein“. Bald danach suchte sie ein Stückchen Leinwand aus der Truhe, um es für ein Kleidungsstück nachzumessen. Das Messen nahm aber kein Ende. Sie maß und maß den ganzen Tag hindurch, bis die Sonne unterging. Das ganze Haus war voller Leinwand. Mutter Vidden war bis an ihr Lebensende reich belohnt. Nach ihr soll das Dorf in dem sie wohnte, den Namen Vitte erhalten haben.

Auf Rügen hatten sie Kurs genommen nach Vitt und es war wohl das Dorf, von dem in der Sage die Rede war. Vor dem Kap Arkona in Putgarten gab es einen riesigen Parkplatz. Wer nach Rügen reist, sollte viel Kleingeld für die Parkautomaten mitnehmen, denn überall, selbst auf den abgelegensten, mussten sie hohe Parkgebühren bezahlen, selbst außerhalb der Saison. Da die Rügen-Forscher nach Vitt wollten, welches kurz vor dem Kap Arkona lag, fuhren sie weiter. Als sie durch Putgarten fuhren, erschraken sie etwas, fühlte es sich ähnlich an, wie einst in Ahrenshoop, wurde überall Nippes angeboten. Der einst schöne Ort kam ihnen vor wie ein einziger Touristen-Nap.

Trotz Verbotsschilder fuhren sie weiter nach Vitt, doch gab es dort keine Parkplätze. Wohlmöglich mussten alle Besucher vom Kap Arkona auf dem großen Parkplatz ihren Wagen abstellen und zu Fuß gehen. Es waren bestimmt zwei Kilometer Fußweg und was sie nicht wussten, es gab wohl eine Bimmelbahn. Blaue Feder wollte sich gerne die achteckige Kapelle anschauen, die als Vorbild für ihren achteckigen Regenbogendrachen gedient hatte. Da sie keinen Parkplatz fanden, blieb Brauner Bär im Wagen und Blaue Feder hüpfte in hinein.

Doch sprach die Kapelle in der Kürze der Zeit nicht zu ihr. So zündete sie nur eine Kerze an. Den Rügen-Forschern waren Lust und Laune abhanden gekommen, diesen Ort weiter zu erkunden. Es regnete, der Wind pfiff kalt um die Ecke, alles wirkte wenig einladend auf sie und so folgten sie einfach ihrem Herzen. Etwas in ihnen wollte lieber weiterfahren und so konnte Blaue Feder nichts zu dem sagenumwobenen Kap Arkona erzählen, wenn sie auch gerne den Siebenschneiderstein kennengelernt hätte und durch das kleine Fischerfdorf Vitt flaniert wäre.

Sie ließen los, wie einst in Irland, wo sie viele bedeutende Orte nicht gefunden hatten und doch das Wesentliche für sich erfahren hatten. Und so machten sie sich auf die Suche nach dem Märchenwald bei Schwarbe, von dem Blaue Feder gelesen hatte und der sie wie magisch anzog. So war es manchmal, vielleicht hatte die Reise einen anderen Schatz für sie vorgesehen.

Denn einer anderen Sage nach, stahl Loki der hübschen Freya den wundervollen Halsschmuck Brisingamen. Als der Dieb übers Meer floh, riss das Kleinod und fiel ins Meer. Dort, wo die erste Perle versank, stieg die liebliche Insel empor. In den Sommertagen liegt ein seltsamer Duft über Hiddensee. Es duftet nach Wacholder und Meerwind, nach Rosen und Himbeer, der Duft, der die Göttin begleitet.

Das Spinnen und Weben von Flachs, das Erstellen von weißer Leinwand und Kleidung, das Waschen und Bleichen dieser weißen Wäsche, dies alles waren nicht einfach typisch weibliche Tätigkeiten, sondern hatten – sofern sie in den Mythen vorkommen, gleichzeitig magische Funktion. Spinnen und Weben waren Symbole des Lebenszyklus‘. Daher waren in den Mythen Göttinnen und Feen damit betraut, wie die Schicksalsweberinnen, die Nornen, die den Faden spinnen, weitergeben und abschneiden.

Blaue Feder hatte ihre eigene Geschichte mit diesen Tätigkeiten, war sie in eine Familie hineingeboren mit dem Nachnamen Linnig. Dieser Name erzählte ihr von den Menschen, die das Flachs schlugen, den Faden sponnen und das Linnen webten. So wunderte es sie nicht, dass sie Leinwände und Stoffe liebte. Und so konnte sie zuletzt noch die frohe Botschaft verkünden, dass sie die Ausschreibung von True Fabrics mit zwei anderen Bewerberinnen gewonnen hatte.

Mittlerweile war der Gewinn, weitere wunderschöne Aborigene Stoffe, bei ihr eingetrudelt und in der Kreativ-Ecke von True Fabrics, inspirierte ihr wirbelnder Regenbogendrache nun auch andere Textil-Künstlerinnen.

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