Mittlerweile hatte es sich wohl herumgesprochen, es ließ sich auf dem Schwalbenhof gut nisten. So trudelten immer mehr Mehlschwalben ein und es kam zu einigen Diskussionen. Die Neuankömmlinge beanspruchten ein Nest, welches schon besetzt war. Wer weiß, vielleicht hatten sie es selbst gebaut. Blaue Feder, die unter ihrem Sonnenschirm saß, damit ihr kein Vogel auf den Kopf kackte, was durchaus schon vorgekommen war, versuchte zu vermitteln. Es gab noch eine Nesthilfe, auf die aufgebaut werden konnte und vorne am Hof war sogar noch ein Nest leer. Und so kam es, dass sieben Mehlschwalbenpaare auf dem Hof nisteten. Brauner Bär musste wohl im kommenden Jahr mehr Kackbretter anbringen. Denn so schön es war mit den Schwalben zu leben, machten sie auch viel Dreck.

Auch vom Storchenpaar gab es Neuigkeiten. Blaue Feder hatte nicht mehr damit gerechnet, aber sie bekam eine Antwort von der Helgoländer Vogelwarte. So wurde ihre Storchendame vor zwei Jahren in Hennstedt auf Gut Apeldör geboren und vom Storchenvater Rolf Zietz vom Nabu beringt. Blaue Feder hatte mit ihm Kontakt aufgenommen. Er wusste bereits von den Störchen in Ostrohe und würde kommen, wenn die Küken vier-fünf Wochen alt waren und auch sie beringen.
So war die Storchenmutter, die vielleicht schon Küken hatte, die aber noch nicht über den Nestrand schauen konnten, noch sehr jung. Im vergangenen Jahr war sie in Hennstedt-Brandmoor gesehen worden etwa acht Kilometer entfernt. Sie war also eine Ortskundige. Nur von ihrem Partner wusste Blaue Feder noch nichts und sie würde sich weiter Bemühen seinen Ring ins Visier ihrer Kamera zu bekommen. Die Störchin war derzeit ins Brüten vertieft und ihr Partner musste die Nahrung heranschaffen. Einmal hatte sie die beiden schon zur Begrüßung klappern sehen – welch eine Freude.
Blaue Feder kam das Lied von Rolf Zuckowski in den Sinn:
Immer nur brüten, brüten, brüten
Das Ei behüten, hüten, hüten
Eines Morgens, als Blaue Feder anfangen wollte, ihre weiße Leinwand zu bemalen, überraschte sie Brauner Bär mit einem Ausflug. Sie war hin-und hergerissen, aber im grünen Herzen von Dithmarschen beim Mühlenteich war es im Mai einfach wunderschön und malen konnte sie auch noch, wenn es regnete – so war es entschieden.
Der Mühlenteich und auch die Westerau führten wenig Wasser, hatte es über lange Zeit viel Sonne im Sunstate Dithmarschen und keinen Regen.

Und trotzdem floss die kleine Au vor sich hin und das Licht glitzerte zauberhaft auf ihr, die sich durch das Tal schlängelte wie eine Schlange.

Es war jener Tag, an dem die Sonne den Uranus küsste. Blaue Feder hatte gerade eine Geschichte geschrieben, als sie erzählte, dass ihr künstlerischer Ausdruck etwas stockte. Als sie die Au so fließen sah, fragte sie sich, ob das Schreiben nicht ebenso zu ihrem künstlerischen Ausdruck gehörte. War nicht die Geschichten-Erzählerin ein wichtiger Bestandteil ihrer Medizin und dieser floss gemächlich vor sich hin. Blaue Feder wurde bewusst, dass sie ihren Kelch ebenso öffnete, wenn sie schrieb, ein schönes Essen zubereitete, im Garten ein Beet anlegte, putzte oder aufräumte, denn überall steckte sie ihre Energie und Liebe hinein. Es schien ihr wohl nicht so bedeutsam zu sein, wie ein Bild zu malen. Das fand sie spannend, lag da wohl noch eine Bewertung vor, der sie im grünen Herzen nachspüren konnte.


Gemeinsam stromerten sie durch den Wald, der wunderbar zugewachsen war. Blaue Feder besuchte ihren Thron, der am Fuße einer Stieleiche stand, lauschte dem Wind in den Bäumen und dem Gesang eines Vogels, der ihr bekannt vorkam. Sie war beeindruckt wie er sang, auf sehr unterschiedliche und vielfältige Weise. Leise war die Sprache der Natur, doch voller Botschaften.

Die Auen-Wanderer trafen sich wieder bei einer alten Buche, die wie die Buchen im Märchenwald auf Rügen gewachsen war.

Blaue Feder blieb eine Weile bei ihr, der alten Geschichten-Erzählerin und sah, zu ihren Füße wuchsen Farn, Salomonsiegel, Klee und Maiglöckchen. Durch ihren Schoß glitt sie hinüber in eine andere Zeit.


Das frühe Sommermädchen nahm sie bei der Hand und sie wurde zeit-weit. Sie fand sich wieder auf einem Weg, der ihr auf den ersten Blick nicht bedeutsam erschien.

Auf den zweiten Blick fand sie ein leeres Schneckenhaus und dort noch eines und dort noch eines. Sie war wohl auf einem Schneckenpfad gelandet. Die Zeit um die herum löste sich auf und sie hüpfte von Schneckenhaus zu Schneckenhaus von einem Bein aufs andere. Einige Häuser, die sie umdrehte, waren durchaus noch belebt und sie entschuldigte sich für die Störung.


Bald hatte sie eine Hand voll Schneckenhäuser gesammelt und suchte einen Ort, wo sie damit spielen konnte. Das Licht fiel auf eine kleine Lichtung mit ein paar Sternmieren und um sie herum legte sie ein kleines Medizinrad, hatte sie acht Schnecken gesammelt.

Zufrieden und glücklich vergaß sie die Zeit und alle Bewertungen. Sie war einfach da und spielte. Dabei merkte sie, wie Mutter Natur sie bei der Hand nahm. Als sie begann ihre Geschichten von Rügen zu erzählen, wusste sie nicht, wie es gehen sollte. Doch wie immer, wurde sie geführt, von Erfahrung zu Erfahrung – von Erinnerung zu Erinnerung. Ihre nächste Geschichte würde wohl vom Märchenwald auf Rügen erzählen.

Brauner Bär und Blaue Feder hatten sich aus den Augen verloren. Auf dem Rückweg trafen sie sich wieder auf einer Holzbank und zumindest Blaue Feder baumelte mit den Beenen. Dann sah sie einen Maikäfer fliegen. Brauner Bär schaute sie ein wenig ungläubig an, doch dann sah auch er seinen ersten Maikäfer fliegen und gleich darauf noch einen und beide waren verzückt von diesem Ausflug.

Gemeinsam schauten sie noch einem Kleiber zu, der gerne einmal kopfüber die Perspektive wechselte.
In den vergangenen Jahren waren die Spielräume klein geworden. Blaue Feder spürte, wie sehr sie die Medizin des Sommermädchens brauchte. Dank der alten Buche war sie in einem Zwischenraum gelandet und sie merkte, wie die reine Zielorientierung dem Zwischenraum jede Bedeutung nahm. Sie entleerte ihn zu einem Schneckenkorridor, dem jeder Eigenwert fehlte. Orientierte sie sich am Ziel, wie ein Bild malen zu wollen, war der Raum bis zum Zielpunkt nur noch ein Hindernis, der möglichst schnell zu überwinden war. Vielleicht war es an der Zeit – zeit-weit zu werden – wie Cambra Skadé es nannte und die Zwischenräume wiederzuentdecken. Vielleicht lag die Erleuchtung genau dort – in den Zwischenräumen.
Wenn ihr die Katze auf den Schoß sprang, dann konnte sie nicht mehr ausweichen, dann wurde sie zeit-weit und nur noch das gemeinsame Schnurren war wichtig. Ihr wurde klar, hätte sie die Erfahrung im grünen Herzen nicht gemacht, wäre ihre Reise mit ihrer weißen Leinwand wohl anders verlaufen.
Als sie heimkehrten und Blaue Feder in ihr Atelier ging, bemerkte sie eine Buchfinken-Dame, die anfing ihr Nest in den Apfelbaum vor ihrem Fenster zu bauen. Sie schauten sich an und es war wie ein Gruß von der alten Buchenfrau aus dem grünen Herzen Dithmarschens.

-Blaue Feder schaute von ihrer Weltenkiste auf aus dem Fenster. Es regnete und es wurde gemunkelt, dass an diesem Tag die alte Weise oder Saturn, ihr oder sein Zeichen wechseln würde. Über die kosmische Spalte, die wohl auch so ein Zwischenraum war, wechselte er oder sie, wie auch immer, von den Fischen in den Widder. Die Widder-Energie war sehr feurig und zielorientiert. Nach dieser Erfahrung schien es Blaue Feder sinnvoll ihr Augenmerk auf die Zwischenräume zu richten und zeit-weit zu werden. Deshalb hatte sich wohl auch das Sommermädchen in ihrem Garten eingefunden.

Gleichzeitig tauchen wir in die Energie der dunklen Luna und in einen neuen Mondzyklus. Jamie Sams hat dieser Mondin die Geschichten-Erzählerin als Clanmutter zugeordnet und Blaue Feder, die es stimmig fand, möchte mit ein paar Worten von Jamie schließen.
Erzähl mir eine Geschichte, liebe Mutter
von den Ahnen und jenen Tagen
da sie in Schönheit wandelten
und die Wege der Medizin lernten.
Wenn du erzählst
kann ich alles vor mir sehen.
Ich lerne daraus und sehe,
wie sehr mich alles betrifft.
Durch der anderen Beispiel
erlebe ich Lachen und Tränen
Durch der anderen Erfahrung
weiß ich: Liebe besiegt Angst.
Lass uns zusammen reisen
durch jene frühen Tage,
lass uns Weisheit und Vermächtnis
der Ahnen neu enthüllen.