Schwanenweiß

In der Nacht, als Blaue Feder Taiga rein ließ, war die Luft durchtränkt von den Maien-Feuern. Die Mondin hing schräg als Sichel am Himmelszelt und lachte.

Doch davon wollte Blaue Feder nicht erzählen, hatte sie im vergangenen Jahr schon eine schöne Geschichte zum Maienfeuer, Beltane und dem Weißdorn erzählt. Also fing sie mal bei den gelben Rapsfeldern an, denn diese blühten strahlend gelb, als sich die Schwalbenhof-Bewohner auf den Weg zur Grünen Insel machten.

Es war ein Samstag, der Himmel war strahlend blau und sie entschieden sich zur Grünen Insel zu fahren, einem Naturschutzgebiet jenseits des Eider Sperrwerkes im Eiderwatt. Sie hatten nicht mitbekommen, dass das Eider Sperrwerk seit März gesperrt war und als sie die Umleitung fuhren, entschieden sie sich um und fuhren nach Tönning, wo sie seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen waren.

Spannung lag in der Luft, als sie durch den kleinen Hafen schlenderten und ihnen die Zeit verloren ging.

Es war, als warteten alle gespannt auf etwas.

Als sie über die kleine Brücke gingen, hörten sie wie mit Hupen und Getöse feierlich das erste Boot zu Wasser gelassen wurde. Und dann sahen sie die lange Reihe von wartenden Booten, die wieder ihrem Element zugeführt werden wollten. Doch dazu mussten sie erst einmal fliegen lernen.

Eins, nach dem anderen, kleine und große Boote, wurden vom Krahn in die Luft gehoben und dann feierlich ins Wasser gesetzt. Die Menschen standen drumherum wie Kinder, die stundenlang einem Krahn zuschauen konnten. Der alte Krahn war etwas kleiner, konnte die alte Bohle Nr. 13 berichten.

Auch das Museum hätte davon erzählen können, wenn es nicht geschlossen hatte.

So schlenderten die Ausflügler zeitlos zurück, setzten sich in eines der schönen Cafés und schleckten ihr erstes Eis.

Blaue Feder hätte gerne mehr über die Stadt in der Tonne erfahren. Auf dem Hinweg hatte sie das Wappen von Tönning gesehen und es hatte den Schwan auf einer Tonne.

Der Sage nach wurde Tönning an der Stelle gegründet, wo ein auf einer Tonne stehender Schwan an Land getrieben wurde. So erinnerten der Schwan und die Tonne im Wappen an diesen Gründungsmythos. Woher der Schwan wohl gekommen war?

Blaue Feder erinnerte er an die Schwanen-Insel Rügen

Unter den Booten war auch ein kleines Piratenschiff und als ‚Hein‘ an ihnen vorbeischipperte, waren sie mir-nichts-dir-nichts wieder auf der Schwaneninsel. Sie landeten an einem feinen Sandstrand mit Blick auf das Kap Arkona.

Sie setzten ihre Reise mit dem Künstler-Mobil fort und steuerten Altenkirchen auf der Halbinsel Wittow an. Wie schon der Name verrät, findet sich in Altenkirchen eine der ältesten Kirchen Rügens und da alte Kirchen oft an besonderen Orten erbaut worden waren, fanden sie tatsächlich einen Ort mit einer feinen Schwingung vor, der sie verzauberte.

Blaue Feder wurde mal wieder von einem kleinen Stein begrüßt. In den Armen einer Büste des Pastors Kosegarten lag ein kleiner Marien-Käfer.

Ludwig Gotthard Kosegarten war von 1792 bis 1808 Pastor in dieser Kirche. Der Pastor war wohl sehr naturverbunden, hatte er sich mit seiner Naturpoesie als Dichter einen Namen gemacht. Bekannt wurde er auch durch seine Uferpredigten auf den Klippen bei Vitt. Er ging dort zu den Heringsfischern, die während der Zeit des Heringsfangs aufgrund ihrer Arbeit nicht nach Altenkirchen in die Kirche kommen konnten. Diese Predigten waren ein großer Erfolg, weshalb ab 1806 die Vitter Kapelle errichtet wurde. Während seines Aufenthalts auf Rügen schrieb er viele Berichte über die Insel, die sowohl ihn, als auch Rügen bekannt machten. Er war ein Zeitgenosse von Caspar David Friedrich, der ihn auf seinen Wanderungen immer wieder mal besuchte. Es wird erzählt, dass Friedrich durch Kosegartens Naturpoesie angeregt, in der Natur Gott erkannte und für ihn das Malen zu seinem Gottesdienst wurde.

Die Naturverbundenheit war auch für die Rügen-Reisenden an diesem Ort stark zu spüren.

Wie durch einen Schoß tauchten sie in das Innere der Kirche.

Dort gingen sie auf Spurensuche und schauten sich den Stein von Svantovit an.

Auf dem Stein war ein Priester oder Svantovit selbst zu sehen. Blaue Feder fiel besonders sein Füllhorn auf, dass sie eher als ein Attribut der Göttin kannte und in dem Namen des ihr Unbekannten entdeckte sie in ‚Svan‘ den Schwan und in ‚Vit‘ das Weiß. Und sie fragte sich, warum dieser slawische Heilige, der wohl sein Heiligtum in den Jaromarsburg auf dem Kap Arkona hatte, sich ‚Schwanenweiß‚ nannte? Die Kirchenmenschen hatten ihn nach seinem Sturz in ihrer Kirche zur Ruhe gebettet. Es wurde erzählt, dass er sich, wenn der Hahn am Morgen krähte, auch mal auf die andere Seite legte. Blaue Feder wusste nichts von den slawischen Riten der Svanteviten. Es hatte wohl auf dem Kap Arkona ein Statue gegeben, wo er in alle Himmelsrichtungen schaute, wie auf dem Taufbecken, welches im Altarraum stand.

Die Rügen-Forscher zündeten zwei Kerzen an und Blaue Feder setzte sich vor den Altarraum. Da fiel ihr die Lebensblume an der Decke auf und mit dem Marien-Stein, der warm in ihrer Hand lag, tauchte sie tiefer in die Geschichte.

Sie schloss die Augen und fand sich wieder in der Natur. Um sie herum tanzten Frauen im Kreis in weißen Kleidern und sie tanzte mit ihnen. Sie spürte, wie sie selbst ein Teil dieses großen Netzwerkes war, wie ein jeder Mensch, eine Blume in der Großen Blume des Lebens.

Es war nur ein kurzer, aber tiefgehender Eindruck und als sie wieder auftauchte, hatte sie das Gefühl, wie durch viele Gesteinsschichten wieder an die Oberfläche zu gelangen. Es gab viele Überlagerungen, eine Geschichte lag auf der anderen, dass ihr bald schwindelig wurde. Die weißen Frauen schienen ihr mit der ursprünglichen Energie des Ortes zu tun zu haben. Mit ihnen zu tanzen fühlte sich frei an. Waren sie die Schwanenfrauen? Waren sie die Witten Wiwern aus den Rügener Sagen? Hatte Svantovit, als er hier einst landete, etwas von ihrem Sein übernommen? Hatte er sich deshalb Schwanenweiß genannt?

Blaue Feder blieb mit vielen Fragen zurück. Vielleicht würden sich mit ihrem Glückstein in der Tasche im Laufe ihrer Reise einige Fragen beantworten.

Das kleine Piratenschiff ‚Hein‘ kam zurück von seinem Ausflug und legte wieder im Hafen von Tönning an. Brauner Bär und Blaue Feder schleckten noch genüsslich ihr Eis und machten sich dann auf den Heimweg. Auf dem Rückweg sah Blaue Feder auf einer Verkehrsinsel noch einmal den weißen Schwan auf der Tonne und bedankte sich bei ihm für den spannenden Ausflug.

Hinterlasse einen Kommentar