Mit der dunklen Luna begab sich Blaue Feder auf Spurensuche. Einst hatte sie mit dem Lungenkraut die Fährte aufgenommen. Gerade bekam es wieder Blüten in ihrem Garten. Sie nahm eine Nase und atmete tief durch.

Vor zwei Wochen hatte sie ihre Steine verteilt. Den Schneeglöckchen-Stein hatte sie auf die Bank gelegt, wo sie ihren ersten Herz-Stein gefunden hatte. Den Stein mit dem Schmetterling hatte sie zu der alten Eiche auf den Fuchsloch zu gebracht, einem kleinen Berg mit einer Fuchshöhle. Den Märzenbecher-Stein versteckte sie im alten Weißdorn, wo sie den zweiten Herz-Stein gefunden hatte.
Als die dunkle Luna am Himmel stand, klopfte La Mariposa, die Schmetterlingsfrau an ihre Tür. Blaue Feder öffnete ihr und vor ihr stand eine Steinalte mit ellenlangem grauen Haar. Sie war enorm korpulent und wirklich alt, sehr alt. Ihre Flügel waren aus Pappmaché, wie die von Engeln im Krippenspiel. In der Hand hielt sie einen Fächer aus bunten Vogelfedern. Bedeutungsvoll hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen und schaute Blaue Feder tief in die Seele. Sie war der Schmetterling der Lahmen, Schwachen und Genesenden, der ihnen Kraft spenden konnte. Sie war ein Jumbo-Schmetterling.
‚Ich bin hier, hier, hier! Ich bin hier, hier, hier! Erwachet, ihr, ihr, ihr!‘
Sie fing an zu tanzen und ihr ellenlanges graues Haar peitschte den Sand, wenn sie sich bückte und ihren Riesenhintern im Kreis schwenkte.
Mit der Schmetterlingsfrau an ihrer Seite ging Blaue Feder auf Fährtensuche. Großvater Sonne wärmte die beiden Alten mit seinen Sonnenstrahlen und die Vögel sangen ihre Frühlingslieder.

Die Venus war mittlerweile am Himmelszelt stehen geblieben, sie schaute zurück und ging die Wege, die sie bereits gegangen war noch einmal ab. Sie schaute, ob sie etwas übersehen hatte. Vielleicht gab es noch etwas, dass sie in ihr Herz nehmen musste, bevor sie zu neuen Abenteuern aufbrach.
Am gestrigen Abend hatte es Pfannkuchen auf dem Schwalbenhof mit selbst eingekochtem Apfelmus gegeben. Blaue Feder konnte dir davon erzählen, doch wirst du die Gaumenfreude nur nachempfinden können, wenn du es selbst gekostet hast. So war es mit dem Wirken der Venus, ihre Geschenke können wir mit allen Sinnen erfahren.
Blaue Feder ging ihren gegangenen Weg auch noch einmal, wollte sie schauen, ob ihre Mal-Steine schon gefunden worden waren. Ayla, die Dorfeiche, erwachte in einem Meer von Krokussen. Überall fing es an zu summen und zu brummen.

Am Dorfausgang war der Schneeglöckchen-Stein auf der Bank verschwunden. Auf der Allee lagen viele Schneeglöckchen, ausgerissen und unachtsam liegen gelassen.

Mit Mariposa an der Seite ging sie über eine Brücke. In der Mitte machte sie einen bewussten Schritt und ließ ihr altes Leben hinter sich. Sie spürte einen leichten Schmerz auf dem Rücken zwischen den Schulterblättern, ihrem hinteren Herzen, dort, wo ihr Flügel wuchsen. Es war ihr, als schlüpfte sie aus einem Cocon und langsam breitete sie ihre Flügel aus. Noch waren sie zerknittert, doch im Schein der Sonne entfalteten sie sich. Blaue Feder wurde selbst zu Mariposa, zu einer Schmetterlingsfrau.
Es gab sie wirklich, die Schmetterlingsfrau. Clarissa Pinkola Estès erzählt im 7. Kapitel der Wolfsfrau von den Körperfreuden und dem wilden Fleisch.
Einmal im Jahr finden sich Sucher auf den Puyé-Cliffs, einer Bergebene in Neu-Mexiko ein, die Mesas genannt werden. Die Nachfahren der alten Indianerstämme kommen hier zusammen, um ihre urtümlichen Stammestänze aufzuführen. Der Tanz der Schmetterlingsfrau ist der letzte des Tages, wenn die Sonne schon am Untergehen ist. Wer den Tanz noch nie zuvor gesehen hat, ist sichtlich erschüttert, wenn die alte Maria Lujan im Schmetterlingskostüm auf die Bühne gehüpft kommt. Viele schütteln verwirrt und enttäuscht den Kopf, wissen sie nicht, dass in der Geisterwelt dicke Frauen Schmetterlinge sind, Wölfe Frauen und Bären Ehemänner.
Ja, es macht Sinn, dass die wilde Schmetterlingsfrau uralt und von enomer Leibesfülle ist, schließlich trägt sie die Unterwelt in der einen und die Naturkräfte in der anderen Brust. Ihr Rückgrat ist der Bogen der Erdkugel selbst; über ihren linken Schulter geht die Sonne auf und und über ihrer rechten geht sie unter. Ihr Bauch birgt alle Wesen, die je geboren werden. In ihr vereinen sich alle Gegensätze.
Die Alte Hasel im Geheimen Garten rief sie zu sich. Auch sie verband die Gegensätze, trägt sie sowohl weibliche wie auch männliche Blüten. Blaue Feder bewunderte ihre zarten, winzig kleinen magentafarbenen Blüten.


Unter der Hasel spürte sie die Schlangenenergie in sich aufsteigen. Sie fing an, wie Mariposa zu tanzen, bedeutungsvoll von einem Bein auf das andere. Sie fing an sich zu rütteln und schütteln, das müde Fleisch zu befreien von allem Klebrigen. Die Hasel gab ihr einen Rat mit auf den Weg:
Breite Deine Flügel aus und lass Dich vom Leben überraschen.
Als sie den Geheimen Garten verließ, begegnete ihr eine dicke Erdhummel, deren dicker Körper und Plüschmors waren über und über mit Pollen bedeckt war.

Auch die Erdhummel erinnerte an Mariposa. Dick wie sie war, konnte sie eigentlich mit ihren kleinen Flügeln nicht fliegen und da sie es nicht wusste, flog sie trotzdem. Unbeschwert von hemmenden Wissen brummte die Hummel von Blüte zu Blüte und sammelte den Nektar des Seins und erinnerte Blaue Feder, ihr Sein zu genießen.
Brauner Bär und sie hatten eine Absage vom Meldorfer Culturpreis bekommen. Blaue Feder war ent-täuscht. Für sie hatte es sich stimmig angefühlt, dass ihr Drache im Museum fliegen würde. Nun war es wieder anders und für einen Moment war sie verunsichert. Doch was sollte sie sich den Kopf darüber zermürben, warum sie und viele andere nicht für die Ausstellung ausgesucht worden waren.
Es ist, wie es ist, sagt die Liebe!
Sie wusste nicht, was das Leben mit ihr vorhatte und so schaltete sie ihren Kopf aus, atmete tief in ihr Herz und schaute, welche Wunder das Leben gerade in diesem Moment für sie bereit hielt.
Wie die Hummel trägt die Schmetterlingsfrau den Blütenstaub von einem Ort zum anderen, um zu befruchten, genauso, wie die Seele den Geist durch nächtliche Träume befruchtet und Archetypen das alltägliche Menschenleben.
Im Traum war Blaue Feder wie ein Computer runtergefahren worden. Sie war sozusagen im Reset-Modus, am Nullpunkt – kurz vor einem Neustart.
La Mariposa konnte nur von einer Alten verkörpert werden, denn sie war die Ur-Seele, wie sie leibt und lebt. Und sie musste breite Hüften haben, an denen viel Blütenstaub hängenblieb. Ihr Körper war wie die Erde selbst, eine Landschaft, welche darunter leidet zubetoniert, in Parzellen aufgeteilt, ausgeplündert zu werden. Es gibt keine einzig und richtige Körperform. Es geht nicht um Größe, Umfang oder Alter in Jahren. Für die Instinktnatur geht es um das Seins-Gefühl im Körper, um eine Verbundenheit mit dem Herzen, der Seele, der Urkraft. Ist der Körper seines Lebens froh, das ist die Frage. Kann er auf seine ureigene, unverwechselbare Art laufen, tanzen, sich hin und herwiegen. Alles andere ist unwichtig.
Die wilde Frau tritt in allen Farben, Konturen und körperlichen Verfassungen auf. Schaut nur genauer hin, damit ihr sie nicht verpasst.
Auf dem Weg zum Fuchsloch sah Blaue Feder einen Kleinen Fuchs fliegen. Es war ihr erster Schmetterling in diesem Jahr. Der Platz auf der alten Eiche, wo ihr Schmetterling-Stein gelegen hatte, war leer. Ein quietsche-gelber Zitronenfalter tauchte wie aus dem Nichts auf und sie folgte ihm. Er führte sie um den Fuchsloch herum und wurde dann wieder von einem Kleinen Fuchs abgelöst. Dieser flog mit ihr sie zur Fuchshöhle, die wie neu belebt aussah. Frischer Sand war aus der Höhle geschaufelt worden, darin Spuren, von wem auch immer.


Kurz darauf hörte sie einen wunderbaren Singsang. Es war ein Goldammer-Weibchen, die ihr ein Lied sang. Es war wie eine liebevolle Umarmung. Blaue Feder kam zu sich und spürte ihren Herz-Raum. Sie erkannte ihre Bewertungen, auch ihre Abwertungen sich selbst gegenüber. Sie spürte die Wärme ihres Körpers und genoss es. Das goldene Licht in ihr breitete sich aus. Sie war von so vielen Geschenken umgeben. Sie nahm den Reichtum auf allen Ebenen wahr und freute sich. Liebevoll umarmte sie sich selbst, ihren Körper und Stille kehrte ein.

Sie kam zu dem alten Weißdorn und sah, dass ihr Märzenbecher-Stein noch an seinem Platz lag. Sie blieb offen und war gespannt, welchen Erfahrungen sie im Märzenbecher begegnen würde.

Blaue Feder war nicht die einzige Künstlerin, die mit La Mariposa auf Spurensuche ging. In London gab es derzeit eine Ausstellung in der Soho Revue Galerie. Eine Gruppe von KünstlerInnen hatten der Schmetterlingsfrau in sich nachgespürt. Sie war also nicht allein mit ihr unterwegs und es freute sie. Die Ausstellung La Mariposa war noch bis zum 15. März 2025 zu sehen.




Die KünstlerInnen schrieben:
‚Diese Ausstellung fordert eine Wiedererlangung des göttlichen Weiblichen. Jeder von uns wurde aus der Schmetterlingsfrau geboren; wir sind VON ihr und wir SIND sie. Die Künstler in der Ausstellung wissen, dass die Wiederbelebung unserer Beziehung zu Mutter Erde und allen Lebewesen unsere kollektive Heilung unterstützen wird, wenn wir uns den verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Krisen unserer Zeit begegnen. Wir umarmen La Mariposa und machen sie zum Symbol unserer eingebildeten Zukunft.
La Mariposa ist jede Frau; sie ist Mutter Erde, Pachamama und Gaia, sie ist der Fluss und das Meer, sie ist Intuition und Magie, sie nährt, zerstört und schafft Leben auf einmal. Sie passt sich nicht an moderne, weiße, westliche Schönheitsideen. Sie ist von der Erde, dem Wasser und dem Himmel. Sie umfasst den gesamten Kosmos und ihre Hüften sind breit genug, um das ganze Leben im Universum zu gebären.‚
Mit der Schmetterlingsfrau öffnete sich eine Schatzkiste oder ein Märzenbecher. Blaue Feder würde mit Pinsel und Farben weiter dem Pfad der Schmetterlinge folgen und sie war froh, dass La Mariposa an ihre Tür geklopft hatte.