Wieder einmal kam der Fasan in ihren Garten. Er schaute sich in Ruhe ihren kleinen Brigid-Garten mit dem Wal an, schüttelte sich die Regentropfen aus dem Federkleid und fragte, ob sie nicht noch ein wenig von der Fasanen-Insel erzählen mochte. Dann hockte er sich unter den Lorbeer vor ihrem Fenster, denn es fing heftig an zu regnen.

Blaue Feder hatte die Ostertage den Rat der Falkin beherzigt und Abstand genommen. An einem der Tage konnten sie schon in der Sonne draußen frühstücken. Danach ging sie in die Gartenkammer. Dort lagen in vielen Schüsseln die Fruchtkapseln vom vergangenen Jahr. Sie setzte sich in die Sonne und puhlte die Mohnsamen und andere Samen von Akelei, Fingerhut, Ringelblume, Sonnenblumen, Lupinen aus ihren Hülsen. Sie erinnerte sich, dass Vasalisa im Haus der Baba Yaga Mohnsamen aus einem Haufen Erde heraussammeln musste. Allein hätte sie es nie geschafft. Die Frage war, wer hatte ihr geholfen?
Der Mohn mit seinen neptunischen Kräften erzählt von Lösungen, die sich oft in einem entspannten Zustand leichter finden lassen. Manchmal kommen uns neue Idee über Nacht. Blaue Feder bekam viele Inspirationen unter der warmen Dusche. Ihr half es oft, wenn sie etwas anderes machte, wenn sie anfing Dinge zu sortieren, wenn sie begann aus-zu lichten.


Und während sie so saß, wurde ihr bewusst, die blauen Schlüsselblumen waren erblüht – das Lungenkraut lachte sie an.

Blaue Feder befreite weitere Beete vom alten Laub, lockerte die Erde und verteilte die Samen. Dabei lauschte sie nach Innen, wo die Samen hinwollten. Ob und welche Samen in diesem Jahr keimen würden, wusste sie nicht.
Unverhofft kam eine spontane Einladung zum Osterfeuer aus Hägen. Es war ein lustiger Abend. Die Zweige waren zu feucht und brannten nicht. So saßen sie mit ihren Freunden im Dunkeln und speisten im Schein zweier Teelichter. In der Ferne sahen sie das Osterfeuer von Hennstedt brennen. Kater Konrad freute sich, sie zu sehen und umschnurrte sie. In dieser Osternacht unterhielten sie sich viel über ihre Katzen.

Katzen erinnern uns an unsere Fähigkeit die Welt um uns herum mit allen Sinnen wahrzunehmen und in die feinen unsichtbare Welten zu tauchen. Katzen erinnern uns, das alles um uns herum wichtig ist, jedes Detail. Beobachtete Sie Taiga, so nahm diese jede noch so zarte Veränderung in ihrer Umgebung wahr. Dieses ganzheitliche Erfassen machte sie lebendig, selbständig; machte sie weich und stark und Glück, Freude und Genuss waren gegenwärtig.
Es ging wieder auf den Neumond zu und Blaue Feder erinnerte sich, das auf ihrem kommenden Kreis ein Puma abgebildet war. Er sah aus, als würde er aus einer Höhle kommen. Einen Feuerstein und einen roten Mal-Stein hatte sie auf das Seidenrund gestickt. Sie las noch einmal ihre Aufzeichnungen aus den Raunächten, die von einem Aufbruch ins Unbekannte erzählten.

Ihr war gänzlich entfallen, dass der Berglöwe im indianischen Medizinrad, ihrem Sternzeichen als Totem zugeordnet war. Vermutlich war diese Großkatze eine wunderbare Seelenführerin, die ihr half unbekannte Wege und neue innere Welten zu erforschen. Sie war eine Einzelgängerin und konnte sie in die Kraft des Mit-sich-Seins einführen.
Ostersonntag trafen sie sich mit Liebevolles Herz und besuchten eine zauberhafte Ausstellung im Museum Langes Tannen. Falko Berendt, einer der beiden Künstler, hatte einen wunderbaren Humor. So schmunzelten und lachten sie sich durch die Ausstellung. Blaue Feder hatte nicht erwartet, dass diese Ausstellung sie dermaßen berühren würde. Besonders ein Bild ‚Im Garten des Riesen‘ hatte es ihr angetan. Der Künstler hatte sich in vielen seiner Bildern mit Märchen und Geschichten auseinandergesetzt, wie auch mit dem Garten seiner Jutta.

‚Im Garten des Riesen‘ war nach dem Kunstmärchen von Oscar Wilde ‚Der selbstsüchtige Riese‘ entstanden. Ein Riese kehrt nach sieben Jahren der Abwesenheit in seinen Garten zurück, sieht wie Kinder darin spielen und verscheucht sie. Fortan gibt es nur Winter in seinem Garten. Die anderen Jahreszeiten lassen sich nicht mehr blicken. Dann geschieht das Wunder und ein kleiner Junge, nicht größer als ein Zwerg, erweicht das Herz des Riesen. Die Kinder kehren zurück in den Garten und mit ihnen auch der Frühling und alle anderen Jahreszeiten, das Spiel und die Freude. Als der Riese starb, holte ihn der kleine Junge in seinen paradiesischen Garten.
Dieses Bild von Zwerg und Riese erinnerte Blaue Feder wieder an Amrum oder Murma, wie sie es liebevoll rückwärts nannten.

Brauner Bär und Blaue Feder waren selbst wie Zwergin und Riese, er der Zwei-Meter-Hüne und sie die Zwergen-Frau.
In ihrer Sylter Geschichte vom Morsum Kliff hatte sie schon erzählt, es war einst zum Streit zwischen den Riesen und den Önereersken gekommen. Deshalb waren viele der Unterirdischen von Sylt nach Amrum und Föhr geflüchtet. Blaue Feder war nun ausgezogen, nicht das fürchten zu lernen, sondern sich auf die Spuren der Onerbäänkin, wie sie auf Amrum genannt wurden, zu begeben. All die Tage auf der Insel konnte sie zwar ihre Anwesenheit spüren, aber gesehen hatte sie nicht einen.
Es war der vorletzte Tag ihrer Reise und sie begann ihn ohne Erwartungen. Sie hatte in jener Nacht geträumt, es ginge darum, sich in der Kunst zu beheimaten. Alte Strukturen wollten sich dafür auflösen. Das hörte sich schön an und sie hatte an die Katze gedacht, die in der Mitte ihres Jahreskreises aufgetaucht war. – Hihi, gerade lief ein dicker fetter Kater durch ihren Garten…

Am Morgen planten sie also ihren Ausflug nach Norddorf. Sie brachen auf und ein Schild machte sie darauf aufmerksam, dass es an diesem Tag ins Drachenland ging.

Bei ihrem letzten Amrum Besuch hatten sie es nicht geschafft, die Nordspitze zu umrunden – würden sie es diesmal schaffen? Es gab drei Wege zur Nordspitze der Insel zu gelangen. Im Osten hätten sie auf dem Deich am Watt langlaufen können und im Westen am Strand und durch die Dünen. Sie wählten den Weg der Mitte durch die Wiesen, einem Vogelparadies mit Gänsen, Kiebitzen und vielen anderen Vögeln.



Gut getarnte Fasanenhennen lockten sie auf einen Weg in die Dünen zur Strandseite.

Und dann erblickte Blaue Feder sie, die Onerbäänkin am Strand beim Burgen bauen.


Viele unterirdische Zwerge waren hier unterwegs. Blaue Feder hatte den Eindruck, unter den Kindern lebten viele Onerbäänkin. Oft können die Kinder sie wahrnehmen. Wenn wir wieder zu Kindern werden, dann können auch wir sie wahrnehmen. Es gibt viele Sagen auf den Inseln von Onerbäänkin, die unter den Menschen leben. Sie sind Gestaltwandler und können sich problemlos in ein Kind verwandeln. So kam es wohl oft vor, dass eine Mutter manchmal zwei Babys in ihrer Wiege vorfand.
Alte Frauen wissen dann Rat, wie die Mütter die Onerbäänkin von ihren Kindern unterscheiden können. Es gibt da einen Trick mit einem Besen. Wenn Du umgekehrt mit dem Besen fegst, also mit dem Reisig nach oben, wird sich jeder naseweise Onerbäänkin entlarven und rufen, was du da für einen Blödsinn machst. Denn die Unterirdischen können mit ihrem alten Wissen nicht hinterm Berg halten.



Blaue Feder und Brauner Bär eroberten die Nordspitze der Insel in Schlangenlinien – mal auf der Strandseite, hüpften sie wieder rüber auf die Wattseite. Die Odde erreichten sie nicht. Sie gingen bis dort, wo auf der Karte 20,8 stand, was immer es bedeutete und sorgten für das Glück der Vögel und ihr eigenes. Beim Picknick machten sie die Bekanntschaft einer feinen Silbermöwe. Es war ihnen nicht mehr wichtig Ruhm und Ehre zu erlangen, lieber mischten sie sich unter die Kinder. Schaute sich Blaue Feder diese an, so hatte sie den Eindruck, es waren viele dieser weisen alten Zwergenkinder unterwegs, wenn sie nicht selbst dazu gehörte.

Vielleicht waren Brauner Bär und sie ein Paar geworden, um Riesen und Zwerge wieder friedlich zu vereinen. Das wäre doch ein schöne Seelenaufgabe. Inmitten der Kinder fühlten sie sich auf jeden Fall wohl. Sie folgten ihnen durch die Dünen zur Jugendherberge und hüpften wieder auf die Strandseite.


Dann besuchten sie noch einen anderen Riesen der Meere, den Wal.

Die Streitigkeiten zwischen Riesen und Zwergen hatten oft mit Grütze zu tun. Spannend in diesem Zusammenhang fand Blaue Feder, dass auf dem Wappen von Amrum ein Grütztopf eine bedeutende Rolle spielt. Onerbäänkin lieben Grütze und sie leben gerne mit uns, unter uns oder wir unter ihnen. Gerne helfen sie uns auch Mohnsamen auszusortieren, wenn wir ihnen eine Schüssel mit Gerstengrütze hinstellen.
So fand Blaue Feder für sich heraus, wie die Onerbäänkin in unseren Kindern leben, auch in unseren inneren Kindern, unserer Kreativität und Lebensfreude.
Blaue Feder träumte von zwei Kindern aus Irland. Ihre Eltern waren verstorben und nun wurden alle ihre Verwandten gefragt, wer sich ihrer annehmen wollte. Dann kam die Reihe an Blaue Feder und Brauner Bär. Sie schauten sich an, lächelten und dann war klar, sie würden sich um diese Kinder kümmern. Der kleine Junge war etwa zwei und sah aus wie Brauner Bär. Das Mädchen war etwa vier und hatte das verschmitzte Lächeln der Blauen Feder.
Sie hatte den Eindruck, das Volk der Unterirdischen wartet nur darauf, dass wir wieder mit ihnen in Kontakt gehen. Wenn Blaue Feder auf den langen Bohlenwegen das Gefühl hatte, ihre Beine wurden immer kürzer und sie kam nicht mehr voran, dann bat sie die Unterirdischen um Hilfe. Prompt hatte sie das Gefühl, dass ihre Beine in die Länge wuchsen und sie viel leichter mit großen Schritten voranschreiten konnte. Vielleicht war es Einbildung, aber es half ihr. Sie würde auf jeden Fall wieder regelmäßig etwas Grütze in den Garten stellen, denn darüber freute sich das kleine Volk sehr.
Ihr Ausflug wurde abgerundet mit der ersten Kugel Eis des Jahres, denn wie die Onerbäänkie, waren auch sie Leckermäulchen.

Den Ostermontagmorgen verbrachte Blaue Feder mit ihrer Freundin im Bett, sich Geschichten erzählend. Die Freundin hatte ihr die wunderbaren Allgäuer Heilkräuter-Kerzen geschenkt, die sie nun durch ihren Jahreskreis mit feinen Düften begleiten würden. Am Ostersonntagnachmittag wurde zusammen mit Brauner Bär ein neues Spiel ausprobiert, dass Blaue Feder auch zum Geburtstag bekommen hatte.

Es war ein schönes Osterwochenende, obwohl es fast nur regnete. Blaue Feder spürte mal wieder die Leichtigkeit in ihrem Herzen, die ihr so lange verloren geglaubt.
– Die Drachen waren in dieser Geschichte ein wenig kurz gekommen, wie auch die Garnrollen auf ihrer Fensterbank ein wenig eingestaubt waren. Doch langsam bekam Blaue Feder Lust, ihr Drachen-Projekt wiederaufzunehmen.


Sie tauchte nun in die Neumond-Zeit, die eine Sonnenfinsternis mit sich brachte – eine gute Gelegenheit für einen Neuanfang. – Und wer weiß, vielleicht schmelzen mit dieser Sternenkonstellation noch mehr Riesenherzen dahin, spielt der Zwergenplanet Chiron eine heilende Rolle bei diesem Ereignis. Blaue Feder schaute nach Innen und fragte sich:
„Was möchte in mir heilen?“
…so schöne und viele fotos!
und so viele und schöne geschichten!
dankeschön dafür – und feinen
sonntag für dich und deine lieben!
aljoscha
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