Nebel

Die Herbststürme erinnerten sie an Amrum und so nutzte Blaue Feder die Pause für einen kleinen Ausflug nach Nebel.

In der Nacht war ein Orkan aufgezogen. Sie konnten nur mit geschlossenem Fenster schlafen und waren froh, dass sie die Sonnenstrahlen am Abend zuvor genutzt hatten, die Umgebung zu erkunden. Für diesen Tag hatten sie sich einen Spaziergang nach Nebel vorgenommen. Das Rosenhaus lag in Süddorf und so konnten sie zu Fuß ihre Runde drehen – so der Plan. Als sie sich auf den Weg machen wollten, fing es heftig an zu regnen.

Also warteten sie ab, bis die Regengeister ein Einsehen mit ihnen hatten. Brauner Bär las seine Zeitung und Blaue Feder schrieb ihr Tagebuch. Sie versuchten mit den Elementarkräften zu fließen und bald konnten sie durchstarten.

Sie wählten den Weg so, dass sie den Beginn des Entdecker-Pfades mitnehmen konnten. Und tatsächlich begegneten sie dem Fuchs und Igel im Gebüsch und dem Eichhörnchen im Geäst.

Auch die Wald-Eidechse wurde gesichtet und zusätzlich ein Admiral. Nur die Krähe ließ sich nicht blicken.

Blaue Feder kannte es vom Fotografieren, auch da ließen sich die Krähen nicht gerne in die Karten schauen. Neune von Zehn hatten sie entdeckt – das war doch eine super Ausbeute. Noch einmal fiel Blaue Feder auf, wie präsent die Drachenbäume waren und sie liebte es, mit den Fingern über ihre Nadeln zu streichen. Der Duft der Kiefern blieb daran hängen.

An den Strand zu kommen, gestaltete sich etwas schwieriger. Im Wald hatten sie den Orkan nicht so wahrgenommen. Nun schlug ihnen der Sand ins Gesicht. Blaue Feder wusste aus Erfahrung, dass es am Meeresrand besser war, aber dorthin zu gelangen, war nicht so einfach.

Die Weite des Strandes und das brausende Meer, ließen sie das Sand-Peeling ein wenig vergessen, wenn auch schon das nächste Gewitter im Anmarsch war. Es blieb ihnen nichts übrig, als sich diesen Naturgewalten hinzugeben.

Es sah schön aus, wie der Sand über den Strand wehte, aber der Marsch bei diesem Wetter, war dann doch kräftezehrender als gedacht.

Als es wieder anfing zu gießen, waren sie froh schon den nächsten Bohlenweg nach Nebel erreicht zu haben. Sie ließen sich auf der Seehundbank nieder und warteten den Schauer ab.

In Nebel wurden sie von ein paar Fasanenhennen in einem Garten begrüßt.

Nach dem wilden Marsch wären sie gerne ins Friesencafé eingekehrt, aber es hatte an diesem Tag geschlossen. Doch fand sich ein anderes Café mit leckerem Kuchen. Gestärkt wandelten sie ein bisschen durch die Gassen von Amrum mit seinen reetgedeckten Friesenhäusern. Die schöne, beschauliche Inselkirche bildete den Mittelpunkt des Friesendorfes Nebel und dort waren auch die Krähen anzutreffen, hoch oben auf dem Kirchturm.

Sie lauschten den alten Geschichten der erzählenden Steine.

Sie erzählten vom Leben der verstorbenen Inselbewohner, wie Hark Olufs, einem 1708 in Süddorf 1708 geborenen Seefahrer. Auch Familie Quedens war auf dem Friedhof präsent, eine alt eingesessene Amrumer Familie. Blaue Feder hatte die Freude einst, Kai Quedens, einen Maler und Geschichten-Erzähler kennenzulernen. Er hatte eine Zeit lang seine Amrum-Bilder in einem Atelier in Hamburg gemalt. Nachdem er ausgezogen war, hatte sie den Atelierplatz bekommen. Nach wie vor erzählte er seine Geschichten auf Amrum, aber leider nicht während ihres Aufenthaltes.

Blaue Feder tauchte in die Stille der Kirche. Sie besuchte gerne Kirchen, waren sie oft auf alten Kraftplätzen gebaut. Schicht um Schicht lagen hier Geschichten übereinander. Sie vertiefte sich gerne in diese Energien. Manchmal dauerte es, bis sie zu der ursprünglichen Essenz im Herzen von Mutter Erde vordrang. Einst hatte sie in dieser Kirche einem Weihnachtsgottesdienst beigewohnt. Die damalige Pastorin hatte es verstanden, Altes mit Neuem zu verweben. Es war eine unvergessliche Nacht.

Nebel‚ hieß übersetzt ‚Neues Dorf‘ und erinnerte sie an die ‚Nebel von Avalon‚. Die Karte von Glastonbury stand noch auf ihrem Altar. Wir alle tragen vermutlich Bilder in uns, wenn wir an Avalon denken. Viele von uns haben die Romane von Marion Zimmer-Bradley gelesen. Blaue Feder war 19, als sie die Bücher, eins nach dem anderen, verschlang.

Öffnete Blaue Feder ihr Herz, stiegen Bilder von Avalon in ihr auf, die wohl älter waren, als die gelesenen Geschichten der Artus-Sage. Sie sah die Priesterinnen vom See in langen Gewändern ihre Rituale vollziehen. Zu jener Zeit stand noch ein Steinkreis, wie in Stonehenge, auf dem altem Tor. Der Tor war der Hügel, auf dem heute noch der Kirchenturm stand. Der Tor war für sie, wie ein Tor zu den Erinnerungen, wie auch ein jeder Apfel diese Erinnerungen in ihr weckte. Tauchte Blaue Feder in den Duft der Äpfel, dann stiegen in ihr die Bilder der Apfel-Insel auf, dort, wo alles in Fülle wuchs und ein jeder versorgt war.

Amrum erinnerte sie an dieses einst versunkene Reich. Wer weiß, vielleicht waren die Inseln in der Nordsee einst ein Teil dieses Reiches gewesen. Sie liebte auf jeden Fall die sanften Energien Amrums und den weiten Strand, der ihr Herz öffnete.

Das ‚himmlische Abendmahl‘, das angeblich in einer Sturmflut auf Amrum angeschwemmt worden war, erinnerte sie an die Geschichte vom heiligen Dornbusch. Der Sage nach, machte sich der betagte Josef von Arimathia mit 12 Gefolgsleuten nach dem Tode von Jesus Christus auf zu den Inseln im Westen. Er folgte einem Ruf, der sie zu dem Hügel der Vision führte. Er trug einen alten Stab aus Weißdorn-Holz mit sich, den er auf dem Tor in den Boden steckte und ’siehe da, er knospte und blühte, grüne Blätter kamen hervor und sahneweiße Blüten zeigten sich über den grauen Wintergräsern.‚ So war der Weißdorn von Glastonbury wohl der erste Christbaum auf den Inseln. Josef von Arimathia nahm das Wunder als ein Zeichen und erbaute dort die erste christliche Kirche aus Weidenruten auf dem Hügel von Glastonbury. Wer mehr wissen möchte, der lese in dem Buch von Dion Fortune ‚Glastonbury‚ weiter. Die Art und Weise, wie Dion Fortune alltägliches mit mythischem verband, gefiel ihr.

Die Geschichte erinnerte Blaue Feder daran, dass sie noch Weißdornbeeren pflücken gehen wollte, ein Elixier für den Winter ansetzen. Ihre Weißdornbäume blühten zwar nicht im Winter, doch webten auch sie einen heilsamen Zauber um sie. Auch einen feurigen Apfelessig wollte sie noch ansetzen, um die Abwehrkräfte zu stärken.

Bald regnete es auf Amrum wieder, wie aus Gießkannen und die Weltenwanderer machten sich auf zur Bushaltestelle.

Der vertraute Busfahrer begrüßte sie und sie fuhren heim ins Rosenhaus, das Erlebte nachwirken zu lassen.

5 Kommentare zu „Nebel

  1. feiner reisebericht.
    meine tochter hat vier vornamen.
    bei einem davon: viviane
    standen
    die nebel von avalon
    patin 😉

    angenehmes wochenende dir und euch!
    aljoscha
    .

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      1. …hab dir grad ne email dazu geschrieben. über seelenfarben.
        schau mal, das die nicht im spamordner verschwindet…
        aljoscha

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