Am Morgen lachte sie ein Spinnennetz im Garten an.

Sie war noch einmal der Frage nachgegangen, ob sie sich noch als Außenseiterin fühlte und sie empfand es nicht mehr so. Was hatte sich über die Jahre geändert? Besonders ihre Gänge in die Natur hatten sie verändert. Runde um Runde war sie durch das Rad des Lebens gewandert und war, wie in einem Spinnennetz, langsam immer mehr in ihrer Mitte, bei sich angekommen.
In der Natur lernte sie Verbundenheit. Sie war ein Teil der Natur und gehörte einfach dazu. Von der Außenseiterin war sie sozusagen zur Innenseiterin geworden, wobei im Außen das Innen, wie im Innen das Außen sichtbar wurde. Mit den Jahren war sie mehr bei sich angekommen, auch in ihrem Körper. Früher hatte sie oft das Gefühl, ein Teil ihrer Seele hing irgendwo außerhalb von ihr. Nach und nach hatte sie diese Seelenanteile integriert. Nun war ihre Seele in ihrem Körper angekommen und sie auf Mutter Erde. Es hatte weniger mit den anderen zu tun, als mit ihr selbst.
Blaue Feder hatte die Tage ein bisschen Beifuß zum Trocknen zusammengebunden und dabei eine Beifusswurzel ausgegraben. Die wilden Haare schienen ihr perfekt für ihre Weiden-Wurzel-Frau, die momentan auf ihrer Fensterbank stand und sie daran erinnerte, die Wellen zu surfen.

Momentan passierte so viel, dass sie merkte, es war schwierig auf den Knopf zu bringen. Die Zeit flog dahin und viele innere Prozesse liefen ab. In ihren Träumen war sie viel am Sortieren. Oft bekam sie nur Fetzen mit und meistens ging es ums Vertrauen. Wie Taiga nahm sie sich oft Auszeiten, und wenn sie sich nur mal für eine Viertelstunde irgendwo ablegte. Es pulsierte viel in ihr und manchmal fühlte sie sich schlagartig erschöpft. Wenn sie sich hingab, ging es ihr besser.

Taiga lag gerne zwischen den Margeriten und den Schafgarben. Der Winterläufer hatte gesagt, die Schafgarben sähen aus wie Margeriten und tatsächlich wurde die Schafgarbe in Österreich Margarethenkraut genannt. Blaue Feder hatte sich die Woche oft einen Schafgarbentee gemacht. Wenn dieses Kraut, das Achillea, die Ferse von Achilles hatte heilen können, dann konnte es auch ihre Wunden heilen.
Morgens ging sie gerne barfuß in den Garten und meditierte draußen. Diesen Morgen kam eine blaugrüne Mosaikjungfer zu ihr und umkreiste sie. Es war schon erstaunlich, wie viele Libellen in ihren Garten kamen, wo sie doch nicht am Wasser wohnten. Sie setzte sich in die Walnuss und Blaue Feder spürte die Drachenkraft in sich pulsieren. Leichtigkeit erfüllte ihr Herz.

Wir begleiten Dich, hörte sie eine Stimme in sich und Du bist nicht allein.
Die lebendige Libelle erfreute sie mit ihrem Tanz. Tags zuvor hatte sie eine tote Libelle vor der Haustür gefunden. Schon im vergangenen Jahr war eine Libelle zum Sterben auf den Schwalbenhof gekommen. Gleichzeitig hatte sie vom Tod einer Freundin erfahren. Sie konnte nicht mehr erkennen, ob es auch eine Mosaikjungfer war, da sie mit dem Tod nachgedunkelt war. Vermutlich neigte sich die Libellen-Zeit langsam ihrem Ende. Ihr Tod ging ihr nahe.


Wenn sie sich Libellen genauer anschaute, dann sah sie manchmal schon das Gesicht von Santa Muerte auf ihren Rücken aufblitzen. Sie schaute sich diese mit ihren vier Flügeln genauer an. Die Libelle war für sie eine Botin der vier Elemente und ihrer Naturgeister. In ihrem Leben durchläuft sie alle Elemente von der Erde ins Wasser, von dort in die Luft und schließlich ins Licht oder Feuer. Sie kommt mit allen Elementargeistern in Kontakt. Blaue Feder würde ein kleines Feuer anzünden und ihr die letzte Ehre erweisen.
Das Licht an diesem Morgen war schön. Sie aß ihr Müsli draußen auf dem Hof. Als sie in den Garten lauschte, hörte sie es wieder brummen. Sie dachte, es handelte sich bei den großen Insekten um Riesenholzwespen, aber bei genauere Betrachtung, stellte sie fest, es waren Hornissen, wohl Arbeiterinnen, die Holzschleim für das Nest der Königin sammelten. Nur die Königin würde den Winter überleben und einen neuen Staat gründen. Jedes Jahr holten sie sich die Rinde vom Flieder. Wo wohl das Nest der Königin war? Blaue Feder war immer unbesorgt nahe an die Tiere herangegangen, weil Riesenholzwespen keinen Stachel haben. Hornissen haben schon einen, wenn sie auch nicht als stechlustig galten. Trotzdem betrachte sie ihr Tun, nun mit ein bisschen mehr Abstand.

Momentan hatte sie das Gefühl, es ging um dieses noch einmal genauer Hinschauen. Es war auch das Motto ihrer kommenden Ausstellung.
Bei der Ausstellung war das Wespenbild von Brauner Bär zu bewundern. Sie gaben den normalen Wespen immer einen Teller mit Marmelade, damit sie ihre Ruhe hatten. So war sein Bild entstanden.

Diese Woche hatten sie und Brauner Bär ihren Hochzeitstag. Blaue Feder war traurig, weil Brauner Bär nicht soviel damit anfangen konnte. Ihr waren diese Tage schon wichtig und sie beging sie gerne mit einem Ritual. Erst fühlte sie sich ohnmächtig und allein, doch dann kam ihr die Idee ein Feuerritual zu machen. Sie schichtete kleine Hölzer auf und hatte noch ein Bündel Beifuß vom vergangenen Jahr. Erst schien es ihr, als würde das Feuer erlöschen. Doch brauchte es nur Luft zum Atmen und dann brannte es lichterloh. So war es auch mit ihrer Beziehung. Sie brauchten beide Luft zum Atmen.
Sie erzählte Brauner Bär, wie traurig sie war und wie wichtig ihr gemeinsame Rituale waren. Am Hochzeittag selbst saßen sie in ihrer Wohnung in der Großen Stadt zwischen Bücherkisten und Gedöns, die sich schon halb in Auflösung befand. Blaue Feder saß ein müder, blasser Mann gegenüber und es tat ihr leid, dass sie ihn auch noch mit dem Hochzeitstag malträtierte. Sie merkten beide, wie ihnen ein wenig die Spontanität abhanden gekommen war. Eigentlich unternahmen sie gerne etwas, aber sie waren beide erschöpft und freuten sich auf den Urlaub. Dann schleckten sie zusammen ein Eis und überlegten, wie und wann sie den Umzug machen wollten, wer ihnen helfen konnte und was mit all den Dingen passieren sollte, die sie doppelt hatten. Am kommenden Tag würde der Hausmeister kommen, die Wohnung anschauen.
Ihnen wurde klar, sie waren gerade in einem Übergang. Die Firma von Brauner Bär löste sich auf und sie lösten gemeinsam ihre Wohnung in der Großen Stadt auf. Blaue Feder merkte, ihr war nur wichtig im Austausch zu bleiben, weil es darum ging, diesen Übergang in etwas Neues gemeinsam zu gestalten und da gab es sicherlich noch die eine oder andere Erinnerung, die betrauert werden wollte.
Nach dem Frühstück besuchte sie Ayla, ihre Dorfeiche. Taiga leistete ihr Gesellschaft. Sie hatten die letzte Zeit wenig geplauscht. Ayla erzählte ihr einen Traum:
Ich träumte von einer Frau und einem Mann, nicht mehr jung und noch nicht stein-alt, die sich hier im Dorf ihren Traum verwirklicht haben, von einem Leben auf dem Land mit der Natur und viel Raum für ihre Kunst. Sie standen nun an einem neuen Punkt ihres Lebens. Langsam wechselten sie in den Stand der Ältesten. Sie würden weiter ihren Traum weben, noch viele Jahre, denn sie waren sehr glücklich miteinander.



Der Traum berührte Blaue Feder, denn so war es, auch wenn sie die Woche mucksch gewesen war. Am Morgen erzählte Brauner Bär, dass er einen Platz im Burger Fährhaus gebucht hatte und mit ihr am Wochenende wo hinfahren wollte, wo sie noch nie gewesen waren. Es sollte eine Überraschung werden und Blaue Feder freute sich. Die Auszeit würde beiden gut tun. Ayla bewarf Blaue Feder mit Eicheln und holte sie aus ihren Gedanken und lachte.
Dann tiger mal los und hab einen schönen Tag, wünschte ihr die alte Eiche.
Sie wollte eine Große Runde gehen. Doch nun war sie nur bis zur Dorf-Eiche gekommen und ihr Magen knurrte. Von der Runde musste sie wohl ein anderes Mal erzählen, denn sie hatte schon viel Wasser fließen lassen.

Die Sonne war weitergewandert in die Jungfrau und Blaue Feder hatte am Morgen eine neue Medizin-Karte auf den Altar gestellt. Das Thema der Selbst-Liebe und der Liebe schwang weiter mit. Grad waren sieben Planeten am Himmelszelt rückläufig, da war es kein Wunder, wenn nicht alles so leichtfüßig daherkam. Es war eine gute Zeit noch einmal genauer hinzuschauen und liebevoll mit sich selbst und anderen umzugehen, sitzen wir grad alle in dem gleichen Boot. Blaue Feder merkte, ihr tat es gut, sich mit anderen auszutauschen, denn sie war nicht allein in diesem kollektiven Prozess, das Alte zu verabschieden.
Auf ihrer neuen Medizin-Karte war ein Seepferd zu sehen. Ein bisschen erinnerte sie das Seepferd an die Meerjungfrauen, an die Undinen. Diese zarten Wunder der Meere, kennen wir mehr aus den warmen Meere. Doch sind sie mittlerweile auch wieder in der Nordsee anzutreffen. Seepferde zählen zu den Fischen. Sich ein bisschen auf die Energie dieser zarten Wesen einzustimmen, schaute sie sich ein Video an, aus der Sendung mit der Maus.
https://kinder.wdr.de/tv/die-sendung-mit-der-maus/av/video-seepferdchen-100.html
Dann ging sie in den Garten, schauen, was sie sich zum Mittag Schönes zubereiten konnte.
blaugrüne mosaikjungfern
und
hornissen
gehören auch zu meinen gerne gesehenen tieren
hier in der eifel
dankeschön, mal wieder, für deine schöne erzählung
liebe susanne
und einen strauß bunter grüße dalassend
aljoscha
.
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Oh, danke für den bunten Strauß Grüße. Er gefällt mir sehr!
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