Die Fünffinger-Linde und die Stille

Es war gut, dass Blaue Feder sich einen Gundelreben-Kranz geflochten hatte, bevor sie auf das Fest ging. Es gab eine kleine Irische Geschichte, die erklärte, warum.

Es war einmal ein Mädchen, das wollte zu einem Brunnen. Auf dem Weg dorthin aber fiel es in ein großes, dunkles Loch, welches sich plötzlich im Boden auftat. Nun das Mädchen starb dabei nicht – oder doch? Es ist nicht gewiss, aber sie war mitten im Reich der Anderswelt gelandet. Ringsumher tanzten Elfen und Feen und feierten ausgelassen.

Das Mädchen tanzte mit ihnen. Mit der Zeit aber wurde sie müde, durstig und hungrig, Als sie von dem reichlichen Essen nehmen wollte, kam eine Elfe und warnte sie: „Iss nichts, wenn du je wieder in deine Welt zurückkehren willst. Sobald nur ein Bissen deine Lippen berührt, wirst du für immer bei uns bleiben.“ So sehr dem Mädchen die Musik und der Tanz auch gefiel, für ewig wollte sie nicht bleiben, also rührte sie das Essen nicht an.

Die Elfe aber flocht dem Mädchen einen Armreif aus den Stängeln der blühenden Gundelrebe. Sie reichte es dem Mädchen: „Bind dies um deinen Arm und du sollst unbeschadet nach Hause zurückkehren.“ Das Mädchen tat wie ihm geheißen und band sich den Kranz um ihr Handgelenk. So kehrte es nach Hause zurück und als sie aus dem Fenster hinaus lauschte, so hörte sie eine zarte Stimme, die sprach:

„Du bist zu Hause und fortan geschützt.

Blaue Feder kam unbeschadet vom Maienfest wieder heim – naja, vielleicht nicht ganz. Die Energien der vollen Luna setzten Blaue Feder ganz schön zu. Sie bekam mal wieder eine Art Grippe mit Gliederschmerzen und ruhte sich ein weinig aus. Sie fiel in einen Zustand, wo sie nicht so recht wusste, wer sie war oder was gerade abging. In den Nächten arbeitete alles Mögliche in ihr. Die Sonnenfinsternis hatte sie leichter weggesteckt, als sie Mondfinsternis.

Als es ihr besser ging, kam ihre Freundin aus dem Steine-Clan, die Flötenspielerin und Trommlerin sie besuchen. Zum Frühstück tauschten sie sich aus, womit sie gerade beschäftigt waren.

An diesem Morgen war der Blauhäher in ihren Garten gekommen und schlug ihr vor, mit der Freundin einen Ausflug in den Wald zur Fünffinger-Linde zu machen. Die Freundin fand die Idee gut und so fuhren sie zusammen in den Riesewohld.

Eine alte Buche begrüßte sie und sie tauchten tief in ihren Schoßraum.

Rechts und links lagen Kräutersteine, die ihnen anzeigten, welche Kräuter dieser Weg als Medizin anbot. Die Maiglöckchen standen tief im Wald und blühten noch nicht. Es war lange kalt gewesen und sie hatten wohl noch keine Lust, ihre Glöckchen klingen zu lassen.

Dafür blühten die Sternmieren und die Goldnesseln. Auch in ihrem Garten blühte ein breiter Teppich aus Goldnesseln.

Das frische Grün der Buchen hob ihre Stimmung. Hier und dort naschten sie ein junges Buchenblatt. Sie schmeckten recht sauer und Blaue Feder mochte die sanft-nussig-schmeckenden Lindenblätter lieber. Sie tauchten in das frische Grün und atmeten tief durch. Der Klee war riesig im Riese-Wohld.

Kurz vor der Fünffingerlinde hüpfte Meisterin Lampe durch den Wald. Sie fanden es beide ungewöhnlich, dass das wilde Kaninchen durch den Wald hüpfte, war es doch eher auf grünen Wiesen anzufinden. Doch hier und dort gaben die Buchen eine begrünte Lichtung frei und es liebte frische Kräuter, die es hier zuhauf gab.

Hier und dort säumten Gräser den Weg. Blaue Feder hörte sie flüstern und tuscheln, das Pfeiffengras, die Winkel-Segge und das Perlgras. Auch die Binse war gekommen, um grasgrüne Wege zu ebnen. Buchen stehen meist im Kreis beieinander, zeigte ihr die Freundin. Auch rund um die Fünffingerlinde standen Buchen, wobei die Linde wohl älter war und vor ihnen hier gestanden hatte.

Die Freundin war beeindruckt von dieser alten Linde, die so viele Wesen in sich trug und gemeinsam tauchten in die tiefe Stille, die dieser Ort ihnen schenkte.

Blaue Feder fühlte sich, wie von einer liebenden Mutter in den Arm genommen. Sie fragte die Linde, was ihr gerade gut tun würde und die Linde antwortete:

‚Tauche wieder mehr in die Stille.‘

Nach den etwas schwierigen Tagen war es angenehm, wieder diese tiefe Liebe im Herzen zu spüren.

Als Blaue Feder die Augen öffnete sah sie noch einmal das wilde Kaninchen. Es sprach von Nähe, Verbundenheit und neuen kreativen Wegen.

Die Freundin fühlte sich wie gesegnet von der Hand mit den fünf Fingern und angenommen, wie sie war.

Sie freuten sich, hierher gekommen zu sein und nahmen sich in den Arm. Es war ein besonderer Baum und ein besonderer Ort. Auf den Wegen machten die Mistkäfer auf sich aufmerksam und erinnerten Blaue Feder an ihr Motto aus den Rauhnächten:

‚Mach aus Scheiße Gold.‘

Die sagenumwobene Fünffinger-Linde stand in einem Quellental. Die feuchten Quellgebiete waren übersät vom kriechenden Günsel.

Wieder eins mit sich, gingen die Freudinnen zurück. Blaue Feder fand noch das Bingelkraut und nahm drei Halme mit, warum auch immer. Sie standen jetzt auf ihrem Altar.

Einst webte Blaue Feder ein Bild von der Fünffinger-Linde. Wie eine Mutter hatte sie die Linde in die Arme genommen und so war es eine schöne Geschichte zum Muttertag. Blaue Feder dachte an ihre Mutter, die zu Lebzeiten gerne den Kittel-Rock getragen hat.

Sie selbst würde nun dem Rat der alten Linde folgen und eine Weile in die Stille tauchen. Schneller, als erwartet, stand nun die Undinen-Zeit bevor und sie wollte die Reise noch ein bisschen vorbereiten. Sie packte ihren Irischen Forscherinnen-Hut und ihre Aquarellfarben in den Rucksack. In ihrem Inneren hatte sie den Eindruck, als würde sie das Kaninchen mit in seinen unterirdischen Bau nehmen. Wie in der Irischen Geschichte oder wie Alice im Wunderland fiel sie in ein dunkles Loch und sie wusste nicht, in welchem Land sie aufwachen würde.

4 Kommentare zu „Die Fünffinger-Linde und die Stille

Hinterlasse einen Kommentar