Am Morgen beobachtete Blaue Feder von ihrem Bett aus eine Singdrossel, wie sie sich im Nebel die Früchte des Efeus holte. Auf dem Schwalbenhof wuchsen viele grüne Pflanzen, viel Efeu, viel Moos und viel Giersch.


Und von Letzterem, dem Giersch, handelt ihre Geschichte. Die Singdrossel hüpfte durch ihren Garten und fragte, ob sie Lust hätte ein wenig zu singen.
Am Neumond-Abend saß Blaue Feder in ihrem Atelier – ohne Handy und Instagram war eine wohltuende Stille eingekehrt. Die Abendsonne tauchte ihren Raum in ein zauberhaftes Licht. Sie zündete sich eine Kerze an. Einige Jahree hatte ihre Eule sie begleitet und oft hatte sie in der goldenen Quelle gebadet, die auf ihrem Bild zu sehen war.

Nun würde ihre Eule ins Waldmuseum fliegen und sie war dankbar für die gemeinsame Zeit. All die Jahre hing die Eule über ihrem Altar, mal in ihrem Zimmer und dann im Atelier. Und so saß Blaue Feder in ihrem Atelier und überlegte welches Bild sie jetzt über ihren Altar hängen könnte. Die Gänse lachten sie an und nach den verschiedenen Walks mit den Gänsen und dem Wildniswind fühlte es sich stimmig an. Bald fuhr sie wieder nach Bad Pyrmont, wo sie vor acht Jahren die Federn am Seerosenteich bei der Gänsemagd eingesammelt hatte. Sie hatte den Gänsen damals versprochen ein schönes Bild zu zaubern, aber in erster Linie gut auf sich selbst acht zu geben. Und jetzt spürte sie, hier lag der Grund für ihre Traurigkeit verborgen. Wie oft hatte sie ihre Grenzen überschritten. Die langen Zeiten an der Weltenkiste hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie war lange nicht mehr so beweglich, oft schmerzte ihr Körper und sie verspürte eine Sehnsucht wieder wilder zu werden.

Sie hängte die Eule dankbar ab und die Gänse an ihre Stelle. Manchmal ändern wir ’nur‘ eine Kleinigkeit. Blaue Feder hatte ihre Altäre gereinigt und alles heruntergenommen, was für sie nicht mehr wesentlich war. Am Abend entzündete sie ein Neumond-Feuer und legte alle Federn, Hölzer und Fundstücke des vergangenen Jahres dankbar hinein. Es war eine stille Meditation, mehr wie ein Abschied. Spannend fand sie, dass die Neumonde derzeit so lagen, dass sie noch die Energie des Vormonats trugen und die Sonne kurz darauf in ein neues Zeichen wechselte. So waren um die Neumond-Zeit beide Energien vertreten und es war stets ein Ende und ein Neunanfang. Und manch ein Neuanfang beginnt im Verborgenen, leise und still.
Am kommenden Morgen stromerte sie wieder los. Das Lungenkraut in ihrem Garten setzte Blüten an. Die Duftveilchen fingen an zu blühen und sie hatte bereits einige Zitronenfalter gesehen, die sich an den Blüten labten. Ihr Brigid-Feld war erblüht mit Winterlingen und anderen Frühlingsblühern.

Brauner Bär hatte erzählt, dass er beim Boule beide Störche hatte klappern hören. Deshalb nahm sie den Weg, der zur alten Baumallee führte. Und diesmal sah sie beide Störche im Nest, wurde Zeugin ihres Liebesaktes und sie wünschte den Beiden, dass sie in diesem Jahr ihren Nachwuchs durchdringen konnten. Im vergangenen Jahr war das Küken irgendwann verschwunden. Aks sie daran dachte, sah sie einen Raubvogel verdächtig nahe am Nest vorbeifliegen.

Herr Storch flog in die nahegelegene Au. Er spiegelte sich im Wasser und es erinnerte Blaue Feder an die Tag-und Nacht-Gleiche, wenn Tag und Nacht gleich lang waren.

Im Wald blühte bereits zart das erste Lungenkraut und mit der Schlüsselblume schloss sich der Frühling auf. Blaue Feder setzte ihre Mütze ab, war ihr warm.

Die Gänse riefen sie vom Geheimen See. Dieser war, wie das Tal der Steine, eine alte Kiesgrube, die sich abgeschieden von der Zivilisation wieder in ein kleines Paradies verwandelt hatte.

Eine Erdhummel flog in den kleinen Buchenwald und sie folgte ihr. Ein paar Osterglocken standen am Eingang des Waldes kurz vor der Blüte. Wohl Kinder hatten ein paar Holzzelte gebaut oder wohnte hier jemand anderes?


Am Ende des Waldes sah sie die Blume eines Rehes aufleuchten, dort, wo es einen Kletterweg hinunter zum See gab. Hinter dem Wäldchen lagen Pferdeweiden und eine Pferderennbahn. Ein paar Pferde hatten ihre Anwesenheit bemerkt und eines kam auf sie zu. Ja, so langsam schlich sich auch bei der Blauen Feder das Jahr der Feuerpferdes ein. Die Weide sah nicht gerade frisch aus; auch fragte sich Blaue Feder, ob dem Feuerpferd sein Dasein als Rennpferd gefiel. Wie würde es sich fühlen auf einer frischen Wiese und ohne Zaumzeug?

Unten am See grasten drei Rehe und sie überlegte, ob sie den Hang hinunterklettern wollte. Sie hatte kein Handy dabei und wenn sie sich den Fuß verknackte, konnte sie nicht um Hilfe rufen. Der Geheime See lag ziemlich ab vom Schuss und die Rehe wollte sie auch nichts stören. So blieb das Verborgene an diesem Tag verborgen. Grad als sie es dachte, landeten drei Canada-Gänse mit lautem Getöse unten auf dem See.



Blaue Feder schlenderte zurück durch den Buchenwald und fragte sich, ob sie vom Tal der Sprudelnden Quellen erzählen würde. Sie nahm ihre Weltenkiste mit und konnte es dort entscheiden. Wenn sie mal Zeit hatte etwas zu schreiben, warum dann nicht. Es war ihr Tagebuch und es half ihr die Zusammenhänge zu verstehen, die ihren Weg ausmachten. Als sie aus dem Buchwald heraustrat, entschied sie sich ein wenig durch die Zivilisation zu wandeln, denn rechter Hand standen schon die ersten Häuser von Heide. Hinter einer Hausecke wartete ein grauer Zwerg auf sie und er riet ihr mal genauer zu schauen. Dort gab es wieder eine tiefe ehemalige Kiesgrube, aber sie entdeckte am Grund nur einen kaputten Fußball mit bunten Sternen. Am Wegesrand lachte sie dann der Giersch durch altes Blätterlaub an und nun kam sie langsam zum Kern der Geschichte.
Ach, ob er wohl den Giersch meinte, mit genauer hinschauen? Und schon kam die Antwort: Ja, genau!!!



Blaue Feder erkannte den Giersch, trugen seine Stiele dreimal drei Blätter und auch die Blattstiele hatten drei Kanten. Nun begann die Zeit, wo die Grünkraft der Natur sich wieder ihren Weg bahnte. Sie ging noch ein Stück weiter durch einen anderen Buchenwald, in dem die Kinder gerne spielten. Auch hier gab es eine Holzhütte. Am Waldrand stand eine Bank und sie setzte sich in die Sonne. Die Pferdeweiden dort waren saftig und grün und sie sah, wie eine Frau ihre Pferde rausbrachte. Diese durften hier ohne Halfter einfach sein.


Als Blaue Feder auf der Bank saß, dachte sie an den Giersch. Vor einigen Jahren, nach ihrer Reise auf dem Wild Atlantik Way, hatte sie im Westen ihres Gartens ein Wildblumenbeet angelegt und grade holte sie den Giersch aus eben diesem Beet. Sie mochte den Giersch, er kam in ihre Neunkräutersuppe, wie auch in ihre Salate und andere Speisen. In ihrem Wildblumenbeet hatte sie den Eindruck, ließ er keinen Raum mehr für andere Pflanzen. Es wuchsen nur noch ein paar Akeleien, ein wenig Rotklee und viiiel Giersch.

Also setzte sie sich im Sonnenschein auf ihren Popo in die Wiese, in der mehr weiches Moos, als Gras wuchs und fing an, die Wurzeln des Giersch auszugraben. Das war kein leichtes Unterfangen. Er hatte kräftige und tiefe Wurzeln. Außerdem waren seine weißen Wurzeln, wie ein Netz vernetzt. Alle Pflanzen hielten sich aneinander fest und bildeten einen festen Teppich. Am ersten Tag schaffte Blaue Feder bummelig einen Quadratmeter. Dann taten ihr alle Knochen weh, war sie es nicht mehr gewohnt, auf dem Boden rumzukriechen.

Am zweiten Tag machte sie sich an den zweiten Quadratmeter und der Giersch schwieg Stille. Doch dann war der dritte Tag angebrochen und der Giersch hatte keine Lust mehr darauf, wie sie am ihm rumzerrte, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. So erging es ihm in vielen Gärten. Er gehörte zu jenen Kräutern, die nicht so beliebt waren. Meistens wurde er unachtsam herausgerissen. Deshalb schickte er Blaue Feder den Zwerg, damit sie mal genauer hinschaute, was sie da gerade machte. Als Blaue Feder bewusst wurde, was sie da anrichtete, tat es ihr Leid, aber sie spürte auch einen gewissen Widerwillen in sich. Sie nahm sich vor, wenn sie wieder zuhause war, mal mehr in Kontakt zu gehen mit dem Giersch. Genug rumgewandert entschied sich nachhause zugehen. Kurz lachte sie noch die Taubnessel an, dann ging sie durch den Schlehen-Gang, blieb in der Mitte stehen und schloss die Augen.


Es war ihr, als fielen Wackersteine von ihren Schultern. Altes fiel von ihr ab. Als sie hindurch war, begrüßte sie ein Rotkehlchen auf der anderen Seite. Sie dachte noch einmal an ihre Bücher-Geschichte. Ein paar Bücher hatte sie auf der Ausstellung verkauft und ein paar verschenkt. Wenn sie Lust hatte, konnte sie im Winter weiter daran werkeln. Sie konnte es auch sein lassen. Es waren ihre Tagebücher und wenn sie Freude daran hatte, konnte sie sich selbst ein schönes Tagebuch basteln. Es war ihr Schatz aus dem sie schöpfte. Vielleicht kamen ihr in diesem Jahr auch noch andere Ideen dazu, wer weiß, wer weiß…
Jetzt begann die Draußen-Zeit und da wollte sie nicht viel an der Weltenkiste sitzen. Das würde auch ihren Rücken freuen. Sie war frei und entschied, was sie mit ihrer Zeit machte oder auch nicht. Wieder flogen die drei Canada-Gänse mit lautem Getöse an ihr vorbei. Hey, wollt ihr mir mir sagen? -Doch waren sue schon fort.


Auf dem Rückweg hütete „Sie“ das Nest und „Er“ lief mit ihr die Allee entlang. Langsam folgte Blaue Feder ihm, bis er auf eine Weide abbog. Wie sie die beiden unterscheiden konnte? Er trug einen Ring und sie nicht. Deshalb wusste sie auch, wo er das Licht der Welt erblickt hat und sie hielt sich da eher bedeckt, liebte sie ihre Freiheit.
Wieder zurück überlegte sie, wie sie mit dem Giersch in Kontakt treten konnte. Sie machte es wie immer, indem sie sich erst einmal einen Tee aufbrühte – neun Halme mit je neun Blättern. Sie nahm eine Nase und fand er roch ein bisschen wie Petersilie. Als sie ein paar Schlucke nahm, fühlte sie sich, als würden tausende von weißen Wurzeln durch ihren Körper wachsen. Es kribbelte und fühlte sich lebendig an. Ihre Aura tauchte in ein wohlig-warmes Grün.



‚Na spürst du es, ich habe alles, wonach du dich sehnst – Grünkraft – Lebendigkeit – ich nehme mir meinen Raum und bin fein vernetzt – quicklebendig, lebensfroh und kerngesund, sozusagen.‘
Blaue Feder antwortete nicht – sie war nachdenklich.
‚Hör auf mit mir zu kämpfen, du kannst eh nicht gewinnen. Ja, schau mich ruhig an, ich bin die beste Medizin für dich. Iss mich auf und alles wird gut. Ich helfe dir mit deinen Schmerzen.‘
Blaue Feder begriff, dass sie mal wieder gegen etwas kämpfte, was ihr sehr wohlgesonnen war.
‚Können wir uns denn darauf einigen, dass du die Wildblumen in Ruhe lässt?‘
‚Ja, das können wir! Ich glaube dein Beet ist jetzt groß genug und wenn ich wieder hineinwachse, dann kannst du mich vorsichtig ausgraben,meine Wurzeln trocknen, aufkochen und in dein Badewasser geben.‘
‚Love the unloved‚ – mal wieder erzählte sie von einem Wesen, welches nicht geliebt wurde. Dabei hatte er eine unermüdliche Ausdauer und gab nie auf. Vielleicht würde sich im Bewusstsein der Menschenkinder etwas ändern und sie würden ihre Augen und Herzen öffnen und sehen, wie wunderbar er war. Und wenn nicht, machte er trotzdem weiter, denn es war seine Natur und er war unabhängig davon, ob er gesehen wurde oder nicht. -Naja, bei der Blauen Feder ließ er nicht locker und schickte ihr den Zwerg. Das hatte wohl seinen Grund.
Blaue Feder pflanzte ein paar Wildblumen in ihr Beet, säte ein paar Samen aus und fing an die ausgegrabenen Giersch-Pflanzen zu waschen. Dienstags war Warmbadetag auf dem Schwalbenhof. Da könnte sie mal mit dem Giersch in die Badewanne steigen – hier gemalt vom Braunen Bär in Öl.

Die Singdrossel hüpfte immer noch durch den Garten und nahm ein Bad in der Vogeltränke. Mittlerweile war die Sonne rausgekommen. Ihr schien es gut zu gehen und sie war zufrieden mit dem Gesang der Blauen Feder.
