Wieder haben wir einen Freitag den 13. und ein wilder Frühlingswind fegte über das Land. Blaue Feder war schon seit einiger Zeit erkältet, so dass sie immer mal das Bett hütete und dann auch wieder rausging in die Natur. Und irgendwie ruckelte sich langsam in ihrem stillen Kämmerlein etwas in ihr zurecht. Ihr Augenmerk lag die letzte Zeit ein wenig auf dem Merkur, vielleicht im Hinblick auf das Merkur-Jahr, wohl auch, war er gerade rückläufig.
Am vergangenen Montag küsste der Jupiter eben diesen Merkur und Blaue Feder ging eine kleine Runde. Am Ortsausgang zwinkerte ihr eine kleine Eule zu.

Wie freute sie sich, als sie auf der alten Baumallee neben sich wieder ein Klappern hörte. Die Störche waren zurück. Jedenfalls sah sie ihn das Nest richten. Seine Partnerin entdeckte sie nicht. Nun ging alles wieder von Vorne los – war es so?


Am Rande ihres Wäldchens erblickte sie einen Baumläufer. Er saß still auf einem Baum, dass sie erst dachte, es wäre ein Baum-Pilz, weil er sich gar nicht bewegte.

Auch als sie sich ihm näherte, blieb er sitzen. Sie konnte sich ihm bis auf einen Meter nähern. Dann spielten sie ein wenig Verstecken rund um den Baum, aber er flog nicht fort. Seine Botschaft für sie war im Wesentlichen, dass sich das Leben in Spiralen entwickelt, wie er den Baum in Spiralen nach Futter absuchte und Blaue Feder an einem anderen Punkt stand, als vor einem Jahr – auch wenn sie es vielleicht noch nicht fühlen konnte. Seine Einladung an sie, war ins Jetzt zu tauchen, nicht in die Vergangenheit, noch in die Zukunft – ins Sein.

Am kommenden Tag, dem Dienstag, küsste die Venus den Pluto. Nebel lag über dem Land. Im Nebel ließ es sich gut lauschen und so riefen sie die Nebelkrähen ins Tal der Steine, eine ehemalige Kiesgrube, in der die Natur wieder sein durfte. Nun blühten dort die Märzenbecher.



Sie setzte sich auf einen Baumstumpf, die Augen geschlossen und lauschte. Die Deva der Märzenbecher setzte sich zu ihr auf den Stein und eine kleine Maus raschelte durch das Laub. Die Deva fragte sie, warum sie immer etwas werden wollte und es ihr nicht reichte, einfach nur ins Sein zu tauchen. Das war eine gute Frage. Genau, sagte auch der Stein, es reicht doch völlig zu sein. Und so wurde Blaue Feder mit der Zeit selbst zum Stein und vergaß die Zeit.

Sie hatte ihr Skizzenbuch mitgenommen und ihre Stifte und malte hinterher ein Klangbild mit Amsel, Eichelhäher, Specht, Krähen, Regentropfen, Nebel, Märzenbechern, Steine, Unfallwagen, Straße, Baulärm und, und, und…

Dann nahm sie die Stille mit in den Tag, denn es brauchte Menschen, die diese Stille im Alltag verkörpern.
Am Abend trafen sich die WestArt-Künstler und es wurde der Erfolg ihrer gemeinsamen Ausstellung gefeiert. Eine Künstlerin war gar nicht glücklich mit der Ausstellung, fand nicht ein lobendes Wort und es entbrannte eine heiße Diskussion über Anspruch und Wirklichkeit. Den meisten war klar, dass sie in Dithmarschen lebten und dafür war ihre Ausstellung der Knaller. Es war in diesem Landstrich nicht so einfach die Kunst an die Frau oder den Mann zu bringen und dafür war es ihnen ausgesprochen gut gelungen. Blaue Feder ging die Diskussion nach, die dazu führte, dass eben jene Künstlerin aus der Gruppe ausstieg. Es war traurig, aber wohl auch folgerichtig. Die anderen waren im Konsens, dass für sie weniger der hohe Anspruch, als die Freude im Mittelpunkt standen und so wurde eine neue Ausstellung für das kommende Jahr wieder in der Museumsinsel anvisiert.
Am Mittwoch wechselte der Jupiter im Krebs nach einer längeren Zeit der Rückläufigkeit wieder seinen Kurs auf vorwärts. Blaue Feder liebäugelte mit einer kleinen Ausbildung als Wildnis- Mentorin. Ihr war kurzweilig ein wenig der Sinn abhanden gekommen. Der Jupiter befand sich im Transit durch ihr neuntes Haus, wo es eben um diesen Sinn ging und sich auch ihr aufsteigender Mondknoten stand. Sie fragte sich, was sie mit ihrem kostbaren Leben machen wollte, wenn sie im kommenden Jahr in Rente ging. Und irgendwie lag es ihr am Herzen, das, was sie in der Natur gelernt hatte, in irgendeiner Form weiterzugeben. Außerdem war ihr auch danach, mal wieder etwas mit realen Menschen zu machen. Jedenfalls flog ihr die Idee zu, in diesem Jahr, wie eine Art Konzept zu schreiben für eine Reihe von Kursen, die sie auf dem Schwalbenhof anbieten könnte. Und da die Ausbildung alle diese Inhalte verkörperte, fragte sie sich, ob sie vielleicht hilfreich wäre, sich in diesem Jahr Klarheit darüber zu verschaffen, ob und was sie anbieten konnte aus ihrer reichen Schatzkiste. Denn klar war jetzt schon, ihre Rente würde recht klein sein und ein bisschen musste sie wohl nebenbei dazuverdienen. Also lag es nahe alle ihre Ressourcen zu nutzen, die sie sich die letzten Jahre erforscht hatte. Es ging ihr auch nicht darum, etwas zu werden, war sie im Herzen bereits eine Wildnis-Pädagogin. Sie erhoffte sich nur ein wenig Struktur und vielleicht konkrete Ideen für die Umsetzung.
Sie ging noch einmal eine Runde durchs Moor, mit der Frage, ob der Kurs ihr dabei hilfreich sein könnte. Wieder zwinkerte ihr eine Eule zu und sagte: Du bist die Königin in deinem Reich.

Am Ortsausgang hing eine neue Fahne.

Ihre Reise führte sie heute nach Nevada. Gleich traf sie den Winterläufer mit seinem Hund, der freudig-bellend auf sie zukam und sie vergrub ihre Hände in seinem weichem Fell. Der Winterläufer erzählte ihr, dass er in alle Länder gereist war, deren Fahnen er hisste. Blaue Feder erzählte ihm, dass seine Fahnen Ausgangspunkt für ihre Abenteuer waren. Er freute sich und ihre Hände berührten sich zum Faustgruß.
Nach dieser ersten Begegnung tauchte sie in den frischen Wind, der ihr sanft die Wangen streichelte und in das freie Land. Gänse begrüßten sie und die Kiebitze sangen ihr ein Lied von der Freiheit. In der Ferne berührte sie der Gesang der Kraniche. In der Nähe strich sie sanft über die Kätzchen der Weiden, mit den Fingern durch das Schilf und blieb vor den Rohrkolben stehen. Einer grinste sie an und einem Impuls folgend, nahm sie ihn mit. Er sah aus wie eine Puppe, ein Vogel – vielleicht eine Eule.

Sie setzte sich mit der Rohrkolbenpuppe auf ihren Lieblingsplatz mitten im Moor, spürte die Erde unter ihren Füßen, die wärmende Sonne im Gesicht, das Wasser der Moorkuhlen vor ihr und den Wind in ihren Haaren. Als sie den Rohrkolben vorsichtig berührte, ploppten seine Samen auf. Mehr und mehr Samen quollen aus ihm hervor, hüllten ihren Körper ein, kitzelten ihre Nase und flogen mit dem Wind. Der Geruch des Rohrs stieg ihr in die Nase – sie schloss die Augen und sah das Wappen ihres Dorfes vor ihrem inneren Auge, in dessen Mitte stand der Rohrkolben. Sein Duft erinnerte sie an Heimat – Zuhause sein. Sie war tief berührt und fühlte sich verbunden mit diesem Flecken Erde und sie fragte sich, ob es in Nevada auch Rohrkolben gab?
Zwei Gänse flogen vor ihr auf und sie folgte ihnen mit dem Blick. Es war ihr, als wäre es eine gute Idee mit den Wildwindfrauen zu fliegen, deren Logo die Wildgans war.
Beim Frühstück erzählte sie Brauner Bär von dem kleinen Lehrgang und er sagte nur: Ja klar, mach das! Damit hatte sie nicht gerechnet, war er in solchen Angelegenheiten eher skeptisch.
Am Donnerstag machten sie einen kleinen Ausflug. Eigentlich hatten sie schauen wollen, ob die Zwergschwäne noch im Meggerkoog waren. Die waren aber schon fort und so landeten sie in Bergenhusen. Die Mondin war in den Steinbock gewandert, da passte ein Ausflug in die Berge. Im Storchendorf Bergenhusen waren bereits viele Störche wieder eingetrudelt und sie schlenderten durch die Gassen des Dorfes und hörten es an jeder Ecke klappern.



Hinterher fuhren sie durch den Meggerkoog mit der Musik von Bob Dylan – Born in time. Und irgendwie war da wieder dieses Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und es fühlte sich gut an.

Mit all diesem wunderbaren Geklapper im Ohr, meldete sich Blaue Feder tatsächlich für den Lehrgang an. Eigentlich wollte sie keine Ausbildung mehr machen, aber in einem Merkur-Jahr bot es sich irgendwie an und es hörte sich nach viel Spaß an.
Diesen Morgen saß sie im Bett, der Wildniswind wehte und vor ihrem inneren Auge sortierte sich langsam alles. Ihr kam die Wohnung in den Sinn, die Brauner Bär baute. Lange Zeit wusste sie nicht, wozu die gut war. Vielleicht war sie für Freundinnen und Freunde, die auch Kurse auf dem Schwalbenhof anbieten würden. Ihr kam die Tenne in den Sinn, die sie irgendwann noch ausbauen würden und sie sah sich dort werkeln. Und so langsam formten sich die Puzzleteile zu einem Bild, wie ihr Traum auf dem Schwalbenhof weitergehen würde. Und der Mars küsste den Merkur. Die Umsetzung dieser ‚kleinen‘ Vision dauerte wohl noch eine Weile, aber die Richtung wurde klarer. Bestimmt gab es viele Kurven auf diesem Weg, wie auf der Straße durch den Meggerkoog. Wichtig war nur, dass sie der Freude in ihrem Herzen folgten.
Nun freute sie sich auf den Frühlingsclan des Wildniswind. Nächstes Wochenende ging es schon los nach der Frühlingstagundnachtgleiche und ihre Reise ins Weserbergland stand auch bevor – da kam schon ein bisschen Aufbruchstimmung auf. Jetzt musste sich nur noch die Erkältung in Luft auflösen – wer weiß, vielleicht nahm der Wind sie mit.
schön, was ihr da macht- und schöne Grüße von der Wildgans
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Liebe Wildgans,
ja, finde ich auch. 😘
Herzensgrüße zurück, Susanne
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