Am Morgen kam der Eichelhäher in ihren Garten und holte sich seine Nüsse. Dick aufgeplustert war sein Gefieder. Nach frühlingshaften Temperaturen, waren die Nächte wieder kalt und die Tage sonnig.
‚Hast Du nicht Lust die Geschichte von der Zackeneule zu erzählen?‘

Lust schon, aber wo anfangen – vielleicht mit einem Traum.
Sie hatte im Traum ein Kind geboren. Das kleine nackte Wesen, hatte wenig Ähnlichkeit mit einem Kind, sah eher aus wie eine Katze und hatte eine feurige Energie. Als sie es anschaute und berührte, schaute es sie an und sagte: ‚Von nun an, wird nichts wird mehr unter den Tisch gekehrt. Wir tauschen uns über alles aus‘.
Das war mal eine Ansage. Zur Geburt des Kindes passte auch ihr Geburtstag. Es war ein Geburtstag mittenmang. Sie hätte ihn wohl vergessen, wenn Brauner Bär sie nicht immer wieder darauf aufmerksam gemacht hätte. Und die Sterne hatten sie auch nicht vergessen. Ein Geburtstag zum Vollmond und mit totaler Mondfinsternis – was das wohl zu bedeuten hatte.



Wie jedes Jahr wünschte sie sich einen Tag am Meer. Etwas verschnupft tauchten die Schwalbenhofbewohner in die Weite von St. Peter Ording. Und so, wie Petrus diesem Ort wohl seinen Namen gegeben hatte, beschloss Blaue Feder nun ein altes Kapitel mit dem Himmelsschlüssel abzuschließen. So verbrachten sie einen sonnigen Vormittag am Meer und Blaue Feder schnackte eine Runde mit der Meermutter.
Den Abend verbrachte sie eingekuschelt vorm Feuer und heulte die volle Luna an. Lenzmond wird sie genannt, aber auch Wurmmond, weil zu dieser Zeit die Würmer wieder an die Oberfläche kommen, wohl weil die Bauern ihre Felder pflügen – ein Happening für die Krähen und Möwen. Grade hüpft Meister Lampe die Straße entlang.
Möchtest du auch etwas dazu sagen? – Wohl nicht, schon ist er wieder fort.
Am kommenden Morgen brachte ihr Brauner Bär einen Putzeimer. Er hatte sein Zimmer putzen wollen, aber in dem Putzeimer saß ein Nachtfalter.

‚Na, wer bist denn du?‘
Blaue Feder machte erst einmal ein Foto-Shooting, um herauszufinden, mit wem sie die Ehre hatte.

Im Schein der Sonne fingen die Flügel der Motte an zu vibrieren. Sie hatten unregelmäßige Zacken. Auf dem Kopf hatte das flauschige Tier auch Zacken. Blaue Feder war es bald unangenehm, dass sie Motte in ihrem Winterschlaf störte.
‚Ist schon gut‘, antwortete der Falter auf ihre Gedanken. ‚Wird eh langsam Zeit wieder aufzuwachen. Ich grüße dich – meine Zacken sind Dir schon aufgefallen, so werde ich von euch Menschenkindern Zackeneule genannt. Das liegt wohl nahe, trage ich einen Zacken auf meinem Kopf und meine Flügel sind auch gezackt. Ur-alt bin ich, ein Tier der Nacht, ein Tier der Höhlen und ich möchte dich erinnern, wir wirken im Verborgenen – unsichtbar. Dabei sind wir bei genauerer Betrachtung schön anzusehen – findest du nicht auch?‘
‚Oh ja, ich finde die Zeichnung deiner Flügel wunderschön und sie leuchten, wie Zimt.‘
‚Ja deshalb werden wir auch Zimt-Eulen genannt. Manche erinnert unsere Farbe auch an Krebssuppe, wobei ich das einen komischen Namen finde. Kapuzinereulen werden wir genannt, wohl weniger, weil wir Kapuzinerkresse mögen, als wegen ihrer leuchtenden Farbe. Schau Dir meine Linien an. Woran erinnern sie dich?‘
‚An Gesteinsschichten – ur-alte Schichten von Erde – von Erd-Geschichten. Drachenlinien – auch deine Zacken am Kopf erinnern mich an einen Drachen.‘
‚Dann würdest du mich wahrscheinlich Drachen-Eule nennen – und – steht das irgendwo geschrieben?
‚Nein, das habe ich nicht gelesen. Und warum erscheinst du mir grad jetzt?‘
‚Um dich an deine Drachenkraft zu erinnern – an deinen Forscherinnen-Geist. Über uns Motten wurde noch nicht so viel erzählt, also bist du ganz auf deine Intuition zurückgeworfen. Kannst nicht irgendwo etwas abschreiben. Was empfindest Du, wenn Du mich betrachtest?‘
‚Mir wird warm ums Herz – deine Flügel sind so flauschig und leuchten, wie ein warmes Feuer, um das Menschen tanzen und sich die Hände reichen.‘
Blaue Feder hatte die Tage wieder allerhand Motten im Kopf – Ideen, was sie alles machen könnte. Als sie die Motte bestaunte, fielen ihre Gedanken von ihr ab. Sie kam im Jetzt an und sie bekam Lust die Zackeneule zu malen. Fotos machen war okay, aber wenn sie malte, dann ging die Erfahrung tiefer – schaute sie genauer – wie war ihr Körperbau, wie war ihr Muster und wie ihre Beschaffenheit. Sie dachte auch an ihre Reise, dass sie wieder ein Skizzenbuch mitnehmen wollte. Es war anders eine Weile an einem Ort zu sitzen, zu zeichnen, zu malen, als knipps ein Foto zu schießen. Malen war wie fühlen, streicheln, tasten, erfahren mit allen Sinnen – spannend, was sich alles in einem Putzeimer finden lässt.
‚Erinnere dich an deine Eulenweisheit‘, holte sie die Zackeneule aus ihren Gedanken. ‚Fliege mit mir durch die Dunkelheit. Hole das Verborgene ans Licht. Lass das Unsichtbare im Licht erscheinen. Wir danken dir, dass du uns gesehen hast, dass du uns wahrnimmst. Vielen sind wir nur lästig. Tatsächlich denken die meistens Menschenkinder bei Motten an Kleidermotten – sozusagen Klamotten. Wir fliegen durch das offene Fenster und knabbern eure Wollpullover an oder dringen in eure Vorratskammern und richten Schaden an. Dabei sind die Artgenossen, die euch das Leben schwer machen, nur zwei Mottenarten unter tausenden unserer wundersamen Falterwelt. Oft werden wir nur als die als unscheinbaren Verwandte der Schmetterlinge betrachtet. Dabei gibt es wirklich farbenprächtige Motten unter uns. Viele von uns sind nachtaktiv, doch bei weitem nicht alle. Wusstest du, dass wir beim Bestäuben weitere Entfernungen zurücklegen als die Honigbienen?
Wusstest du, dass wir flatternden Wesen in vielen Sagen und Legenden der Welt als recht mystisch gelten? In der keltischen Mythologie werden wir als Boten aus der Anderswelt beschrieben, die zwischen den gefährlichen Grenzen von Leben und Tod fliegen, um geheime Botschaften zu überbringen. Der Flug der Motten durch die Dunkelheit der Nacht wird als die Seele bezeichnet. Und manchmal gelten wir als die schelmische Präsenz der Feen und ihre Verkleidung. Manche glauben sogar, wir Motten seien für eure Träume verantwortlich. Wir fliegen über eure Köpfen, während ihr schlaft, und geleiten euch wie geisterhafte Wächter durch die Traumwelt.
Jedenfalls würden wir uns freuen, wenn ihr uns Insektengefährten mit etwas mehr Freundlichkeit behandeln und uns einfach von euren Lieblingswollsocken fernhalten würdet.
Wir danken dir, dass du unsere Schönheit wahrnimmst. Doch nun haben wir genug geplauscht. Du kannst mich wieder in den kühlen Stall bringen, damit ich mich noch ein wenig ausruhen kann. Die Weidenkätzchen sind noch nicht erblüht und die mag ich von allen Blüten am Liebsten, deshalb nennen mich die Menschen wohl auch Näscherin oder Zuckereule. Meine Raupen fressen übrigens am liebsten Weiden- oder Pappelblätter.‘
Blaue Feder bedankte sich für die Unterhaltung und trug die Zackeneule vorsichtig in den Stall und damit reihte sie sich ein, in die Liste der Überwinterungsgäste auf dem Schwalbenhof, neben dem Kleinen Fuchs, dem Tagpfauenauge, dem Kohlweißling und der Fledermaus, die im Gebälk der Scheune wohnte. Vor der Fledermaus und den Vögeln musste sie sich in acht nehmen. Sicherlich gab es noch weitere Wintergäste, wie einst die Schleiereule. Es erinnerte sie, dass sie die Schleiereule noch für die Übergabe für das Waldmuseum fertig machen musste.
Blaue Feder nahm eine schwarze Leinwand für den Nachfalter und stellte sich vor, wie diese entzückenden Tiere in ihren flauschigen Gefiedern durch die Dunkelheit flogen von Weidenkätzchen zu Weidenkätzchen. Sie fing an nur mit weißer Farbe die Muster und Linien der Zuckereule nachzumalen.

Dann verteilte sie Farben auf ihrem Teller, dachte dabei an die leckere Krebssuppe und mischte die verschiedenen Töne. Ihr Bild war noch nicht fertig. Sie wollte auch noch eine Puppe malen, die allerdings schwarz war. Schwarz auf Schwarz, mal sehen wie das ging.

Ein Anfang war gemacht. Dann schien die Sonne in ihr Fenster und der Garten rief. Es war nicht die einzige Zackeneule, die sie an diesem Tag zu Gesicht bekam. Als Brauner Bär einkaufen fuhr, winkte er sie heran, saß an der Fensterscheibe vom Auto noch eine Zackeneule. Und damit nicht genug. Blaue Feder richtete im Garten ihr Brigid-Feld und fing auch an, ihre Frühbeete vorzubereiten. Dann sah sie, wie eine grüne Raupe über die Erde kroch. Und ob ihr es glaubt oder nicht, es war die grüne Raupe einer Zackeneule, zu erkennen an den weißen Linien auf dem Körper. Aus welchem Erdloch dieser Wurm gekrochen kam und wo sie zu dieser Zeit herkam, wusste sie nicht und überhaupt hatte sie noch viele Fragen. Sie setzte die Raupe auf die Weiden, aber die hatten noch gar keine Blätter. Gerade mal die Kätzchen öffneten ihre Blüten.


Vielleicht konnte sie sich noch einmal mit der Zackeneule unterhalten. Vielleicht brauchte sie sich nur auf ihr gemaltes Bild einstimmen und sich mit dem Geist der Zackeneule verbinden. Waren die Bilder dafür gedacht – und sie hörte die Zackeneulen im Stall lachen. Wie auch immer, war die Eulenmotte ziemlich auf Zack und schaffte es, dass Blaue Feder mal wieder den Pinsel schwang.
In der kommenden Nacht träumte Blaue Feder von den Eulenwegen im Moor. Es waren nicht die Wege, die alle gingen, sondern die Wege dazwischen, die alles miteinander verbanden – diese Wege sollte sie gehen und erforschen – die Drachen- und Eulenwege. Nun, ein Anfang war gemacht und ihr Forscherinnen-Geist war entbrannt. Blaue Feder war Feuer und Flamme tiefer in die Zauberwelt der Motten zu tauchen.
Und was hatte ihre Geschichte mit dem 8. März zu tun – eine gute Frage!