An jenem Freitag-Abend, als sich die alte Weise, Saturn und Neptun-Mari die Hände reichten, saß Blaue Feder vorm Feuer und meditierte. Hinter ihr donnerten die Schneelawinen vom Dach, hatte es heftig angefangen zu regnen. Also begann diese neue Epoche wohl doch mit Pauken und Trompeten. Sie musste grinsen, zeigte es ihr mal wieder, wie wenig sie wusste.
Am kommenden Tag war der Schnee wie weggespült. Die Vögel fingen an zu singen. Die Krokusse steckten in zartem Violett ihre Köpfe aus der Erde. Die Schneeglöckchen tanzten. Die Spatzen sammelten getrocknete Gräser für ihre Nester. Die Turteltauben turtelten in den Zweigen der Walnuss. Auch Taiga hielt es nicht mehr drinnen – sie musste endlich wieder raus. So viel Trubel im Garten lockte natürlich auch den Sperber an.

Wie aus dem Nichts stürzte er sich kopfüber in einen Busch. Sperber waren die kleinen Geschwister der Habichte und ihre Beutetiere eben die Singvögel. Ihrem Jagdtrieb folgend, gehen sie oft waghalsige und bisweilen unkontrollierte Flugmanöver ein. Mutig waren sie, klar und fokussiert.



Diesmal blieb der Erfolg aus und er zupfte sich sein Gefieder in der Walnuss wieder zurecht. Blaue Feder schaute ihm oder auch ihr in die Augen, denen nichts entging. Der Sperber erinnerte sie an Freya in ihrem Federkleid und sie fragte sich, worauf sie sich nun fokussieren wollte.

Die Ausstellung schwang noch in ihr nach. Manchmal, wenn sie den Raum hütete, hatte sie die Menschen betrachtet, wie sie in Ruhe vor ihren und auch den Werken der anderen Künstler verweilten. Blaue Feder webte ihre Bilder in Ruhe, Stich für Stich, und diese Ruhe strahlten sie auch aus. Noch spürte sie den Wind der Begeisterung unter ihren Flügeln durch eben diese wunderbare Ausstellung und fragte sich, wie und wo ihr Weg weitergehen würde.
Viele ihrer Stoffe waren im vergangenen Jahr angefangen liegen geblieben. Oft hatte sie keine Kraft gehabt, überhaupt etwas zu weben. Wenn sie einen Stoff aufnahm, fing der Rücken an zu schmerzen und sie legte ihn wieder beiseite. Oft hatte sie nur in ihrem Atelier gesessen, nichts gemacht oder sie war hinaus gegangen in die Natur, war hier und dort der Fährte eines Schmetterlings gefolgt.
In ihrer Weltenkiste fand sie eine Geschichte, erzählt von Sonia Emilia Rainbow. Blaue Feder wusste nicht, ob Sonia diese Geschichte geschrieben hatte oder ob es eine überlieferte Geschichte war. Wie auch immer, war diese Geschichte, wie für sie geschrieben – oder auch für dich? Sie hatte keinen Titel und so nannte sie diese Geschichte:
Die Weberin
‚Die Weberin lebte in einem Haus am Flussrand und hatte einen großen Webstuhl in ihrer Stube. Die Menschen kamen von weither, weil ihre Stoffe etwas hatten, was andere Stoffe nicht hatten. Sie hielten länger, die Farben verblassten nicht, und manche sagten, man spüre etwas, wenn man diese Stoffe trug. Diese Frau webte nach alten überlieferten Mustern, die ihre Großmutter sie gelehrt hatte. Sie kannte die Pflanzen für die Farben und die Lieder, die man beim Weben sang.
Aber eines Jahres begann sich etwas zu ändern und sie merkte es zuerst selber nicht. Im Nachbardorf hatte ein neue Weberin eine Werkstatt eröffnet, größer und heller als ihre. Die Menschen gingen hin und schauten sich um. Diese Weberin webte schneller und hatte mehr Stoffe vorrätig. Sie bot auch Workshops und andere Besonderheiten an. Die Weberin sah es und sah, wie die Menschen, die einst zu ihr kamen, nun dort hingingen. Und sie dachte ich muss nun mehr machen, schneller weben, mehr anbieten.
So fing sie an länger zu arbeiten, webte auch abends, wenn das Licht schon schlecht war. Sie nahm jeden Auftrag an, auch wenn die Zeit knapp war – und für die alten Lieder beim Weben, war nun keine Zeit mehr. Die Menschen kamen nahmen ihre Stoffe und dankten ihr. Sie sagten: „Du schaffst soviel. bist so fleißig.“ Sie spürte, wie diese Worte etwas füllten, was vorher leer gewesen war.
Aber die Stoffe veränderten sich, kaum merklich zuerst. Die Farben waren nicht mehr ganz so leuchtend und die Muster nicht mehr ganz so klar. Manche Stoffe rissen nach ein paar Monaten. Die Menschen kamen trotzdem und manche ginge auch zu der neuen Weberin. Die Frau sah es und die Angst in ihr wuchs. Also webte sie noch mehr und noch schneller.
Eines Morgens saß sie am Webstuhl und ihre Hände fingen an zu zittern. Sie konnte den Faden nicht mehr richtig greifen und die Farben verschwammen vor ihren Augen. Sie zwang sich weiterzumachen, aber ihre Hände gehorchten ihr nicht mehr. Der Faden riss immer wieder. Sie stand auf, ging hinaus, kam zurück und setzte sich wieder hin. Aber die Hände blieben steif und wollten sich nicht mehr bewegen.
Tage gingen vorbei, dann Wochen und sie konnte nicht mehr weben. Die Menschen, die Aufträge bei ihr hatten, holten ihre Stoffe ab – unfertig – und gingen zu der anderen Weberin. Sie saß in ihrem Haus und starrte auf den leeren Webstuhl und dachte: „Ich bin nichts mehr wert – mein ganzes Leben umsonst.„
Aber dann nach vielen Wochen kam eine Erinnerung zu ihr. Sie war jung gewesen, acht oder neun, und ihre Großmutter hatte mit ihr am Webstuhl gesessen. Die Großmutter hatte ihre Hand genommen und sie auf den Stoff gelegt und gefragt: “ Spürst du das?„
„Was?“
„Wie der Stoff atmet, die Farben leben, das kommt nicht von deinen Händen allein. Das kommt von etwas Größerem.“
Sie hatte es damals nicht verstanden, aber jetzt sitzend von ihrem Webstuhle, leer und wertlos, begann sie es zu verstehen. Sie stand auf zum ersten Mal seit Wochen und ging an den Fluss – nicht um Farben zu sammeln, sondern einfach nur hinaus. Sie setzte sich ans Ufer und legte ihre Hände ins Wasser, so wie sie es als Kind manchmal getan hatte, wenn die Großmutter mit ihr dort gesessen hatte. Das Wasser war kalt und floss über ihre Finger. Sie saß da und dachte das Wasser fließt nicht, weil es jemand braucht. Die Vögel singen nicht um jemanden zu gefallen. Sie sind einfach da und tun, was sie tun.
Und plötzlich verstand sie, vielleicht war es mit ihr auch so. Vielleicht musste sie gar nicht gebraucht werden, um da sein zu dürfen. Um leben, zu dürfen. Um geliebt und gesehen zu werden. Vielleicht reichte es einfach nur zu sein. Zum ersten Mal seit Wochen konnte sie wieder tief atmen. Sie saß nun jeden Tag am Fluss – manchmal nur eine Stunde und manchmal bis zum Abend. Am Anfang war es nicht einfach nur dazusitzen und still zu sein. Ihre Gedanken liefen im Kreis, ihre Hände wollten etwas tun, irgendetwas. Immer wieder legte sie die Hände ins Wasser, spürte die Kälte und lauschte dem Rauschen.
Und natürlich kam die Angst. Was, wenn sie nie wieder weben konnte? Was, wenn ihre Hände für immer steif bleiben? Was, wenn die Menschen woanders hingingen und sie vergessen hatten. Die Angst saß treu neben ihr, jeden Tag. Und sie blieb trotzdem am Flussufer, Hände im Wasser und Hände auf der Erde und langsam löste sich etwas in ihren Händen – die Steifheit und die Verkrampfungen.
Nach einigen Monden setzte sie sich wieder an den Webstuhl und nahm einen einzigen Faden und fing an zu weben. Langsam und sie sang die alten Lieder, die sie vergessen hatte. Der Stoff wuchs nicht schnell, aber anders als vorher – die Farben leuchtender und die Muster klarer. Sie webte eine Woche an dem Stoff und brachte ihn dann zu einer alten Frau im Dorf, die schon lange bei ihr kaufte. Die Frau nahm den Stoff und fühlte ihn zwischen den Fingern und sagte. „Das ist wie früher. Nein – das ist lebendiger und kraftvoller als früher. Der Stoff leuchtet.“
Sie nickte und ging wieder nach hause. Die Menschen kamen wieder, nicht alle – manche blieben bei der anderen Weberin, die schneller webte und mehr vorrätig hatte. Aber andere kamen zurück. Sie nahm nur noch wenige Aufträge an und webte langsam, und manche Wochen webte sie gar nicht und saß nur am Fluss mit den Händen im Wasser. Die Menschen, die geblieben waren, warteten. Sie wussten: Wenn sie einen Stoff von ihr bekamen, war es der richtige Stoff zur richtigen Zeit, gewebt in der Verbindung zu einem sakralen Raum und nicht aus Eile und Stress.
Sie webte nun nicht mehr für die Menschen, sondern aus dem, was durch ihre Hände fließen wollte, aus der Verbindung zu den Farben und den Mustern und zu dem was größer war, als sie selbst. Und das war der Unterschied.
Eines Abend saß sie vor ihrem Haus, als eine junge Frau aus dem Dorf vorbeikam und sich zu ihr setzte. „Ich möchte weben lernen. Kannst Du mir es beibringen?“ Sie schaute sie an und fragte: „Warum möchtest Du weben lernen?“
Die junge Frau zögerte „Ich will – ich will gut sein in etwas. Ich will, dass die Menschen mich schätzen.“
Die Weberin erkannte sich selbst in den Worten und lächelte – nicht bitter, sondern verstehend.
„Dann bringe ich Dir erst etwas anderes bei“, sagte die Weberin. „Geh jeden Tag zum Fluss. Setz dich hin und lege deine Hände ins Wasser. Spüre, wie es kalt ist und fließt. Spüre den Wind auf deiner Haut. Höre den Vögeln zu. Bleib dort sitzen, eine Stunde, zwei Stunden, jeden Tag. Und irgendwann wirst du etwas merken: Du sitzt da und bist glücklich. Einfach so. Weil die Sonne scheint. Das Wasser fließt und du atmest tief. Du brauchst dafür kein Lob. Und keine Bestätigung von anderen. Das Glück ist einfach da, weil du da bist. Und wenn du das spürst, dann komm wieder zu mir. Dann bist du bereit das Weben zu lernen.“
Die junge Frau hatte es nicht verstanden, aber sie kam am nächsten Tag wieder und sie gingen zusammen hinaus an den Fluss.‚
