Als die dunkle Luna am Himmel stand, stellte sich auch Herr Buch-Fink vor.

Ein hübscher Kerl in seinem Prachtgewand. Grad saß er bei ihr vor dem Fenster und holte sich ein paar Körner. Er passte gut auf seine Auserwählte auf und versorgte sie mit Futter, während sie im alten Apfelbaum brütete. Blaue Feder beobachtete das Miteinander des Buch-Finken-Paares. Und mit der Zeit senkte sich eine Idee in ihr Herz. Von der Idee mochte sie noch nichts erzählen, musste sie noch eine Weile bebrütet werden.
Und während die Neuankömmlinge sich neue Nester bauten, hörten die Schwalbenhofbewohner es schon in anderen Nestern leise piepen.

Ab und an flogen ihnen kleine, leicht gefleckte Eierschalen um die Ohren.

Auch der Mohn entledigte sich seiner Eierschalen und war es sein Duft oder hatte Blaue Feder zu lange mit Taiga auf den Efeu gestarrt. Sie hörte noch die Vögel singen, wie alles um sie herum lebendig wurde und schon fielen ihr die Augen zu. Wie in Trance ging sie mal wieder auf Reisen.


Wieder saßen sie in ihrem Künstler-Mobil und bogen ab in die kleine Straße, die nach Schwarbe führte. Die kleine Siedlung lag nur wenige Kilometer entfernt vom Kap Arkona. Das Dorf gefiel ihnen vom ersten Moment, gleich fühlten sie sich wie Zuhause. Erst später würden sie lesen, dass diese Siedlung einst von sechs Familien aus Holstein gegründet worden war. Dort fanden sich sechs reetgedeckte historische Bauernhäuser, die eine ‚Holsteiner Siedlung‘ bildeten. Sie fuhren durch die Siedlung zum Waldrand und kamen auf einen kleinen Parkplatz sage-und-schreibe ohne Parkuhr.
Sie stellten den Wagen ab und gingen hinein in den Wald. Hinweisschilder auf den Märchenwald gab es nicht. Sie folgten, wie Blaue Feder im grünen Herzen, den Schnecken an den Bäumen und Blaue Feder musste innerlich grinsen, war ihr entfallen, dass sie auch an diesem Ort den Schnecken gefolgt waren. Normalerweise fand sie Graffitis auf Bäumen nicht so prickelnd, doch in der Anderswelt erwiesen sie sich als ortskundig und führten sie sicher zum Märchenwald.


War es im großen Wald mucks-mäuschen-still, wurde es, als sie den Märchenwald betraten, schlagartig lebendig. Die Vögel fingen an zu singen, die Atmosphäre füllte sich mit einem Zauber, der ihnen ein Lächeln in das Gesicht zauberte. Die Buchen, die auf einem schmalen Streifen an der Steilküste standen, waren vom Ostseewind auf wunderliche Weise geformt worden. Es öffnete sich ein Raum zum Träumen, zum Spielen und zum Lauschen. Die Bäume mit ihren bizarren Formen luden ein, den Wesen nachzuspüren, die in ihnen verborgen waren.



Ob Drachen, Schlangen, Wichtel, Feen – alles war im Märchenwald vertreten.

Sie überließen sich eine Weile dem Spiel der Waldgeister, die sie einluden, die unzähligen Eindrücke vom Tag zu verarbeiten.

Das Sommermädchen übernahm die Führung. Sie wollte bleiben, träumen, zeit-weit werden und den Märchen lauschen. Die alten Buchen erzählten Geschichten von den Zwischen-Räumen, von Räumen, die sich auf tun, zwischen Wald und Meer. Von Höhlen, die sich in den weitverzweigten Wurzeln in öffnen. Ihre Knorren erinnerten an Augen, deren Blicke sie berührten, im Herzen und in der Seele. Als sie die Bäume und ihr Rinden betrachtete, kam ihr der Baum vom Großsteingrab Nobbin wieder in den Sinn, welches auch liebevoll das Kleine Stonehenge von Rügen genannt wurde. Vermutlich war ihr Feenbaum auch eine wilde Buche und kein Weißdorn, welches ihrer Zauberkraft keinen Abbruch tat. Am Hochufer vermischten sich Wind, Wellen, Blätterrauschen zu einem Klangkonzert, das die eigenen Gedanken verstummen ließ. Wo die Bäume sich lichteten, reichte der Blick weit auf die Ostsee.

Irgendwann, tat sich vor ihnen ein Weg auf, der hinunterführte zum Strand.

Ein Traum von einem Strand begrüßte sie.


Es fühlte sich an wie Heimkommen. Es erinnerte sie an die traumhaften Energien auf Achill Island in Irland im schönen Connemara. Es war eine liebevolle Energie, eine mütterlich-liebende Energie. Ein Flügel der Schwanengöttin umfing sie sanft. Blaue Feder vermutete, dass sich auch die Energie am Kap Arkona einst so anfühlte, bevor 800.000 Menschen jährlich diesen Ort bereisten. Vielleicht lag es auch nicht an den Menschen, sondern war es in der Abgeschiedenheit der Natur einfacher einen Zugang zu finden zu diesem Sein.

Am Strand von Schwarbe war wenig los, sie trafen kaum jemanden und die Natur war allein zugegen. Blaue Feder und Brauner Bär waren glücklich und zufrieden, dass sie hierher gekommen waren. Nun konnten sie verstehen, warum dieser Ort sie wie magisch angezogen hatte. Es war die gleiche ursprüngliche Energie, die sie in der Kirche in Altkirchen wahrgenommen hatte.

Ein leichter Nebel lag über diesem Ort – es mag am Wetter gelegen haben, vielleicht war die Luft auch schwanger von dem Zauber, der hier zugegen war und sie an Avalon erinnerte.

Dieser Zauber hinterließ sie mit einem Lächeln. Verliebt in diesen Ort und mit verzauberten Herzen machten sie sich wieder auf den Heimweg.
Blaue Feder öffnete die Augen und lächelte immer noch. Taiga starrte immer noch auf den Efeu, allein die Mohnblüte hatte sich geöffnet und schenkte ihr einen Blick in ihren Kelch.

