Leuchttürme

Die Krähe kam am Morgen in den Garten, holte sich ein paar Nüsse und weckte Blaue Feder. Sie ließ ihr drei Federn da für ihren Drachen.

Mir-nichts-Dir-nichts war sie angezogen und bereit für eine Runde. Eine Taube saß auf der Scheune und als sie zurückblickte, erfreute sie sich an den bunten Zauberglöckchen.

Die Nachtkerzen leuchteten ihr den Weg.

Am Ortsaugang hing eine unbekannte Fahne. Der Turm auf der Fahne erinnerte sie an etwas, aber sie wusste nicht an was. Die Fahne war etwas älter und schon mal geflickt. Vorfreude machte sich in ihrem Herzen breit, auf das Land, das sie an diesem Tag entdecken würde,

Es lag mit seinen frisch gemähten Strohballen noch im Nebel und die Spinnen webten das Traumgarn für den Tag. Es mutete schon ein wenig wie Altweibersommer an.

Als sie zurückblickte, sah sie, dass sie durch ein Nebel-Tor gegangen war. Sie freute sich – war es vielleicht das sagenhafte Löwentor, von dem alle sprachen.

Aus ihrem Dorf sah sie ein Licht scheinen, wie von einem Leuchtturm.

Sie mochte es, wenn das Moor in Nebel getaucht war. Die Graue saß auf dem See der Trauerseeschwalben. Ein Küken wurden noch gefüttert, alle anderen waren schon fortgeflogen.

Sie setzte sich zur Grauen und schaute den Tänzen der Nebelfrauen zu.

Und wo die Graue war, da war der weiße Reiher nicht weit. Tief erfüllt ging Blaue Feder wieder heim und traf beim Mondsee eine Frau, die wie sie begeistert war von den Nebeltänzen. Tief und still lag der Große Mondsee vor ihr und die Nebel lösten sich langsam in den Tag hinein auf.

Auf dem Heimweg lachte sie eine Engelwurz an, die langsam erblühte und sie begrüßte eine Fee mit ihrem Nachwuchs.

Wie die Nebelfrauen hatte auch Blaue Feder getanzt. Die weiße Büffelfrau hatte sie eingeladen mit ihr zu tanzen und sie tat es. Sie legte sich eine Musik auf und es musste Initiation von den fünf Rhythmen sein. Dann fiel ihr Blick auf den Lebensbaum, den sie einst gemalt hatte.

Sie dachte an den Büffel, der viermal seine Farbe geändert hatte. Die vier Farben repräsentierten die vier Farben des Menschen – schwarz, gelb, rot und weiß. Diese Farben standen auch die vier Himmelsrichtungen – Norden, Osten, Süden und Westen. Sie stellte sich vor, sie war ein Baum mit vier Wurzeln. In ihren vielen Inkarnationen war sie sicherlich auch schon als Indianerin oder Indianer inkarniert gewesen. Vielleicht war es der rote Faden, den sie in den Schlehen gefunden, der sie auf diese Fährte gebracht hatte und so wollte sie ihrer roten Wurzel nachspüren – ihren indianischen Wurzeln.

Sie stellte sich auf ihren Tanzteppich und begrüßte den Norden, den Osten, den Süden und den Westen. Sie begann ihre Tänze immer im Norden und sie lud die weiße Büffelfrau ein, mit ihr zu tanzen.

Dann spürte sie wie die Schlange langsam in ihr zu tanzen anfing. Gleichzeitig breitete sie ihre Arme aus und der Adler fing an zu fliegen. In ihrem Herzen vereinigten sich Schlange und Adler. Die Schlange stand für Mutter Erde und der Adler für Vater Himmel.

Sie wendete sich beim nächsten Tanzstück dem Osten zu und es war ihr, als würde sie den Sonnentanz mit vielen anderen Indianern tanzen. Freude durchströmte sie.

Dann tanzte sie den Süden und sie hörte einen wunderbaren Gesang und fing selbst an zu tönen. Sie erinnerte sich wie Brauner Bär zu ihr sagte, sie sänge wie eine alte Indianerin.

Und schon war sie im wilden Westen und mit dem Adler flog sie über das Land, in dem sie einst gelebt hatte. Sie flog über die Prärie und tauchte in die Flüsse und Seen. Brauner Bär war sehr präsent und ihr kam der Gedanke, ob sie sich vielleicht aus dieser Zeit kannten. ‚Blaue Feder‘ und ‚Brauner Bär‘ konnten durchaus indianische Namen sein und vielleicht sah er deshalb die Indianerin in ihr. Eine Büffelherde kam, Menschen feierten und es fühlte sich wie Heimat an.

Blaue Feder wendete sich noch einmal dem Norden zu und Weiße Büffelfrau kam auf sie zu und übergab ihr ein Licht, das sie einhüllte. Sie hielt die Pfeife in den Händen und ein tiefer Friede breitete sich in Blaue Feder aus. Für einen Moment fühlte sich Blaue Feder auch mit ihrer Sternenheimat verbunden und es war der Satz in ihr:

Wir kommen alle von den Sternen.

Diese Woche waren wieder die Perseiden am Himmel zu sehen und Blaue Feder war eine Nacht hinausgegangen und hatte sieben Sternenschnuppen gesehen. Sie flogen so schnell vom Himmel, dass sie mit dem Wünschen gar nicht hinterher kam. In ihrem Herz trug sie einen Wunsch und vielleicht war es der gleiche Wunsch, den auch Weiße Büffelfrau in ihrem Herzen trug. Sie hatte auch die Sieben Schwestern am Himmel gesehen, den Sternenhaufen, der Plejaden genannt wird und mit denen sie sich verbunden fühlte. War Weiße Büffelfrau vielleicht eine Sternenschwester, wie die Sieben Schwestern?

In einem Buch hatte sie gelesen, dass seit 2002 in einem Salzsee in Australien, zwischen dem Uluru und den Orgas, zwei der heiligsten Kraftplätze der Aboriginies, wie aus dem Nichts kristalline Büffelschädel von ungeahnter Schönheit gefunden worden waren. Auch diese wurden als Zeichen für die Rückkehr der Weißen Büffel-Kalb-Frau gesehen.

Blaue Feder wunderte es nicht all zu sehr, dass die Büffelschädel in Australien gefunden worden waren, in dem Land, welches von den Sieben Schwestern erschaffen worden war. Sie hatte schon davon erzählt und langsam schloss sich der Kreis. Es war immer wieder faszinierend, zu sehen, wie alles miteinander verbunden war. Beim Tanzen hatte sie das Gefühl, Weiße Büffelfrau war bereits mitten unter den Menschen. Dieser Tage wurde Maria Himmelfahrt gefeiert. Blaue Feder empfand die Energie von Weiße Büffelfrau ähnlich liebevoll, wie die von Maria. Die Energie von Weiße Büffelfrau fühlte sich an, wie die weibliche Urkraft von Mutter Erde herself.

In Bezug auf ihr Ahnentuch kam mit ihr noch einmal eine andere Ebene hinein, dass alle Menschen Schwestern und Brüder waren und wir alle Wurzeln in uns tragen. Sie hatte ihrer indianischen Wurzel nachgespürt und diese war noch sehr lebendig in ihr. Genauso könnte sie auch ihre schwarze, gelbe und weiße Wurzel tanzen. Das wäre sicherlich spannend. Wobei sie das Gefühl hatte, ihre Wurzeln waren eh bunt, wie bei ihrem Lebensbaum. Vielleicht hatte diese Unterscheidung früher mal eine Relevanz. Mittlerweile sollte es doch überhaupt keine Rolle mehr spielen. Deshalb strahlte ihr Drache in allen Farben des Regenbogens.

Auf jeden Fall hatte die weiße Büffelfrau es hinbekommen, dass Blaue Feder wieder tanzte. Und sie tanzte wieder viel in ihrem Atelier. Sie hatte das erste Bild mit dem Drachenschwanz fertig gestickt und freute sich wie ein kleines Kind. Vielleicht bekam sie ihren Drachen doch noch bis zur Ausstellung fertig.

Das zweite Bild war in Arbeit und irgendwie musste sie einen Leuchtturm in das Bild weben, waren sie auf Amrum von Leuchtturm zu Leuchtturm gewandert. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, der Turm auf der Fahne war die Kugelbake von Cuxhaven, also auch ein Leuchtturm. Sie waren im Winter einmal dort gewesen.

Nachdem sie mit der Büffelfrau getanzt hatte, fühlte sie sich selbst wie ein Leuchtturm und darum ging es wohl; dort, wo wir sind, unser inneres Feuer zu entzünden und zu leuchten, wie die Leuchttürme oder wie die Nachtkerzen. Wenn Jede oder Jeder dort leuchtet, wo er oder sie ist, dann spinnt sich ein Netz aus Licht um Mutter Erde. Dann spinnen wir das Traumgarn über das Land, wie die Spinnen.

Blaue Feder sponn den Faden mal weiter…

Am Ende ihrer Runde hatte sie noch bei Ayla, ihrer Dorfeiche, gesessen und ein Erinnerungsfoto von dem alten Tennen-Tor gemacht. Am Wochenende würden ein paar Freunde mit Brauner Bär das neue Tor einbauen.

Drückt mal die Daumen, dass alles klappt, ist das Tor doch recht groß.

2 Kommentare zu „Leuchttürme

  1. „wir kommen alle von den sternen“ – seh ich auch so.

    sehr feiner text und schöne bilder. der drache/die drachin wird klasse und wunderschön!

    liebste grüße aus den eifelwäldern…

    aljoscha

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    1. Lieber Aljoscha, freue mich immer über Deine Worte. Mein Drache kommt wohl auch von den Sternen und trägt wohl das Weibliche und das Männliche in sich, wie wir ja auch. Deshalb sage ich manchmal sie und manchmal er. Habe mich etwas unter Stress gesetzt, ihn/sie noch bis zur Ausstellung fertig zu bekommen. Nun lasse ich ein bisschen los – habe Ur-Laub und möchte die freien Tage genießen. Wünsche Dir ein schönes Wochenende.. Herzensgrüße Susanne 🐉

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