Kranich-Gesang im Auental

Am Lindenhof lachten sie wieder Fliegenpilze an. Überall im Dorf waren die Eichhörner dabei, ihre Vorräte einzusammeln. Es war immer noch Erntezeit. Blaue Feder ging ihre Runde, musste sie mal ganz tief durchatmen. Die Arbeitswoche nagte noch an ihr.

Im Blauen Haus unter den Linden brannte Licht. Langsam kam das Leben wieder zurück in das kleine Haus, hatte es eine Weile leer gestanden. Im Garten lagen Kinderspielzeuge und eine große und kleine Harke lehnten an der Wand.

Am Ortsausgang lachte ihr das Konterfei von Che Guevara entgegen, ihr Held aus alten Zeiten. Große Schwärme von Gänsen flogen nun ihrer Wege.

Sie ging hinaus aufs freie Land, die Weißdornfrüchte leuchtete dunkelrot. Die Sonne hatte sich hinter Wolken versteckt. Es war die Tage sehr mild, hatten Sonne und Venus auf den letzten graden in der Waage noch ein liebevolles Rendezvous. Es war zu spüren, war es ungewöhnlich warm und eine feine liebevolle Energie umfing sie.

Zwischen den weißen Schafen stand ein schwarzes Schaf und erinnerte sie an ihre Geschichte vom ‚Erzähl-Mal-Schaf‘. Der Loslöse-Prozess durch den sie gerade ging, war mit mehr Ängsten behaftet, als sie so gedacht hatte. Sie hatte den Eindruck, es hing eine Familiengeschichte daran. Sie dachte an ihren Vater und an ihren Opa, die beide gemalt hatten, aber natürlich einem ’sicheren‘ Job nachgegangen waren. In Kriegszeiten aufgewachsen hatten sie nie Sicherheit erfahren. Als Blaue Feder selbst ihr Biologie-Studium abbrach, um Kunst zu studieren oder Kostüm-Design, war die erste Frage ihres Vaters gewesen: ‚Und damit kannst du Geld verdienen?‘ Auch Brauner Bär sagte immer wieder, er eigne sich nicht zum brotlosen Künstler – wie tief solche Ahnenthemen wirken.

Der Vater hatte dann einen kaufmännischen Beruf gewählt, wie Blaue Feder letztlich auch. Weder er – noch sie erfüllte dieser Job. Nun hängte sie den Kauf-Mann endlich an den Nagel. Es war wohl an der Zeit.

In einem ihrer Träume hatte sie Angst mit einem Flugzeug abzustürzen – hatte gar Angst auf der Straße zu landen.

Da fiel ihr ein, sie hatte in Wien doch einen Fuchs gesehen. Auf der Straße hatte eine alte Frau gesessen mit einem Steiftier-Fuchs. Sie sah in ihrer Armut sehr anmutig aus. Sie hatte lange silbergraue Dreadlocks, eine schöne Frau, die Ruhe und Würde ausstrahlte und Blaue Feder beeindruckte. Sie saß nicht leidend, bettelnd auf der Straße, sie saß einfach nur da. Sie erinnerte Blaue Feder an die wilden nackten Frauen, denen sie in Indien begegnet war und deren Augen leuchteten. Blaue Feder würde mit der Frau mit dem Fuchs in Wien noch einmal begegnen, da saß sie auf einer Wiese an der Karlskirche und las ihre Zeitung in der Sonne.

In ihrem Flugtraum bekam sie ein Amulette geschenkt mit einer Göttin und dem Harke Stein darauf abgebildet. Es ging wohl um das Vertrauen in die Große Mutter Holle, die für sie sorgen würde.

Ihr kamen Nordic-Walker entgegen, jene aus ihrem Dorf, die schon in Rente waren. Sie beneidete sie grad ein wenig. Kurz hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Stöcke zuhause gelassen und doch lieber wieder mit der Kamera losgezogen war. Ihr zweiter Bürgermeister nahm sie in den Arm und erzählte von einem Kunst-Tag im Dörpshus in Ostrohe Ende April. Klar würden sie nächstes Jahr mitmachen. Sie freute sich, waren sie jetzt schon fünf Künstler im Dorf, die sich an dem Kunst-Tag beteiligten.

Als sie auf der Brücke stand und ins Wasser schaute, dachte sie, es war ein steiniges Jahr. Doch hatte so manch einer dieser Steine zu ihr gesprochen.

Als sie weiter ging, traute sie ihren Ohren nicht. Da sangen doch Kraniche, wie in Goldenbaum. Ganz in der Ferne auf der anderen Seite der BroklandSau konnte sie sie ausmachen. Es kam nicht oft vor, dass sich Kraniche hier blicken ließen. So ging sie nicht ins Moor, sondern lief runter zur BroklandSau. Die Wiese über die sie normalerweise lief, war abgezäunt und erstaunt schauten sie ein paar bunte Kühe an. Die Rufe der Kraniche halten über das Auental. Sie dachte an ihre Geschichte von Goldenbaum. Sie dachte an alle Geschichten, die sie in diesem Jahr begonnen hatte und die noch unfertig in ihrem Atelier lagen.

Sie ging die BroklandSau entlang und tauchte in ihr Fließen. Sie lauschte der Kranich-Musik und es machte ihr Mut.

Mit der alten Ullra zu fließen, brachte auch ihre Energien wieder ins Fließen. Sie weinte und es war gut so. Im Fluss blühten noch ein paar Vergiss-mein-nicht. Diese blauen Blumen erinnerten sie an die Venus. Sie hatte ihre Geschichten noch einmal gelesen und ihr war aufgefallen, sie hatte in diesem Jahr viel über die Venus geschrieben. In Wien auf dem Naschmarkt, hatte sie ein kleines Amulett auf dem Flohmarkt gefunden mit einer Blauen Blume. Es brauchte noch ein Lederband, damit sie es sich um den Hals legen konnte und niemals vergaß, hinter all diesen Prozessen war die Liebe am Wirken. Sie ließ etwas los und spürte die Trauer, doch wusste sie, es würde sich eine neue Tür in ihrem Leben öffnen.

Sie dachte an die Tenebrosus Henne, mit der ihre Geschichte begonnen hatte. Sie war irgendwo ausgebüchst und war ihrem Ruf in die Freiheit gefolgt.

Sie dachte noch einmal an den Skarabäus. Sie wusste nicht, was auf der Rückseite des Skarabäus in Hieroglyphen stand. Sie vermutete, es waren dort alle Geschichten aufgeschrieben, die sie dieses Jahr erzählt hatte.

Sie spürte, ihre Geschichte vom Geschichtenhaus neigte sich langsam dem Ende. Samhain stand vor der Tür und sie würde wieder in die Dunkelheit tauchen, in das dunkle Nichts, in einen neuen Zyklus, um in den Rauhnächten die Visionen für das kommende Rund zu empfangen.

Die Sonne war nun in den Skorpion gewandert und sie würde sich die Tage verdunkeln. Sonne, Mond, Venus würden am absteigender Mondknoten zur Zeit der dunklen Luna versteckt etwas zusammen ausbaldowern. Sonnenfinsternisse läuten immer einen neuen Zyklus ein. Wir werden das nächste halbe Jahr erleben, was sich verändern wird, bei uns, wie auch weltweit. Blaue Feder war zuversichtlich, saß die Venus bei diesem Stell-Dich-Ein mit im Boot – der Stern der Freude und der Liebe.

Zurück im Dorf sah sie wieder Eichhörnchen Nüsse sammeln. Im Garten vom Blauen Haus unter den Linden lag ein Fußball mit einem Totenkopf darauf – Samhain lässt grüßen.

Blaue Feder ging heim, setzte sich an ihre Weltenkiste und schickte ihren Antrag auf Stundenreduzierung hinaus in die Welt. Eine Taube kam geflogen, landete auf dem frisch gedeckten Vogelhaus und fragte:

‚Na, wie fühlt es sich an?‘

‚Ich fühle mich erleichtert‘, antworte Blaue Feder.

Endlich konnte sie loslassen und es war gut so.

5 Kommentare zu „Kranich-Gesang im Auental

  1. sehr schöne fotos und feiner text!
    gerne gelesen!
    hier in der eifel lebe ich in einer der flugrouten der kraniche.
    welch ein genuß, im herbst ihren südwestflug
    und im frühling ihren nordostflug beobachten
    und anhören zu dürfen!
    liebe grüße, aljoscha
    .

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Aljoscha, freut mich von Dir zu hören. Es muss schön sein, ihrem Flug zuzuschauen. Ich freue mich über jeden Kranich, der seinen Weg in unser Tal findet. Wünsche Dir noch ein schönes langes Wochenende, Susanne

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