Der Tod einer Libelle – wenn der Westwind ruft

Der Herbst zog langsam ins Land. Nach ein paar sonnigen Tagen, war es nun empfindlich abgekühlt, es stürmte und regnete. Die Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche war vorübergezogen. Die Sonne war in die Waage gewechselt und die Nächte waren dunkel, stand die dunkle Luna noch am Himmel. Jetzt kam die Zeit sich wieder nach Innen zu wenden, auch in den wärmenden Schutz der Häuser. Blaue Feder verzog sich in das kleinste Zimmer des Hofes – zog sich dick an und übte sich im wenig heizen.

In Blaue Feder war es stiller geworden. Schaute sie noch einmal ein wenig zurück in die Sommerzeit, hatte sie öfters den Ruf des Westwindes vernommen.

Er hatte sie in den Westen zur Grünen Insel gerufen, die sie zu Beginn des Jahres entdeckt hatten. Liebevolles Herz, die Freundin, war traurig und Blaue Feder dachte, die Grüne Insel würde ihr Herz erfreuen. So war es, zwischen die Herzens-Schwere, mischten sich leichte Momente des Spielens. Insbesondere berührten sie die Wege, die von der Engelwurz gesäumt waren. Viele große Libellen begleiteten sie auf ihrem Weg, Mosaikjungfern und andere. Eine saß still am Halm einer Engelwurz – lebte sie noch?

Der Erlebnispfad im Kattinger Watt zeigte sich nun im Grünem Kleid. Hier begegnete sie wieder der Distel, die sich nicht kannte. Daheim fand sie heraus, es handelte sich um die Acker-Gänsedistel. Gelb und puschelig hob es sich ab vor dem blauen Himmel. – Eine Wohltat an diesem grauen Herbst-Tag.

Es machte Freude gemeinsam mit der Freundin die Natur zu erforschen. Sie spielten beide gerne, krabbelten durch Weidengänge, die nun grünbelaubt waren und besuchten die Weidenschnecke.

Man traf sich mit Brauner Bär im Vogel-Beobachtungshaus und machte die Bekanntschaft mit der schönen Goldaugen-Bremse, die sich zum Glück viel Zeit lässt, bevor sie stach.

Auf dem letzten Abschnitt gab es ein stehendes Gewässer und die stechenden Tiere nahmen überhand. Eine stach Blaue Feder sogar in den Allerwertesten. Als sie auf die offene Flur traten, flog ein Seeadler über ihnen. Der Adler begleitete sie in letzter Zeit öfters. Jugendliche hatten Spaßt mit ihren Mofas über die abgeernteten Stoppelfelder zu rasen und Blaue Feder konnte den Spaß nachempfinden.

Dann fuhren sie mit vielen Eindrücken heim, aßen Blaubeerkuchen, um am Nachmittag noch einmal gen Westen nach Neuenkirchen zu fahren zu einer feinen KunstGriff-Ausstellung ‚Zwischen den Gezeiten‘ bei Familie Wehrmeier.

Am kommenden Tag rief der Westwind sie nach Hedwigenkoog zu einer Wattwanderung. Blaue Feder fühlte sich nicht sicher auf ihren Beinen im glitschigen Watt, der Wattführer war ein ‚Schnacker‘ und so ließ sie die Freunde allein die Priele weiter draußen erkunden. Sie machte Bekanntschaft mit dem Queller, von dem ihr eine Freundin erzählt hatte. Queller ist ein Küstengemüse der Salzwiesen. Roh kann er knackig und würzig Salaten beigegeben werden. In warmen Speisen wird er nur kurz gegart und punktet mit einem saftigen Biss. Getrocknet kann er als Salzersatz verwendet werden. Sie probierte das dickfleischige Gemüse und mochte es, wenn es auch sehr salzig schmeckte.

Später fanden sich alle Freunde zum Picknick am Deich ein. Alle hatten etwas mitgebracht und die Tafel war reichlich gedeckt. Blaue Feder und Brauner Bär unterhielten sich angeregt mit Freunden, die nach Tetenbüll gezogen waren, wo sie dieses Jahr das Haus Peters entdeckt hatten. Sie verabredeten sich zu gegenseitigen Besuchen.

Ur-laub heißt bei den Schwalbenhofbewohnern immer auch viel Arbeit auf dem Hof. Diesmal stand die Scheune auf ihrem Plan. Sie hatten über das Jahr eine windschiefe Holzwand und einen wurmstichigen Holzboden entfernt und dort zwischengelagert. Ein großer Container wurde bestellt und das alte, farb-belastete Holz wurde aussortiert. Es fanden sich auch noch alte Türen und Fenster und vieles mehr. Spannend war, was sich aus alten Zeiten fand: eine alte Sonnen-Uhr, die wohl einst das Hofdach schmückte, alte Harken, ein Glückshufeisen, eine Zinnbadewanne, ein Torfgitter zum Torfbacken und sogar ein Stück alte Schiene von der damaligen Torfbahn. Sie fand eine Vorrichtung der wilden Hilde, der alten Bäuerin, aus alten Plastiktüten für eine Art Gewächshaus mit handgeschriebener Bauanleitung, die ihr Herz rührte. Nach zwei Tagen Arbeit hatte sich die Scheune gelichtet und die Tischtennisplatte konnte aufgebaut werden zum Spielen.

Während sie die Scheune ausmisteten, kam eine Libelle geflogen und setzte sich ans Scheunentor. Erst dachten sie, sie wäre erschöpft und so setzten sie die Libelle auf ein Blatt an die Insektentränke.

Doch erholte sie sich nicht mehr. Sie verschränkte ihre Beine unterm Körper und starb ganz langsam. Sie legten sie auf den Tisch und leisteten ihr immer mal Gesellschaft. Es dauerte lange, bis die letzte Bewegung aus ihr wich und sie steif wurde. Blaue Feder wurde noch einmal bewusst, wie lange eine Libelle für ihre Entwicklung von der Larve, über viele Häutungen bis zur Libelle brauchte. Je nach Libellenart dauerte diese Methamorphose Jahre, um dann ein paar Wochen durch die Gegend zu fliegen. Das berührte sie auf ihre Weise.

Am kommenden Tag schlugen sie den Weg zum Weißen Moor ein. Immer wieder verfuhren sie sich und fanden den Eingang zum Moor nicht. Sie hätten wohl an der B5 auf einem Parkplatz halten und 17 Minuten über ein Feld laufen müssen. Sie verabschiedeten sich von ihrem Moor-Besuch und entschieden sich ein Eis in Lunden zu essen. Aber die Eisdiele gab es nicht mehr. Am Ende landeten sie auf dem Geschlechterfriedhof. Brauner Bär hatte gedacht, hier würden die Männer und Frauen getrennt voneinander bestattet, doch handelt es sich bei den Geschlechtern, um die alten Bauerngeschlechter, die hier ihre Familiengrüfte anlegt hatten.

Die Atmosphäre des Lundener Friedhof nahm sie mit in die Vergangenheit. Auf dem Kirchhof erzählen 66 Grabsteine und Stelen als Zeitzeugen vom damaligen Leben der Bauerngeschlechter. Blaue Feder purzelte auch über die Legende der Fünffinger-Ulme.

Auf dem Heimweg kauften sich bei Edeka ein selbstgemachtes Eis.

Als sie heimkamen beerdigten sie die Libelle feierlich im Hochbeet, die mittlerweile ganz steif und dunkel war. Es war ein denk-würdiger Augenblick.

Eine ‚alte‘ Freundin war gestorben, still und leise. Blaue Feder zündete eine Kerze an und erinnerte sich, wie sie sich kennengelernt hatten und an all die Momente, die sie geteilt hatten. Die Kerze brannte runter und die Erinnerungen an einen schönen gemeinsamen Lebenssommer blieben in ihrem Herzen lebendig.

2 Kommentare zu „Der Tod einer Libelle – wenn der Westwind ruft

  1. Hej meine liebe Susanne… danke dir für die neuste Geschichte „vom Tod einer Libelle oder….“ du hast mich ein Stück mit genommen, war schön mit dir zu gehen💚 liebe Grüße Anja 😘

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