Der Wunderbaum im Au-Tal

Am Morgen öffnete Blaue Feder die Gardinen und wieder saß die Elster vor ihrem Fenster. Normalerweise flog sie gleich fort, sobald sie sich bewegte. Doch dieses Mal blieb sie sitzen und Blaue Feder betrachtete ihr blaugrün-metallisch schimmerndes Gefieder. Sie wusste nicht viel über die Elster. Sie wusste nur, sie war sehr intelligent. Sie konnte sogar die Menschen-Sprache lernen und sie erkannte sich selbst im Spiegel.

Blaue Feder dachte an ihr Geschichten-heil-Haus und an den Stein den sie gefunden hatte mit dem Spiegel darauf und den Worten. ‚You are beautifull‚.

Ihr kam der Impuls zum Wunderbaum zu fahren, zu dem Ort, wo er vermutlich einst gestanden hatte, jenseits der BroklandSau. Es hatte in der Nacht geregnet und noch standen die Wolken dunkel am Himmel. Deshalb zögerte Blaue Feder eine Weile. So kam auch noch der Buntspecht in den Garten und erinnerte sie weiß-rot-schwarz an die Göttin, in ihren drei Aspekten.

Unter der Woche war es heiß hergegangen. Nicht nur die Sonne hatte alles gegeben, Blaue Feder hatte auch ihrer Chefin und ihrem Chef ihre Idee mitgeteilt und diese hatte ihnen gefallen. Ihre Chefin hatte sie hinterher in den Arm genommen mit Tränen in den Augen. Es hatte sie berührt, mit welcher Überzeugung Blaue Feder ihr Anliegen vorgetragen hatte. Das war ihr selbst nicht aufgefallen, sie hatte einfach nur aus ihrem Herzen gesprochen, war dieses Mal ohne Vorwurf, mal unsicher und mal scherzhaft, aber in ihrer Vision sehr klar. Nun musste noch überlegt werden, wie es umzusetzen war. Blaue Feder war nach dem Gespräch wie leergefegt, aber in der Nacht hatte sie wunderbare Träume.

In der Nacht brach ein Freudenfeuer der Befreiung über sie herein. Ihre Seele tanzte drei Tänze – sie tanzte – schwarz – die Alte , sie tanzte – rot – die reife Frau und sie tanzte – weiß – das Kind.

Blaue Feder umarmte viele Frauen in ihrem Traum und alle beglückwünschten sie. Sie fuhr zu ihrer Arbeitsstätte und auf dem Weg winkte ihr freudestrahlend der Cousin zu und sie sah ihren Onkel betrunken, wohl stellvertretend für ihren Vater stehen. Kurz war sie irritiert, dann umarmte sie ihn, gab ihm einen Kuss und ging weiter. Sie fuhr heim und kam bei sich auf dem Hof an. Vor der Eingangstür standen einige ihrer Kunstwerke, bereit verschenkt zu werden.

Blaue Feder sah die Engelwurz-Samen auf ihrem Altar liegen und bekam den Impuls, einen Samen zum Wunderbaum zu bringen.

Sie holte ihr Pferd aus dem Stall weiß-rot-schwarz. Als sie den Staub aus seinem Fell striegelte und es sattelte, blinzelte kurz die Sonne hinter den Wolken hervor.

So kam es und nicht Barlo, wie in dem Märchen ‚Stein und Flöte‘ ritt über das Land, sondern Blaue Feder ritt über das Land. Ihr gefiel das Märchen von Lauscher, der ein Mensch war wie sie, oft in die Irre ging und dennoch immer ans Ziel gelangte. Sie hatte dem ersten Teil des Märchens gelauscht, in dem Barlo und seine Freunde, die Geschichten-Erzähler und Spiel-Leute, das Lachen und die Fröhlichkeit nach Barleboog zurückbrachten.

Am Morgen war sie aufgewacht mit dem Gedanken:

Feiere das Leben.

So ritt sie über das Land und der warme Sommerwind schmeichelte ihr. Eine grüne Libelle begrüßte sie und und sie hörte den Grünspecht lauthals singen.

Sie ritt hinaus aus ihrem Dorf ins freie Land. Am Wegesrand lachten sie das Salomonsiegel und die Weidenröschen an. Kurz stieg sie ab und schauten hinüber, dort, wo einst der Wunderbaum gestanden haben mochte auf der anderen Seite der Au und fand eine kleine Falkenfeder. Sie lenkte ihr Pferd auf die Chaussee und überquerte bei Aukrug die BroklandSau, die mit altem Namen Ullra hieß. Die Ullra lachte sie an. Eine Falkin kreuzte ihren Weg mit lautem, klarem Ruf.

Auf der Chaussee leuchteten sonnengelb der Rainfarn und Blau die Glockenblumen. In Süderheistedt lachte sie ein Schmetterling an.

Die Süderheistedter tragen die Elster und den Wunderbaum auf ihrem Wappen. Auf der anderen Straßenseite stand ein stattlicher Stier, doch fehlten ihm die Hörner. Vielleicht war jenes, das Problem – denn ohne Hörner konnte er die Inspiration der Göttin nicht empfangen.

Sie bog in den Alten Landweg ein und kam bald zu der Stelle, wo die Süderheistedter eine junge Linde gepflanzt hatten, in Gedenken an den alten Wunderbaum.

Eine Kuh begrüßte Blaue Feder und die Falkin saß auf dem Pfahl einer Weide.

Blaue Feder setzte sich unter die Linde, und öffnete ihr Herz und breitete ihre Flügel aus. Von diesem Ort konnte sie hinüber blicken zu ihrem Dorf.

Dann nahm sie einen Engelwurz-Samen und legte ihn in die Erde am Fuße der Linde auf dem Erinnerstein. Die Engelwurz würde schon ihre Wunder hier wirken, wenn sie wollte.

Blaue Feder ritt weiter. Sie erinnerte sich, wie sie das erste Mal diesen Weg entdeckt hatte. Einige Bäume bekamen damals erst Blätterknospen und nun standen sie in vollem Blättergewand. Jetzt erkannte sie die kleine Kastanie, die zusammen mit der alten Holler am Wegesrand stand und die sie damals nicht erkannt hatte.

Sie ritt ihre Runde und sah die Ullra verborgen durch das Tal fließen. Sie kam durch den kleinen wilden Wald und über den Pferdehof, wo es echte Pferde gab. Hier begegnete sie einer Elster.

Da erinnerte sie sich, vor Kurzem als sie die Freunde in Hägen besuchten, war ihr auf dem Weg ein Schild aufgefallen, mit einem Hinweis zur Österweide. Sie fragte sich, ob es sich bei der Österweide wohl um einen Baum handelte. So ritt sie weiter Richtung Norderheistedt zu der Stelle, wo sie das Schild gesehen hatte. Ihr kam der Weg zu Pferd viel länger vor, als mit dem Auto. Ein Storch aus Süderheistedt querte ihren Weg und kündigte etwas Neues an.

Dann fand sie das besagte Schild und fuhr den Alten Landweg entlang, den sie kannte. Etwa nach 150 Metern bog der Österweide-Weg rechts ab und sie fuhr ihn entlang. Hier war sie noch nie gewesen und ein Kribbeln fuhr durch ihren Körper, wie immer, wenn sie Neuland erkundete. Sie hielt Ausschau nach einer großen Weide, doch waren hier eher die Silberpappeln sehr präsent. Es gab die eine oder andere kleine Weide am Straßenrand, aber keinen alten ehrwürdigen Baum. Die Weidenröschen lachten, als wüssten sie mehr.

Heute waren die Katzen-Tiere sehr präsent, überall sah sie die Begleit-Tiere der Freya über die Wege huschen. Mal weiß, mal bunt-gescheckt und mal schwarz, als huschender Schatten im Feld der Maisgöttin.

Blaue Feder ließ sich führen. Irgendetwas gab es immer zu entdecken, wie das schöne Springkraut hinter der nächsten Kurve. Sie tauchte in seinen Duft und durfte drei Stängel mitnehmen, für eine Blütenessenz. Den wer weiß, welche Sprünge ihr noch bevorstanden. Sie dachte an den 7. Raum in ihrem Geschichtenhaus, der unter dem Motto stand: ‚Den Sprung wagen‘. Hier konnte ihr das Springkraut sicherlich hilfreich sein.

Blaue Feder kam zu einer Kreuzung mit einer eigenwilligen Bank Marke Eigenbau. Sie meinte hier schon einmal gewesen zu sein. Auf der Bank stand: A.P. 1989. Hier standen die Windräder groß, wie auch die Artemisia, der Beifuß frauengroß.

Sie ritt einen Weg entlang, der sich ihr später als Aublick vorstellte. Doch war der Au-Blick ein wenig von den Feldern der Maisgöttin verdeckt. Rechts und links blühten weiß die Schafgarben und blau die Glockenblumen. Vom Glockenklang der 1000 Glocken verzaubert, kam sie wieder zu einer Kreuzung und sie spürte, wenn sie rechts fuhr, die Au nicht mehr weit entfernt sein konnte. So kam zu einer alten Silberpappel und fragte sich, ob sie noch einmal rechts fahren wollte, zur Au hinunter.

Die Wolken hingen grau am Himmel.

Auf der Weide vor ihr saßen drei Graureiher und wie zur Verstärkung kam noch ein vierter Reiher geflogen und lockte sie den Weg hinunter. Zu viert flogen sie weiter ins Auental.

Vor ihr lag eine grüne Wiese, die gut zu begehen war. Die Fersen auf der Weide wunderten sich und dachten, sie bekämen etwas zu fressen.

Blaue Feder ließ ihr Pferd stehen und ging die Wiese entlang. Ihr Herz bubberte. Nach einer Weile stand sie an ihrer geliebten BroklandSau. Hier kam sie ganz nahe an sie heran und schön sah sie aus. Ein Kormoran hatte auf einen Stein im Wasser gesessen und flog auf. Blaue Feder entschuldigte sich, hatte sie seine Ruhe gestört.

Sie betrachtete die eigene Welt der Wasserpflanzen. Hier blühte das Pfeilkraut mit seinen spitzen Blättern, die wie Pfeile die Richtung wiesen. Es gehörte zu den Kompasspflanzen, zeigen seine Blätter bei Sonnenschein alle in Richtung Norden. Hier stand die Schwanenblumen mit dauerhaft nassen Füßen und rosa Blütenpracht am Flussufer. Hier wuchs der Froschbiss mit seinen seerosengleichen Blättern und viele andere Pflanzen, Blumen und Gräser.

Irgendwann würde sie gerne einmal mit einem Kanu die BroklandSau von der Wasserseite her erkunden. Es musste schön sein mit dem Boot auf Großmutter Ullra entlang zugleiten. Es war aber auch schön an ihrem Ufer entlang zu schlendern und mit ihr zu fließen. In dem Märchen, dem sie grade lauschte, gab es eine alte Weise, die hieß Urla, das klang ähnlich wie Ullra.

Sie floss mit der Ullra, die sich, wie eine Schlange durch das Tal schlängelte und begegnete einer goldenen Wander-Libelle. Sie schauten sich eine Weile tief in ihre Facettenaugen.

Ihr Herz hüpfte vor Freude, Schmetterlinge umschwirrten sie. Sie wurde eins mit der Ullra, die ruhig dahinfloss. Irgendwann endeten die Zäune. Dort, wo es keine Zäune mehr gab und die Ullra frei fließen konnte, dort wuchs die Engelwurz.

Am Ende hatte Blaue Feder die Wiese in alle Himmelsrichtungen umwandert. Ihre Füße und Hosenbeine waren im Nu pitsche-patsche-nass, aber das kannte sie ja schon – immer hatte sie nasse Füße, wie die Schwanenblume. Es zeigte wohl einfach ihren wahren Ursprung.

Ob es die Österweide war, durch deren feucht-grünes Gras sie gewandert war? Glücklich trabte Blaue Feder wieder heim. Das Feuer der Freude war in ihr entfacht und sie dankte Mutter Erde für diesen wunderbaren Ausflug.

Sie querte bei Aukrug wieder die Brücke über die Ullra und kam zu einem großen Brombeer-Busch. Sie aß sich satt an seinen süßen schwarzen Früchten. Dann fuhr sie heim und kam trocken, mal abgesehen von einem Paar nassen Füssen, wieder daheim an. Vier Stunden war sie unterwegs. Als sie die Tür öffnete, fing es an zu regnen.

Während sie nun diese Zeilen schreibt, holt sich eine Elster Nüsse aus ihrem Garten und Blaue Feder lächelt.

4 Kommentare zu „Der Wunderbaum im Au-Tal

    1. Danke liebe Sigrid. Ich hatte schon einmal dem Märchen ‚Stein und Flöte‘ bis zu dieser Stelle gelauscht. Nun möchte ich weiter lauschen wie die Geschichte weiter geht. Hab einen schönen Sonntag. Ich gehe wohl heute ins Atelier.

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    1. Liebe Malin, vielen Dank. Danke auch für all die Hinweise zu Fårö. Wir schauen uns das alles mal in Ruhe durch und träumen uns hinein in ein neues Abenteuer. Liebe Grüße und eins chöne Woche, Susanne

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