Verlaufen im Harkegrund oder die Winterlinde

Aurora saß in den Zweigen der Walnuß und stiebitzte sich mit ausgefeilter Technik Sonnenblumenkerne aus dem Vogelhaus.

Blaue Feder hatte die Geschichten von Nis Puk gelesen. Besonders die Geschichten von Boy Lornsen alias Adam Veilchen, gefielen ihr sehr. Ab und an schaute sie in den Garten zur alten Holler und sah, wie die Pukkengrütze nach und nach weniger wurde, wer auch immer sie aß.

Adam Veilchen war der Dichter, der in den Nis Puk-Geschichten die Abenteuer aufschrieb. Blaue Feder hatte den Eindruck, die Nissen oder Pukken waren auch nicht erst seit gestern auf dem Schwalbenhof eingezogen. Sie begleiteten sie schon viele Jahre. Wie konnte es anders sein, dass ihr immer so lustige Dinge geschahen. Sie saßen ihr wohl auf der Schulter und flüsterten ihr die Geschichten ein, gaben ihr Hinweise und Zeichen.

Es kam die Zeit der vollen Luna und Blaue Feder hatte den Eindruck, sie schien für zwei. Mächtig stand sie am Himmel. Sie war ziemlich beeindruckt. Manchmal schlief sie im Sitzen ein und gab sich hin. Sie wusste, sie würde eh den Kürzeren ziehen.

Sie hatte mal wieder einen Traum. Sie hatte geträumt der König sei tot. Sein Kopf lag in einer Schublade. Nun gab es ein Gerangel der Damen des Hofes. Es ging darum, wer nun das Reich regieren würde. Blaue Feder ließ sich von den anderen Hofdamen ein wenig zur Seite drängen. Sie wusste, es war an der Zeit, dass sie die Königin in ihrem Reich war. Manchmal ließ sie sich aber noch verunsichern.

Im zweiten Teil des Traumes spielte Boris Becker gegen Johnny Depp Tennis und wer würde gewinnen?

Wenn Blaue Feder solche Träume hatte, dann hatte es meist einen astrologischen Hintergrund. Bei Boris Becker und Johnny Depp hatte sie den Eindruck war wohl Pluto mit im Spiel. So war der Geist der Unterwelt diesmal auch am Vollmond beteiligt. Er stand in einem Spannungsaspekt zu Sonne und Mond und diese Spannung waren deutlich zu spüren.

Blaue Feder fühlte sich die Ostertage zuweilen etwas ohnmächtig. Brauner Bär hatte die Idee, dass noch ein paar Leute auf dem Hof wohnen konnten. Blaue Feder merkte, dass sie diesen Rückzugsort für sich brauchte – für ihre Kunst und für das Schreiben. Oft vertüttelte sie sich, wenn zu viele Menschen um sie herum waren. Zum Glück standen die Schwalbenhofbewohner nicht unter Druck. Liebevolles Herz kam die Tage zu Besuch und stellte die Frage mal wieder in den Raum, ob sie sich vorstellen konnten, dass noch jemand, sprich sie, hier mit wohnen konnte.

Gemeinsam fuhren sie ins Quellental zum Harkestein. Manchmal hatte Blaue Feder den Eindruck, jemand las heimlich ihren Blog und stellte dann Wege-Schilder auf. Im vergangenen Jahr hatten sie den Harkestein erst nach langem Suchen gefunden. Dieses Jahr gab es nigelnagelneue Schilder, die den Weg auswiesen.

Um den sagenhaften Stein herum, fielen besonders die vielen Stechpalmen auf, die ihren Zauber wirkten. Es gab auch eine weiß-bunte Stechplame, die ihre Aufmerksamkeit suchten.

Sie folgtem dem Lauf der Quelle, verließen den ausgewiesenen Weg und tauchten in das Quellental. Es gab eine Stelle im Wald im Übergang zum Fichtenwald, dort wo ein Quellfluss der Harke floss, dort war es auffallend lebendig. Sie hörten viele Vögel singen und sahen einige Buntspechte fliegen. Weiß-Rot-Schwarz spürten sie Anwesenheit der Erdmutter. Brauner Bär fand auch eine Feder vom Buntspecht.

Sie folgtem dem Luaf der Harke, verweilten im Schachtelhalm-Wald und fielen ganz ins Sein.

Sie tauchten tiefer in den Harkegrund. Ein Erdschlüssel öffnete ihnen das Tor. Die Erdprimel wird auch Stängellose Schlüsselblume genannt. ‚Erdschlüssel‘ hört sich schön an.

Tief waren sie in das Reich von Frau Harke vorgedrungen, die andernorts besser bekannt war, als Frau Holle. Sie mussten die Quelläufe weit umlaufen, um nicht in dem morastigen Schlamm zu versinken. Plötzlich kam ein Gefühl auf, sie hätten den Weg verloren.

Die Karte wurde herausgeholt und Liebevolles Herz zückte das Handy. So groß war der Harkegrund nicht, dass sie sich wirklich hätten verlaufen können, aber da war dieser Moment der Verunsicherung. Blaue Feder stolperte, fiel in das weiche Laub. Sie tat sich nichts, aber wieder fühlte sie diese Ohnmacht. Sie waren zu dritt und sich auf einen Weg zu einigen, war nicht so einfach.

Sie kamen zu einem Weg und folgtem ihm ein Stück. Blaue Feder freute sich, sie hatte die Stelle gefunden, wo eine Winterlinde stehen sollte, die sie schon länger gesucht hatte. Aber welcher Baum war die Winterlinde?

Sie konnte sich nicht auf das Erforschen konzentrieren, weil immer noch der ‚richtige‘ Weg gesucht wurde. Nach langem Hin-und-Her, einigten sie sich auf einen Weg und es war tatsächlich der Weg, der sie wieder auf direktem Wege zum Harkestein zurückführte. Es war der Weg mit den roten Punkten und die Freude war groß.

Blaue Feder schöpfte noch Quellwasser aus dem Harkebach. Sie wusste manchmal nicht, warum sie Dinge tat. Sie tat es einfach. Irgendwann würde sie wissen, warum.

Sie müsste noch einmal allein wiederkommen, um die Winterlinde zu besuchen. Das Abenteuer gab ihr noch lange zu Denken. Auch die Frage, welches der ‚richtige‘ Weg war. Sie selbst wäre einen anderen Weg gegangen, auf dem sie vermutlich auch zurückgefunden hätten, aber er wäre länger gewesen. Vielleicht hätten sie sich auch noch mehr verlaufen und Liebevolles Herz hätte ihre Bahn verpasst. Wer weiß, wer weiß…

Manchmal war die Sehnsucht groß, einen Weg zu gehen, der als Weg ausgewiesen war. Sich in die Wildnis ohne vorgegebenen Weg zu begeben, sich ganz der inneren Führung hinzugeben, kann zuweilen verwirrend sein. Allein mit sich, bekam es Blaue Feder ganz gut hin. Im Kontakt mit anderen, gab sie den Erdschlüssel zuweilen ab und strauchelte. Wer hatte nun gewonnen – Johnny Depp oder Boris Becker? Vermutlich zogen alle ihre Erkenntnisse aus dem Harkegrund. Da hatte Frau Harke schon für gesorgt.

Liebevolles Herz würde am Nachmittag noch ihre Bahn erreichen und sie hatten noch Zeit genug einen Kaffee zusammen zu trinken.

Am Ostermorgen saßen Blaue Feder und Brauner Bär wieder allein draußen beim Frühstück. Brauner Bär sagte aus tieftstem Herzen: „Was haben wir für ein Glück!“

Zusammen machten sie einen Osterspaziergang in den Wald. Blaue Feder holte sich Lungenkraut und setzte mit dem Quellwasser eine Lungenkrautessenz an, die sie noch ein paar Tage im Vollmondlicht stehen ließ.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s