Passion Westküste

Einen krassen Gegensatz zu einem natürlichen Flusslauf bietet der Nord-Ostsee-Kanal. Er verbindet die Nordsee in der Elbmündung mit der Ostssee in der Kieler Förde. Bereits 1895 wurden die kleinen Doppelschleusen in Brunsbüttel und in Holtenau eröffnet. Diese künstliche, von Menschhand erschaffene, Wasserstraße für Seeschiffe folgt wohl einem anderen Geist, der mehr ökonomische Prinzipien verfolgt und in erster Linie Zeit sparen soll.

Doch selten verläuft ein Lebenslauf in graden Linien wie dieser Kanal. Jedenfalls hatte Blaue Feder andere Erfahrungen gemacht und so nimmt sie Dich heute mit nach Marne. Heute fuhren sie in den Westen in das Hoheitsgebiet der Seherin, die tief nach Innen schaut.

Blaue Feder und Brauner Bär waren die Tage nach Marne gefahren, weil dort Hubert Piske eine Ausstellung im Bürgerhaus noch bis zum 23.04.2022 hatte. Die Ausstellung hieß ‚Passion Westküste‚ und zeigt wunderbare Farbholzschnitte des betagten Künstlers, den sie vor Ort antrafen. Grad fiel ihr auf, als sie sich das letzte Foto genauer anschaute, sie den Künstler im Spiegel eines seiner Holzschnitte mit abgebildet hatte.

Da die Ausstellung erst um 15 Uhr öffnete, fuhren sie vorher nach Brunsbüttel, wo sie auch noch nie gewesen. Auf der Fahrt über das platte Marschland fegte ihnen der Wind um die Ohren. In Ostrohe war es schon etwas lieblicher als hier.

In Brunsbüttel fuhren sie zur Schleuse. Sie wurden von den Saatkrähen begrüßt, die hier überall lautstark in den Bäumen nisteten. Das war ein Spektakel.

Blaue Feder erhaschte einen Blick auf die Elbe. An der Elbe im schönen Hamburg war sie einst aufgewachsen -dem weißen Fluß der Elben, der im Riesengebirge seine Quelle hat.

Nun fuhr sie oft zwischen der Großen Stadt und ihrem kleinen Dorf hin und her und querte dabei immer den Nord-Ostseekanal, der in Brunsbüttel seinen Anfang nahm oder sein Ende hatte -je-nach-dem- und mit einer Schleuse zur Elbmündung hin. Blaue Feder liebte den Moment, wenn sie über die Brücke über den Nord-Ostseekanal fuhr und jedesmal machte sie ein Foto und schickte es Brauner Bär. Vermutlich könnte sie mit diesen Fotos durch den Jahreslauf eine spannende Collage machen.

Sie schauten ein bisschen zu, wie die großen Pötte durch die Schleuse fuhren. Es war recht kühl und so machten sie sich auf nach Marne. Dort wohnte ihre Plattdeutsch-Lehrerin, die sie vorwarnte, hier gäbe es nichts zu sehen.

Doch gab es einen Ort, an dem es nichts zu sehen gab? Sie verstand aber, was ihre Plattdeutsch-Lehrerin meinte. Marne war wie ausgestorben. Viele Läden standen leer. Es mutete ein bisschen wie eine Geisterstadt an.

Blaue Feder suchte den Müllenhoff-Brunnen, von dem sie gelesen hatte. Den Brunnen fand sie nicht, aber eine Große Elster, die von der gleichen Geschichte erzählte.

Die Elster mit der Hasenmaske war Karl Müllenhoff gewidmet, der seinerzeit alle Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig Holstein zusammengetragen hat. In seinen Büchern finden sich auch Geschichten von Nis Puk.

Die Elster war eine Anspielung auf den Wunderbaum, der nicht weit entfernt von Ostrohe an der BroklandSau gestanden haben soll. Blaue Feder hatte schon zweimal von dem Wunderbaum berichtet. Die Hasenmaske hatte die Künstlerin der Elster aufgesetzt, in Anlehnung an den Karneval. Marne war nämlich die Hochburg des Karnevals in Dithmarschen. Wie es wohl in Marne zuging, wenn Karneval gefeiert wurde?

„Neben der Aubrücke bei Süderheistedt, Kirchspiel Henstedt, wo in alten Zeiten ein Hauptverteidigungswerk des Landes und feste Schanzen angelegt waren, stand zu den Zeiten der Freiheit auf einem schönen, runden , mit einem Graben umgegebenen Platze eine Linde, die im ganzen Lande nur der Wunderbaum genannt ward. Sie war höher als alle anderen Bäume weit und breit umher, und ihre Zweige standen kreuzweise, also dass niemand ihres Gleichen gewusst; bis zur Einnahme des Landes hat sie jedesmal gegrünt. Aber es war eine alte Verkündigung, sobald die Freiheit verloren wäre, würde auch der Baum verdorren. Und solches ist eingetroffen. Einst aber wird eine Elster darauf nisten und fünf weiße Jungee ausbringen; dann wird der Baum wieder ausschlagen und von neuem grün werden und das Landd wird wieder zu seiner alten Freiheit kommen.

aus Karl Müllenhoff : Sagen, Märchen und Lieder der Herzgtümer Schleswig, Holstein udn Lauenburg – 168. Der Wunderbaum in Dithmarschen

Es berührte Blaue Feder, dass sie ganz nach Marne fuhren, um an den Wunderbaum erinnert zu werden. Überhaupt fand es Blaue Feder spannend, welche Sagen und Märchen es hier vor Ort zu entdecken gab. Die Sage vom Wunderbaum empfand sie wie einen Schöpfungsmythos des Landes, der vom Frieden und von der Freiheit erzählte.

Sie konnte Hubert Piskes ‚Passion Westküste‚ ganz gut nachempfinden. Es ging ihr ähnlich mit diesem Landstrich. Seine Ausstellung war gut besucht, wohl auch, weil es einen Bericht im Schleswig-Holstein-Magazin gegeben hatte.

Blaue Feder tauchte nun tiefer und tiefer in die alten Geschichten von Nis Puk und dem Kleinen Volk hier im schönen Dithmarschen.

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