Ein stiller Ort

Ein Blauhäher rief sie am Morgen. Väterchen Frost hatte das Land in eine weiße Kruste getaucht. Die Nebel zogen über das Land. Es fühlte sich für Blaue Feder stimmig an. Es war gut, sich noch einmal zurückzuziehen und in sich zu lauschen.

Blaue Feder träumte von einem Gasthaus, in dem lauter runde Tische standen. Alle Tische waren von ihr belegt, überall stapelten sich Papiere, es herrschte Chaos. Gäste kamen, fanden aber keinen Platz. Also fing sie an aufzuräumen.

Sie tanzte mal wieder auf zu vielen Hochzeiten. Sie erzählte einer Kollegin, dass sie in letzter Zeit manchmal den ganzen Tag wie paralysiert vor ihrem Computer saß und nichts mehr tun konnte. Die Kollegin sagte, das hört sich an, wie bei dem Kaninchen und der Schlange und da fiel ihr der Traum von dem Kaninchen und der Schlange wieder ein. Die Kollegin kannte das Problem gut. Blaue Feder wusste nicht mehr, wo anfangen. Sie konnte die Flut an Arbeit bei ihrem Brot-Job nicht mehr bewältigen und fand keine Ruhe mehr für ihre Kreativität.

So setzte sie hin und malte ein Bild, dass ihr Problem bei der Arbeit beleuchtete. Sie malte einen Baum, dessen Krone immens gewachsen war, aber die Wurzeln nicht. Als sie das Bild sah, wurde ihr klar, was sich ändern musste, damit der Baum nicht umkippte.

Im zweiten Schritt nahm sie einen großen Zettel und schrieb alle Ideen auf, was sie in diesem Jahr machen könnte. Dann zerschnitt sie das Papier, faltete kleine Zettel und legte sie alle in eine Schüssel. Sie zündete sich ein Feuer an und bat um Hilfe.

Ein Geschichten-Haus wollte bespielt werden.

Ihr Haus sah mehr aus wie ein Boot und hatte 9 Räume.

So zog Blaue Feder aus ihren vielen Zettel 9 Zettel.

Auf den Zetteln standen Dinge, wie ‚weniger Computer‘ und ‚mehr Bewegung‘, aber auch anderes. Als sie die 9 Zettel las, musste sie lachen. Es fühlte sich so stimmig an, was da an Vorschlägen vor ihr lag.

Dann machte sie einen Schwellengang, das Thema ihres Geschichten-Hauses noch ein wenig mehr beleuchten.

Die Spatzen fingen gerade an, sich neue Häuser zu suchen. Es wurde Zeit, die neuen Nistkästen aufzuhängen. Sie ging durchs Dorf – die Alte an der einen Hand und die Kleine an der anderen Hand.

Unter einer Linde beim Lindenhof sah sie einen Stein liegen. Die Steine scheinen eine wichtige Rolle zu spielen.

Sie ging weiter und sammelte ein paar Eindrücke, die sie einfach mal unkommentiert stehen ließ. Jede/r konnte sich eine eigene Geschichte zusammenreimen.

Die Graugänse waren noch in Nebel gehüllt. Die Sonne war schon aufgegangen, aber hinter Nebelschwaden versteckt.

Auf dem großen Mondsee begegnete ihr wieder einem Gänsesäger. Die Nebelfrauen zogen über den See. Hinter den Nebeln sah sie manchmal das goldenen Reich aufschimmern. Dieses Reich trug sie wohl in ihrem Herzen.

Sie ging weiter und kam zu einem Ort, den sie den Tierfriedhof nannte, weil dort immer viele Knochen herumlagen. Ein Seil hing nicht an seinem Platz. Der Weg lud sie ein zu einem kleinen Abenteuer. Da war ein bisschen dieses Gefühl verbotenen Boden zu betreten, aber das Neue lockte sie.

Auf zu neuen Abenteuern – die Forscherin übernahm die Führung. Da hing ein Baum quer über den Weg. Hindernisse sind wohl normal auf dem Weg. Konnte sie drunter durch gehen oder ging sie lieber drumherum? Drumherum waren überall Brombeer-Büsche, also prüfte sie, ob er sicher verankert war und ging vorsichtig unter durch – ihr Herz klopfte.

Sie entdeckte eine Hütte – wohl ein ‚Stiller Ort‘ und am See sah sie einen Stuhl stehen – noch ein ‚Stiller Ort‘.

Sie setze sich auf den Stuhl unter einer Birke und lauschte in die Stille. Eigentlich hatte sie zur grünen Bank gewollt, aber ein grüner Stuhl war auch prima.

Sie saß hier eine Weile und tauchte in die Nebel. Neben ihrem Stuhl war ein kleiner Steinkreis, wie um eine Quelle.

Einst war hier wohl ein Garten – es war ein Privatgrundstück. Es gab hier Rhododendron-Büsche, die eigentlich im Moor nicht heimisch waren, waren diese Büsche ursprünglich sowieso wohl eher in Asien beheimatet.

Sie traute sich nicht in das Häuschen zu schauen. Vielleicht lag eine Leiche darin. Vielleicht müsste sie das mit der Freundin zusammen erforschen. Allein traute sie sich nicht, die Tür zu öffnen. Doch wer weiß, vielleicht lag auch ein Schatz darin verborgen.

Dieses Abenteuer vertagte sie und ging zurück, wieder unter dem Baum durch – ihr Herz klopfte. Am Ausgangspunkt spielten viele Blaumeisen in einem Baum und sie stellte fest, es machte Freude neue Wege zu erkunden, denn dann fühlte sie sich lebendig.

Ihr wurde klar, sie musste sich auf das Neue einlassen. Wenn sie in ihrer Schockstarre verharrte, würde sie am Ende doch noch die Schlange fressen. Im Gebüsch raschelte ein Hase. Klar war, ihr machten die Veränderungen Angst, weil sie nicht wusste, wohin die Reise ging. Sie hatte wenig Lust auf Veränderung, wenn da nicht die Neugier wäre, welcher Schatz sich in dem stillen Ort verbarg.

Wieder daheim ging sie in ihr Atelier – den Werkplatz vorbereiten – das Wochenende vorbereiten, es spielerisch einläuten. Sie wollte den Raum bereiten und schauen, was sie bereits auf ihren Wegen gefunden hatte und welche Materialien sich eignen würden ihr Geschichten-Haus zu gestalten. Sie fand Stoffe mit Rosenmustern in verschieden Farben. Der Alte Vater hatte ihr wieder eine Kiste mit Krüsch-Kram mitgebracht – viel Material ein Haus-Boot einzurichten.

Am Wochenende würden sich Frauen am Feuer treffen, um gemeinsam ihren Geschichten zu lauschen und ihre Geschichten-Häuser zu wirken. Cambra Skadé hatte eingeladen, mit ihnen gemeinsam auf die Pirsch zu gehen – tiefer in die Geschichten-heil-Kunst einzutauchen.

2 Kommentare zu „Ein stiller Ort

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