Die Hoch-Zeit des Moosvolkes

Langsam fielen sie mehr und mehr aus der Zeit. Die sternenklaren Nächte schenkten Blaue Feder ein paar Träume. Hier und dort bekam sie einen Eindruck, der vielleicht nach einem Ausdruck suchte.

Den Heiligen Abend verbrachten sie beim Alten Vater. Er hatte sich Grünkohl gewünscht und hatte Grünkohl bekommen. Es war ein geselliger Abend. Blaue Feder hatte eine Lochzange mitgebracht, mit der sie wieder neue Löcher in die Gürtel des Alten Vaters zwackte. Während sie immer runder wurde, wurde er immer weniger. So war der Lauf des Lebens. Aber er war sehr aufgeräumt und hatte die Wohnung wieder zauberhaft geschmückt. Blaue Feder bewunderte all die schönen Dinge aus alten Zeiten. Das Lieblingstück vom Alten Vater war eine Spieldose mit einer kleinen Eisenbahn, die im Kreis fuhr, während ein Lied erklang. Der Alte Vater, der nun die 90 überschritten hatte, sortierte immer mal wieder einige Dinge aus. Da Blaue Feder gerne bastelte, hatte er ihr wieder allerhand Krimskram in einer Kiste zusammengesucht.

Manchmal scheinen sich Dinge zu wiederholen und so kam wie im vergangenen Jahr, wieder einer kleiner Bär auf den Schwalbenhof.

Die kleine Bärendame mit der weißen Brust erinnerte Blaue Feder an ihr genähtes Bild ‚Born to be wild‘, das sie im vergangenen Jahr aufgehängt hatte.

In der Essenz des Bildes ‚Born to be wild‚ ging es wohl darum, dem eigenen Weg zu folgen. Sie hatte das Jahr über die Erfahrung gemacht, wenn sie ihren eigenen Impulsen vertraute und folgte, sie sich eingebunden fühlte.

Als sie nun die kleine Bärin an ihre Brust drückte, hatte sie den Eindruck, sie hatte das Thema ein wenig mehr verstanden. Die kleine Bärin war eine Kragenbärin, eine Mond-Bärin, eine Asiatische Schwarzbärin oder eine Tibet-Bärin. Sie war wohl weit gereist. Blaue Feder und die Bärenbande freuten sich über den Neuzugang und auf ihre Geschichten. Wer weit gereist ist, kann meist wunderbare Geschichten erzählen. Sie würde es wohl nicht schwer haben, sich auf dem Schwalbenhof einzuleben. Ihr Name war ‚Grizzly‘ und sie trug den gleichen Namen wie die Baumgeistin vom alten Weißdorn.

Am ersten Weihnachtstag war der Himmel blau und die Sonne lockte die Schwalbenhofbewohner raus und nicht nur sie. Sie gingen die Große Runde durch das Moor und fühlten sich manchmal wie in der Einkaufstraße der Großen Stadt. Blaue Feder fiel auf, dass alle Menschen, denen sie heute begegneten, irgendwie etwas besonderes an sich hatten. Der Fotograf sah aus wie ein zugroßgeratener Hobbit, eine alte Frau trug die Haare blau und eine kicherte nur, als sie sie trafen. Es war eine beschwingte Runde und alle wünschten sich eine Frohe Weihnacht.

Vielleicht nahmen die Rauhnächte ihren Anfang, wohnt doch jedem Anfang ein Zauber inne. Vielleicht hatten die Ostroher Landpuschen auch einfach nur Urlaub.

Über und überall glitzerte es, hatten die Sterne ihren Sternenstaub verstreut. Die beiden Landpuschen genossen die Sonne.

Sie gingen den Alten Rundweg durch das Moor. Er führte sie über den Martinssteg durch das Schilf auf den alten Weg des Moosvolkes. Der Silberreiher begrüßte sie. Er hatte hier im Schilf seinen Lieblingsplatz.

Sie tauchten durch Lichter und Glitzer in den Zauber des alten Weges.

Der Alte Weg empfing sie. Hier im Wilden Wald war immer eine besondere Athmosphäre. Das Moosvolk huschte hin und her. Sie waren aufgeregt – ein Fest war im vollen Gange. Der Hobbit-Fotograf stand völlig verzaubert und sprachlos da. Doch tauche selbst in die kleine Hoch-Zeit-Zeremonie. Braut und Bräutigam standen im Licht und alle anderen drumherum.

Verzaubert schlüpften sie am anderen Ende des Alten Weges wieder auf den Rundweg.

Tauchten in die Weite der Moorseen-Landschaft.

Die Krippe mit dem kleinen Birkenengel stand wieder auf ihrem Platz.

Am Schwanensee machten sie ein kleines Päuschen. Sie sahen ein Wesen sitzen in stiller Meditation, dort wo die Schwäne jedes Jahr ihr Nest haben. Zu seinen Füßen hüpfte ein Rotkehlchen hin und her. Am vergangenen Abend hatten sie in der Weltenkiste das ‚Kalte Herz‘ gesehen. In der Märchenverfilmung spielte auch ein Rotkehlchen eine tragende Rolle.

Ein Apfel trotzte der Winterkälte.

Auf dem See vom Alten Moormann hatten Einheimischen ein altes Ostroher Weihnachts-Ritual vollzogen – das Steine-Ditschen. Anhand der Lage und der Klänge der Steine wurde orakelt wie das kommende Jahr würde. Das Spiel konnte auch vollzogen werden, wenn das Wasser geschmolzen waren.

Sie gingen weiter ihre Runde und dann kam Freude auf. Es waren Poller in den Weg eingelassen, so dass es nicht mehr möglich mit dem Auto durch das Moor zu fahren. Am Eingang zum Moor war ihnen schon das Sackgassen-Schild aufgefallen. Das Ostroher Moor war ein Landschaftsschutzgebiet, aber kein Naturschutzgebiet und der Weg der Regenbogentänzerin wurde gerne als Abkürzung von Süderholm nach Ostrohe von rasenden Autos genutzt. Das war nun nicht mehr möglich.

Yeahhh, ein lang gehegter Wunsch wurde Wirklichkeit. So können Träume wahr werden. Das war ein wunderbares rot-weiß-gestreiftes Weihnachts-Geschenk.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s