‚Taiga‘

Es war kalt geworden im Tal der alten Ulra. -9 Grad zeigte das Thermometer an. Die ‚Halkyonischen Tage‚ hielten, was sie versprachen, eine ruhige und windstille Zeit. Ein großer Trupp Buchfinken kam in ihren Garten geflogen und fragten an, ob sie nicht ein wenig erzählen mochte, was sich hinter ihren Gardinen abspielte. ‚Aber es sind doch Rauhnächte‘, wandte Blaue Feder ein. ‚Ja, genau deshalb‘, kam die Antwort: ‚Träume vergißt Du auch schnell, wenn Du sie nicht aufschreibst. Wäre doch schade, wenn Du gleich wieder vergisst, was wir Dir zeigen.‘

Die Wintersonnenwende war schon ins Land gezogen. Blaue Feder hatte sich den Tag frei genommen und war am Morgen hinausgegangen, um in sich hineinzulauschen.

Ein kleiner Tier-Geist holte sie ab.

Im Lindenhof brannten noch die Lichter und Blaue Feder bewunderte einen Lichterbaum an der großen alten Rotbuche, der sich spiralig seinen Weg bahnte.

Es war kurz vor Sonnenaufgang und Blaue Feder würde zum Großen Mondsee gehen, um den Tag zu begrüßen. Auf dem Weg dorthin begegnete sie den Rehen und einem jungen Pärchen, das stolz erzählte, sie seien schon seit zwei Stunden unterwegs. Blaue Feder schmunzelte, hatte sie noch gemütlich im Bett gesessen und einen Kaffee getrunken. Ja, Zeiten ändern sich.

Frau Holle hatte das Land in ein zartes Weiß gehüllt und Väterchen Frost hatte ihr geholfen.

Vier Eichelhäher begrüßten sie im Moor. – Vielleicht war es die Viererbande, die auch in ihren Garten kam, um sich Nüsse zu holen. Heute gab es ein extra Portion zur Feier des Tages.

Blaue Feder begrüßte das Licht am Großen Mondsee während Luna noch am Himmel stand. Sonne und Mond standen sich gegenüber und webten ein neues Band in Blaue Feders Herz.

Am Himmel sah sie erst einen Graureiher fliegen und dann einen Silberreiher.

Die Graugänse versammelten sich an der Ulra und Blaue Feder hörte sie in der Ferne feiern und lachen. Der Akku ihrer Kamera war leer und sie musste schmunzeln. Der Winterläufer ging seine Runde mit seinen Hunden. Das junge Pärchen war umgedreht, kannten sie wohl den Alten Rundweg durchs Moor nicht.

Blaue Feder folgte dem Winterläufer. Sie wollte dem Fest der Graugänse zuschauen. Sie tauchte ins Winterwonderland bis auch der Akku ihres Handy leer war. Wieder musste sie grinsen.

Vermutlich konnte sie die Schönheit weder in Worten noch in Bildern festhalten. Sie konnte nur in sie eintauchen, sie erleben und spüren wie alles anfing in ihr zu grinsen. Freude war in ihrem Herzen. Sie sah in der Ferne die Graugänse sich in großen Scharen an der Ulra sammeln und wünschte ihnen ein schönes Fest.

Wieder daheim gab es ein leckeres Frühstück und dann heizte sie ihr Atelier ein.

Ihr fielen ein paar Schmetterlinge in die Hände und so entspann sich ihr kleines Ritual. Sie stellte die Schmetterlingsdose in die Mitte, umringt von ein paar Teelichtern. Sie räucherte so doll, das der Feuermelder Alarm schlug. So nahm sie das Räucherwerk und ging einmal durch den ganzen Schwalbenhof. Irgendwann gab auch der Feuermelder wieder Ruhe.

Dann probierte sie das Touch-Painting aus. Sie rollte die wasserlösliche Ölfarbe auf einen glatten Untergrund aus und legte ein Seidenpapier darauf. Dann fing sie an mit den Händen zu malen. Sie malte das Schilf und den Mond am Großen Mondsee.

Den ersten Abdruck fand sie nicht so spannend – aber den Zweiten.

Sie setzte sich vor ihr BiId und sie hatte den Eindruck, es zeigte sich ihre Katze in dem Bild. Vielleicht siehst Du auch etwas anderes.

Sie hatten sie ‚Tiger‘ genannt, doch hatten sie ihren Namen wohl nicht recht verstanden, denn hieß sie in Wirklichkeit ‚Taiga‘. Vermutlich konnte sie viel erzählen von den Nadelhölzern. Mit ihr wehte der Nordwind den Duft der borealen Nadelwälder herüber. Sie nahm Blaue Feder mit in dichte, undurchdringliche, sumpfige Wälder, wie auch in karge mongolische Bergwälder. Sie roch harzig nach Fichten, Kiefern, Tannen und Lärchen. In ihrem Fell spiegelten sich die Birken und sah Blaue Feder Teppiche aus Moosen und Flechten, verwoben im toten Holz. In ihren Augen tauchte sie in den weiten Raum.

Blaue Feder war tief berührt von dem, was sie sah. Sie wusste nicht so genau, wer da vor zwei Jahren zu ihr gekommen war. Sie wusste nur, sie konnte viel von ihr lernen. Gerade jetzt in der kalten Zeit, schlief Taiga viel und gab sich ihren Träumen hin. Von ihr lernte sie, es gab Zeiten zum Jagen, Zeiten zum Spielen, Zeiten zum Kuscheln, Zeiten zum Träumen und Zeiten zum Schnurren. Von ihr konnte sie lernen loszulassen und einfach dazusein. Stundenlang schauten sie zusammen aus dem Fenster und wunderten sich, was sich alles im Garten abspielte.

Zusammen sahen sie das Rotkehlchen dick aufgeplustert im Baum sitzen, sein Winterlied singen.

3 Kommentare zu „‚Taiga‘

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