Wenn Schmetterlinge im Winter fliegen

Die volle Luna stand am Himmel. Sie hatte Blaue Feder geweckt und nun konnte sie nicht wieder einschlafen. Es war schön sie mal wieder am Himmel zu sehen. Lange Monate hatte sie sich hinter den Wolken versteckt, war zu spüren, aber nicht zu sehen. Sie setzte sich im Bett auf, schnappte sich ihr Tagebuch und fing an zu schreiben.

Tagsüber hatte sich auch die Sonne nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder blicken lassen und Blaue Feder war losgezogen ihre Vollmond-Botschaft einzusammeln.

Die alte Holler rief sie und so schlug sie den Weg zum Wald ein. Eine Fichte lachte sie an. Wenn Fichten frei stehen, konnten sie sehr groß und ausladend sein. Mit den Fichten war Blaue Feder noch nicht wirklich per Du. Manchmal hatte sie Schwierigkeiten alle Nadelbäume voneinander zu unterscheiden. Die Fichte erkannte sie am ehesten an ihrer rötlichen Rinde, nach der sie auch Rot-Tanne genannt wurde.

Am Orstausgang fiel ihr Blick in eine Garage. Da stand ein Schmetterling neben einer Eule, die ihr zuzwinkerte.

Die Runde fing ja lustig an. Sie ging die Ostroher Baumallee entlang. Die Sonne blendete sie manchmal und die Bäume schlugen lange Schatten. Sie hörte Enten auf dem Geheimen See quaken, doch war ihr Ruf nicht so, dass sie ihm nachgehen wollte.

Sie nahm lieber den kleinen Pfad, der zur Weißdorn-Schule führte. Durch ein Weißdorn-Tor trat sie ein und begrüßte ihre Lehrerin, die alte Holler.

Die Holunder-Pilze oder Judasohren luden sie ein zu lauschen.

Die Sonne wog sich in den Armen der Fichten.

Rücken an Rücken stellte sie sich zur alten Holler, schloss die Augen und lauschte. Es wehte ein leiser Wind und er ließ die Fichten tanzen. Es hörte sich an, wie die Brandung des Meeres. Blaue Feder tauchte in das Meer, in das Auf und Ab der Wellen. Sie lauschte dem Rhythmus von Einatmen und Ausatmen.

Normalerweise fuhr sie zur Wintersonnenwende gerne ans Meer, um genau diesem Rhythmus zu lauschen. Dieses Jahr hatte sie den Impuls daheim im Atelier zu bleiben und zu malen. Wie, um sie an ihr Vorhaben zu erinnern, hatte die Heizung in ihrem Atelier ein Leck und sie musste die Heizungsmonteure rufen, die wie durch einen Zufall gleich um die Ecke zugange waren. Das Leck war zum Glück schnell gelötet und die Monteure ließen die Heizung laufen, damit der Holzfußboden trocknete.

Blaue Feder fiel auf, wie unaufgeräumt ihr Atelier war. Da nun eh eingeheizt war, würde sie es heute noch aufräumen, damit sie morgen dort in die Stille tauchen konnte, um ihre neuen Farben auszuprobieren. Durch ihre Freundin war sie auf eine neue Maltechnik gestoßen „Soul-Touch-Drawing„. Sie wollte es mal ausprobieren. Nun sah sie, sie hatte 13 Farben bestellt – vielleicht würde sie auch in den Rauhnächte ein wenig malen.

Sollte ihr das Meer fehlen, konnte sie zum kleinen Fichtenwald gehen und hier dem Meresrauschen lauschen. Der kleine Wald, der manchmal düster wirkte, war heute mit Licht durchflutet. So schlüpfte sie nach einer Weile des Lauschens hinein.

Auf dem Boden lagen überall kleine Fichtenzweige. Sie sammelte einen kleinen Beutel voll ein, für ein Fichtennadel-Bad. Sie würde sie einfach abkochen und mit einem Schuß Milch und Honig ins Badewasser geben. Momentan war ihr manchmal nach einem klärenden Kräuterbad.

Aber allein den Duft der Fichten einzuatmen, entspannte sie. Sie atmete tief ein und aus und fing an zu Gähnen. Sie sah nach oben, sah um sich rum die Fichten tanzen und fühlte sich geborgen.

Hier und dort hatten Tiere ein paar Zapfen in die Borke von Baumstümpfen gesteckt, um besser an die Samen heranzukommen. Überall lagen Fichtenzapfen auf dem Boden und rote Rindenteile. Die Erde lag weich unter ihren Füßen.

Sie ging wieder hinaus, verabschiedete sich von den Fichten und bedankte sich für die Zweige. Im Schlehengang begegnete sie einem kleinen schwarzen Käfer, der sie an ihren Skarabäus erinnerte.

Alle paar Tage brachte sie der Tenebrosus Henne ein paar Körner – so auch an diesem Tag. Sie hatte die dunkle Henne nicht wiedergesehen, aber die Körner verschwanden und, wer auch immer sie sich holte, hinterließ ein paar Kotspuren.

Plötzlich flog ein Schmetterling an Blaue Feder vorbei, den Ziegenweg entlang. Es war wohl ein Pfauenauge oder ein Kleiner Fuchs. Selten sah sie im Dezember Schmetterlinge fliegen. Vielleicht hatte die warme Sonne ihn geweckt. Vielleicht entdeckte er seinen Frühlings-Irrtum und verschwand gleich wieder in einem Stapel Altholz.

Sie kam zum kleinen Wilden Wald, hier, wo sie im Dickicht einst den alten Weißdorn entdeckt hatte und sich ihr Herz öffnete. Sie begrüßte die Alte vom Weißdorn und schaute in den Wald. Wie war sie damals entsetzt gewesen, als der Alte Mann anfing, den Wilden Wald aufzuräumen und neue Bäume zu pflanzen. Nun war etwas Zeit vergangen und Blaue Feder sah das Vorhaben des Alten Mannes, der wie sie, mit den Bäumen sprach, mit anderen Augen. Sie freute sich, dass er hier viele verschiedene Bäume gepflanzt hatte. Zuletzt hatte er sogar ein paar Blaubeerbüsche gepflanzt und die liebte Blaue Feder über alles.

Wenn sie die Augen schloss und ein bischen in die Zukunft schaute, dann sah sie den Mischwald, der hier entstehen würde. Der Alte Mann war wohl seiner Vision gefolgt – nicht für sich, denn er würde es nicht mehr miterleben, wie der Wald wuchs, aber vielleicht seine Enkelkinder.

Hier hatte ihre Forschungsreise einst begonnen. Sie setzte sich auf die Bank und die Alte vom Weißdorn setzte sich zu ihr.

Sie schloß die Augen und ging auf eine kleine Reise. Zuerst sah sie einen großen Schwarm von Schmetterlingen immer und immer wieder um Mutter Erde kreisen. Sie luden sie ein mit ihr zu fliegen. Alle waren damit beschäftigt, etwas zu tun. Es war ein geschäftiges Treiben. Sie sah auch Delphine in den Meeren von Mutter Erde spielen. Da war ordentlich was am Gange.

Dann änderte sich die Szene und sie saß in der Dunkelheit. Es war nicht unangenehm, einfach nur dunkel. Sie sah Mutter Erde immer noch in dem weitem Raum in ihrem Herzen und sie fragte, was sie tun könne.

„Sei einfach da und halte den Raum. Tauche in die Stille und sei einfach da.“

Sie spürte eine große Präsenz, indem sie einfach still saß.

Kurz vor Ende ihrer Meditation kam ein großer Blauer Schmetterling mit einem Licht auf sie zu und verschmolz mit ihr. Dann sah sie viele Schmetterlinge in allen Regenbogenfarben rund um Mutter Erde und sie sah wie alle Farben des Regenbogens Mutter Erde durchwebten. Sie sah aus wie ein buntes Wollknäuel – nur aus Lichtfäden. Das sah wunderschön aus.

Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie den Eindruck, die dunkle Phase, war wohl das, was wir gerade erleben. Da sie wenig Ahnung hatte, was sie tun konnte, würde sie einfach in die Stille tauchen und den Raum halten. Sie würde ihr Herz öffnen und die Neue Zeit in ihr Leben einladen.

Blaue Feder spürte eine große Leichtigkeit und Freude.

Sie verabschiedete sich von der Alten vom Weißdorn und sah ein Rotkehlchen sitzen und es sagte – wie immer : „Höre auf Dein Herz.“

Sie kam heim und der Skarabäus baumelte in ihrem Fenster. – Was wohl die Inschrift bedeutete?

Der Alte Vater hatte mal wieder bei sich aussortiert und Brauner Bär eine Kiste mit allerhand schönen Dingen mitgegeben, alte Butterformen und so. Darin fand Blaue Feder ein kleine Keramik-Dose, die Oma Anni einst getöpfert hatte. Darauf war ein Schmetterling abgebildet. Als sie das Kleinod entdeckte, freute sie sich, wie ein Kind sich eben freut.

Wer weiß, vielleicht hatte Blaue Feder ihr Halkyonisches Ei schon geschenkt bekommen. Sie war gespannt, was rausschlüpft.

Dann konnte sie ja jetzt ihr Atelier aufräumen und den Malplatz vorbereiten, damit sie die Wintersonnenwende und die Rauhnächte dort in Stille sein und malen konnte.

Am Morgen ruhte sich die Mondin in den Zweigen des Ostroher Tannenbaumes von ihrer nächtliche Himmelfahrt aus. Der Ostroher Tannenbaum war wohl keine Fichte, sondern eher eine Weißtanne. Blaue Feder war ein bisschen müde, aber igendwie auch innerlich ruhiger. Vielleicht hatte ihr das Bad in den Fichtennadeln gut getan.

2 Kommentare zu „Wenn Schmetterlinge im Winter fliegen

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