Auf alten Elefanten-Pfaden

Sie fragte sich, ob es vielleicht eine Yoga-Übung gab, die ‚Elefant‘ genannt wurde und sie wurde fündig. Wenn Du Dich aus dem Stand langsam, Wirbel für Wirbel nach vorne abrollst, eine Weile hängen lässt und Dich dann vorsichtig Wirbel für Wirbel wieder aufrollst in den Stand, dann übst Du Dich im Elefanten. Wenn Du erschöpft bist, dann kann Dir diese Übung helfen, so wurde es gesagt. Blaue Feder würde es einmal ausprobieren.

Sie hatte gerade ein wunderbares Buch von Petra Elsner ‚Wallos seltsame Reise‚ gelesen. Die Geschichte von Wallo, der Seele einer Walnuss, die ihren Baum verlassen muss und die wunderbaren Illustrationen gefielen ihr sehr und schon war sie wieder auf dem Baum-Tripp!

Die Sonne war nun in den Schützen weitergewandert und tauchte alles in ihr schönes Licht. Ein kleines, wildes Hornveilchen lachte sie auf dem Hof an. Eigentlich lieben es Hornveilchen gesellig, doch dieses stand für sich allein.

Die Schwalbenhofbewohner entschieden sich an die Westerau zu fahren, dort wo Blaue Feder einst den Elefanten entdeckt hatte. Dort, wo sie im vergangenen Jahr, in der dritten Rauhnacht, die gerne etwas Neues in das Leben bringt, den Mühlenteich mit dem Baum-Lehrpfad fanden. Sie hatte viele Bäume in diesem Jahr näher kennengelernt und sie waren zu allen Jahreszeiten in den Auenwald gekommen. Vermutlich würde Blaue Feder im kommenden Jahr einfach weiter ihren Weg mit den Bäumen gehen, weil sie noch so wenig von ihren neuen Freunden wusste. Schon flatterten wieder die Angebote für die Rauhnächte und die Adventszeit herein. Manchmal war es schön und stimmig mit anderen zusammen den Ringzauber oder die Rauhnächte zu begehen, doch diesmal hatte sie den Impuls, allein zu gehen. Sie würde einfach schauen, was ihr begegnete.

Am Mühlenteich tauchten sie in die Buchenblätter, die sich golden im Wasser spiegelten. Nach den grauen Regentagen war das eine Wohltat.

Am Himmel hörten sie bekannte Geräusche. Ein Trupp Kraniche zog über das Mühlental. Beim Anblick der Kraniche hob sich gleich ihre Laune. Meist waren sie Vorboten von etwas Schönem.

Sie gingen die Westerau entlang, hinein ins Auental.

Das Buchenlaub tauchte den Wald in sanfte Goldtöne. Sie lauschten dem Glucksen der Westerau.

Das Glück lag irgendwo zwischen Himmel und Erde.

Blaue Feder besuchte ihren kleinen Thron bei der Elefanten-Insel. Er hatte etwas Pilze angesetzt. Sie hatte den Eindruck, der Elefant war noch ein Stück mehr der Au entstiegen.

Gleich bei ihrem Thron stand ein Baum, den hatte sie vorher nie so wahrgenommen. Als sie hochblickte, erkannte sie, es war eine Hainbuche. Woher wusste sie das? Sie hatte sich diese Woche das Weihnachts-Sonderheft von der LandLust gekauft, weil da immer so schöne Gestaltungs-Ideen drinnen waren. Da war ein Zweig der Hainbuche abgebildet und sie hatte festgestellt, dass sie die Hainbuche und ihre Früchte garnicht kannte.

Hainbuchen sind nicht, wie man meinen könnte, mit der Rotbuche verwandt, sondern stehen in verwandschaftlicher Beziehung zu den Birken. Sie sind ebenfalls einhäusig und haben Kätzchenblüten. Ihre Früchte ähneln ein wenig denen, vom Ahorn. Wobei immer acht Paare einen kleinen Tannenbaum bilden. Deshalb sind sie wohl so beliebt, als Weihnachtsschmuck. Sie kuschelte sich an die Hainbuche und schloß für eine Weile die Augen. Sie freute sich, nun auch ihre Bekanntschaft zu machen.

Mit geschlossenen Augen hörte sie Buntspechte trommeln und sie erinnnerten sie wieder an ihren eigenen Rhytmus. Wann hatte sie ihren eigenen Rhythmus verloren? Seid einiger Zeit war Blaue Feder irgendwie aus ihrem innerem Takt geraten.

Als sie die Augen wieder öffnete, flogen ein paar Samen wie Hubschrauber in Kreiselbewegungen vom Himmel direkt vor ihre Füße. Dort lag ein Ast mit Hainbuchensamen-Tannenbäumchen und den bekam sie geschenkt. Sie freute sich und bedankte sich. Irgendwie gab es doch noch so einige Bäume zu entdecken.

Und wie es denn so ist, wenn sie erst einmal einen Baum kennengelernt hatte, zeigten sich die Hainbuchen plötzlich überall. Sie haben schon eine sehr besondere Rinde mit Maserungen und weißen Flecken. Zu den Wurzel bilden sich oft Wülste. Sie sind schon sehr eigen, was ihren Wuchs angeht.

Sie zeigte Brauner Bär ihre Entdeckung und zusammen entdeckten sie noch viele Hainbuchen. Es war hier wohl ein richtiger Hainbuchen-Hain. Da war sie wieder die Begeisterung, die ihr für einen Moment abhanden gekommen war. Auf dem Rückweg trafen sie auf eine Familie mit einem kleinen Mädchen. Das kleine Mädchen ging voraus und sagte: „Ich bin die Führerin, ich gehe voraus. Passt auf, da kommen zwei Menschen!“ Das kleine Mädchen grinste Blaue Feder wie ein Honigkuchenpferd an und Blaue Feder grinste zurück.

Da dämmerte es Blaue Feder, irgendwie hatte sie die Führung abgegeben und sie fragte sich, wann das geschehen war? Sie war im Fluß, wenn sie ihren eigenen inneren Impulsen folgte und wenn sie noch so schräge waren. Sonst verschwand irgendwie die Freude. Sie entdeckte die Natur auf ihre Weise. Es war nicht immer alles richtig, was sie so herausfand, aber aus ihren Fehlern lernte sie oft am meisten, weil sie es sich dann besser merken konnte. Als sie das erste Mal in den Auenwald tauchte, hatte sie die Hainbuchen für Ulmen gehalten. So what, das hatte ihrer Begeisterung keinen Abbruch getan und die Hainbuchen waren nicht böse, weil sie es eben nicht besser wusste. Aber sie hatte sie wahrgenommen und sich mit ihnen angefreundet. Sie war dem Stern der Freude gefolgt und hatte ihr inneres Kind spielen lassen. Vielleicht hatte ihr die Mondfinsternis das Thema noch einmal auf’s Butterbrot geschmiert?

Im Auenwald standen Rotbuchen und Hainbuchen beieinander. Ihre Blätter sehen sehr ähnlich aus. Doch schaute sie genauer hin, dann waren die Rotbuchenblätter glattrandig und die Hainbuchenblätter hatten kleine Zacken.

Am Waldboden ließen sich bei genauerem Hinsehen noch mehr spannende Sachen entdecken, wie Pilze deren Namen sie ’noch‘ nicht kannte.

Goldene Blätter im Schlammtümpel begeisterten Brauner Bär.

Der Schatz trug auch den Hainbuchen-Schatz nach Hause – er sollte ihn nur kurz mal halten!

Als sie den Wald verließen, erstrahlte der Auenwald noch einmal im schönsten Licht. Kurz daruf, als sie im Auto saßen, fing es heftig an zu regnen. Sie hatten mal wieder Glück gehabt.

Brauner Bär fragte sich, ob auch am Mühlenteich Hainbuchen standen. Gleich dort, wo sie ihre Wanderung begonnen hatten, am Parkplatz stand eine. Die hatte Blaue Feder schon zu Beginn angelacht und nun wusste sie warum.

Was haben nun Hainbuchen und Elefanten gemeinsam? Gab es überhaupt einen Zusammenhang? Vielleicht hatte sich ihre Seele den Trick mit dem Elefanten-Yoga nur ausgedacht, damit sie wieder in die Spur kam. Ihre Rinde erinnerte Blaue Feder ein wenig an Elefantenhaut. Sie las, dass die Bachblüte Hornbeam bei Erschöpfung gegeben wird. Ähnlich sollte auch die Wirkung der Elefanten-Yoga-Übung sein.

Blaue Feder hatte im Auenwald nicht die Ruhe mit der Hainbuche tiefer zu tauchen. Aber im Dorf stand eine Hainbuche. Die würde sie einmal besuchen. Den Zweig würde sie sich als Weihnachtsdeko in ihrem Zimmer aufhängen.

Nach dem Spaziergang holte sie sich noch ein paar Zweige aus dem Garten. Dabei stellte sie fest, auf dem Nachbargrundstück wuchsen auch viele Hainbuchen und tatsächlich wuchs auch auf ihrem Grundstück an der Grenze zu den Nachbarn eine Hainbuche – mal abgesehen, von der zweimeterhohen Weißbuchenhecke, die den Süden ihres Gartens begrenzte.

Hainbuchen werden auch Hagebuchen genannt und bringen damit die Zaunreiterinnen ins Spiel, die Hagazussen. Der Hag, die Hecke, bildet die Grenze zur Wildnis und die Zaunreiterinnen haben wohl die Fähigkeit in beiden Welten zu leben.

Sie fing an einen Stern zu basteln. Er würde sie daran erinnern, wieder mehr ihrem Stern der Freude zu folgen.

Hier kannst Du die Reise von Wallo, der Baumseele lesen https://www.schorfheidewald.de/marchen-geschichten/wallos-seltsame-reise/ – oder Dir das Buch von Petra Elsner besorgen.

2 Kommentare zu „Auf alten Elefanten-Pfaden

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