Mit dem Wind

Am Morgen spiegelte sich ihr Zimmer in der Walnuss, die vor ihrem Fenster stand.

‚Aurora‘ hatte die Tage noch die letzten Walnüsse geerntet. Die Walnuss war nun wie leergefegt.

Für Blaue Feder war nur eine einzige Nuß übrig geblieben. So war es jedes Jahr und es war gut so.

Sie hatte die Tage ihr Bild von ‚Aurora‘ verkauft und auch ‚Das kleine Gänseblümchen ganz Groß‘ hing nun bei einer lieben Frau an der Wand.

Der Eichelhäher konnte das große Aufheben wegen der Walnüsse nicht verstehen. Er stand mehr auf Erdnüsse.

Am Wochenende hatte Blaue Feder Besuch von einer Künstlerinnen-Gruppe. Es war schön mit den Frauen und sehr vertraut, als würden sich alte Freundinnen wiedertreffen. Vielleicht war es so. Erst saßen sie unter ‚ihrer‘ Eiche und dann gingen sie gemeinsam durch die Ausstellung. Alle Kunstwerke wurden noch einmal liebevoll gewürdigt. Hinterher gab es lecker Kuchen und inspirierende Gespräche.

Sie hatte zur Feier des Tages einen Kranz aus Hortensien geflochten. Die Bauernhortensien sehen immer sehr schön aus im Garten, wenngleich sie als Bienenweiden wenig hergeben. Da sind die Rispenhortensien reicher an Nektar. Sonst zupfte Blaue Feder im Herbst die Blüten einfach ab. Aber vor Kurzem hatte sie einen Film von einer Blumenfrau gesehen, die einen Kranz aus Hortensien flocht. Ihr botanischer Namen Hydrangea leitet sich wohl aus dem Griechischen ab und bedeutet soviel wie „Wasserkrug“.

Endlich hatten sie auch ein neues Herbstplakat aufgehängt. Die kleine Eichelelfe hatte es in den Schaukasten geschafft.

Die Frauen ließen den Tag gemeinsam am Großen Mondsee ausklingen und die schönen Begegnungen klangen in Blaue Feder nach.

Am kommenden Tag löste sie die Ausstellung auf. Es wurde jetzt zu kühl und feucht im Kuhstall. ‚Heartly, the Dragonfly‘ bekam einen warmen Platz an der Heizung im Atelier. Das Birkenmädchen hängte sie unter die Eule. Eigentlich war es der Freundin versprochen, doch hatte sie sich umentschieden. So blieb das Birkenmädchen bei ihr und das fühlte sich auch stimmig an. Nach und nach fanden alle Werke einen Platz in den Räumen des Schwalbenhofes. Einige würde sie mit in die Große Stadt nehmen. Sie hatte sich entschlossen, eine Ausstellung in dieser Form erst einmal nicht wieder zu machen. Ein anderes Projekt klopfte an und brauchte wohl ihre ganze Aufmerksamkeit.

In der Nacht hatte es gestürmt und geregnet. Blaue Feder hatte im Traum etwas losgelassen. Es war ganz einfach im Traum gewesen – nur hatte sie, als sie aufwachte, vergessen, was es war. Also ging sie heute ihre Runde mit der Frage, was sie noch loslassen wollte. Sie ging mit dem Wind und schaute wohin er sie wehte. Auf dem Hof lachten sie die Frauen im Kreis an und Eine, die war für sich alleine. Sie sah dabei sehr zufrieden aus. Schloss das Eine, das Andere aus?

Auf dem Weg fand sie einige Kastanien, die sie an Kindertage und allerhand gebastelte Kastanien-Tiere erinnerte. Sie sammelte ein paar Kastanien ein. Sie hatte sie gerne als Handschmeichler in ihrer Tasche liegen.

Gleich auf der Allee lachte sie das Salomonsiegel an. Schon länger einmal wollte sie eine Wurzel ausgraben, hatte sich aber nicht getraut. Heute tat sie es einfach. Ihre Knie schmerzten, als sie sich hinkniete und vielleicht konnte ihr genau dafür ein Tee aus Salmonsiegel helfen. Sie nahm einen Stengel, der schon die Früchte abgeworfen hatte. Sie kam sich komisch dabei vor, als würde sie etwas Verbotenes tun. Für sie war der Salomonsiegel eine Pflanze der Neuen Zeit. Sie hatte sehr viel Respekt vor dieser Pflanze. Während seine Blätter leicht und seine Früchte recht giftig waren, ist seine Wurzel ein Wunderwerk der Natur. Als sie die weiße Wurzel ausgrub, kam ihr ein Bild von einem Lichtnetz der Heilung, das sich über die ganze Erde ausbreitete – ein Netzwerk wie beim WorldWideWeb

In dieser Woche war der Installateur für das Glasfasernetz gekommen. Wenn sie das alles mit dem Router hinbekamen, dann hatten sie wohl bald ein schnelles Internet auf dem Land. So wichtig war ihr das nicht, aber für Brauner Bär konnte es interessant sein. Vielleicht konnte er so auch von Zuhause aus arbeiten.

Auf dem Weg zum Schlehengang schaute sie in den Spiegel einer Pfütze und sah einen Wassertropfen seine Kreise ziehen. Daneben stand ein Spindelbaum und lachte sie mit tropfnassen Pfaffenhütchen an.

Auf der Beifußwiese standen pitschpatschenaß die beiden alten Pferde der Amazone. Sie hatten einen Stall zum Unterstellen, aber vielleicht gefiel ihnen das Regenbad und sie schruppten sich gegenseitig das Fell. Wie gut, dass sie nicht alleine waren.

Im Schlehengang begegnete Blaue Feder heute den drei Großen Spinnerinen – ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft:

Was gewesen ist, ist gewesen! Was ist, das ist! Was sein wird, wird noch gesponnen!

Blaue Feder hatte den Eindruck, für sie war es wesentlich ganz in ihre Gegenwart zu tauchen; in das Jetzt. Sie besuchte ihr Spindelbäumchen und freute sich über ein paar neue Blüten und sie schaute sich noch einmal das Zeichen ihrer Freundschaft an.

In der Nähe des Spindelbäumchens fand sie mehrere abgebrochene Stöcker von einem Holunder. Einer sprach sie an und sie nahm ihn mit. Mit ihrem neuen Wanderstab stapfte sie durch den Buchenwald und tauchte ein wenig in das Reich der Pilze. Sie vergaß die Zeit und schaute, was es alles unter dem Buchenlaub zu entdecken gab. Wir sehen ja nur die Fruchtkörper der Pilze, aber auch sie sind unterirdisch über ein großes Netzwerk verbunden. Schloß Blaue Feder die Augen, konnte sie auch dieses Netz sehen, dass sie mit jedem, ihrer Schritte berührte.Wenn sie bei der Alten Holler saß, hörte sie oft Kinder im Buchenwald spielen und nun lief sie selbt mit ihrem Stock durch den Buchenwald und spielte Entdeckerin.

Sie begegnete heute auch anderen Spindelbäumchen, die wesentlich üppiger blüten, als ihre Freundin.

Dann rief sie der Fuchsloch, der auch Voßberg genannt wird. Sie kletterte die 10 Stufen hinauf und landete wie immer, in einer anderen Welt.

Sie begrüßte die alte Eiche, lehnte sich mit dem Rücken an sie und tauchte in ihre Welt. Mit ihrem neuen Hollerstock sah sie wieder, wie alles lebendig miteinander verbunden war, ob Bäume, Pflanzen, Vögel, Tiere, Menschen und sie mittendrinnen. Mit dem Stab in ihrer Hand, sah sie heute sogar den Fuchs durchs Unterholz schleichen. Auf dem Fuchsloch stand besonders viel Salomonsiegel. Dieser kleine Berg war ein sehr lebendiger Ort.

Sie besuchte noch die Alte vom Weißdorn im wilden Birkenwald und setzte sich mit ihr auf die Bank. ‚Heartly, the Dragonfly‘ gesellte sich zu ihnen und so waren sie schon zu Dritt. Ein Schwarm von Schwanzmeisen tanzte um sie herum und nun waren sie Viele. Blaue Feder fiel auf, dass sie schon den ganzen Tag von Meisen begleitet wurde. Diese zarten Wesen sind neugierig, lustig und lebendig Sie haben ein liebevolles Wesen, sind aber auch leicht zu erschrecken. Von ihrem Wesen her, war Blaue Feder ihnen wohl ähnlich. Ihre Welt mußte behütet und beschützt werden. Sind wir uns selbst eine liebevolle Mutter, kann unser inneres Kind frei spielen und Blaue Feder liebte es zu spielen. Sie tauchte ganz in die Leichtigkeit und Lebendigkeit der Meisen.

Sie stapfte weiter mit ihrem Wanderstock und bestaunte die Spiegelungen auf dem Schlangensee, die wie schwerelos im ruhigen Wasser schwebten.

Egal, wo der Wind sie heute hinwehte, sah sie, wie alles miteinander vernetzt war und wie sie ein Teil dieses Netzwerkes der Liebe war. Sie musste nur dafür sorgen, dass ihr inneres Kind frei spielen durfte und keiner es erschreckte, denn dann war sie glücklich. Leise hörte sie Großmutter Holle lachen und sie spürte, sie war es zufrieden.

Am Ende ihrer Reise stand sie am Ringreiterplatz vor einem großen runden Fliegenpilz mit weißen Punkten auf rotem Grund. Mit dem Fliegenpilz fing ihre Reise an.

War sie mit einer Frage losgegangen, hatte sich diese, wie im Traum mit dem Wind spielend einfach aufgelöst.

2 Kommentare zu „Mit dem Wind

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