‚Halkyone Days‘

Der Westwind war kräftig über das Herbst-Land geweht. Doch mit den dunklen Nächten des Neumondes kehrte Stille ein. Die Nächte waren schon recht kühl und die Natur zog sich langsam zurück. Ein Maulwuf grub seine unterirdischen Gänge durch den Garten. Hier und dort lugte er, ohne gesehen zu werden, mal aus einem Erdhügel hervor. Ab und an stieß er sich vielleicht den Kopf an einer Wand. Der Maulwurf erinnerte sie, wie sich die Göttin nun langsam anschickte, ihre unterirdischen Gemächer zu beziehen.

Mit der Neuen Mondin entschied sich Pluto, der sich in der Unterwelt gut auskannte und der, aus einer Laune der Natur seit Ende April rückwärts lief, nun doch wieder vorwärts zu schreiten. Wer schon einmal rückwärts durch die Natur gegangen ist, weiß, dass sich die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet, anders anfühlen. Du wirst automatisch langsamer und achtsamer, weil Du sonst Gefahr läufst, irgendwo gegen zu laufen. Wenn Planeten rückwärts laufen, beleuchten sie bestimmte Themen noch einmal besonders. Blaue Feder schaute noch einmal, was sie in dieser Zeit beschäftigt hatte. Immer mal wieder überprüfte sie ihr Reisegepäck und sortierte aus, was sie für die weitere Reise nicht mehr brauchte.

Gar sieben Planeten hatten sich die letzten Monate auf das kosmische Spiel der Rückläufigkeit eingelassen. Blaue Feder würde einfach Schritt für Schritt achtsam und in Ruhe weiterzugehen oder auch mal rückwärts zu laufen, was durchaus Spaß macht. Jetzt im Oktober würden einige der Planeten wieder vorwärts laufen. Pluto, der Unterwelterfahrene machte den Anfang. Die alte Weise Schwellenhüterin würde folgen und dann auch der glückliche Jupiter und der belesene Merkur. Was sich wohl ändern würde?

Als Blaue Feder am Morgen erwachte, schien ihr die Sonne schon ins Fenster. Sie wollte sich ein paar Haselnüsse für das Frühstück holen. Sie hatte im Frühjahr die Linden im Dorf für sich entdeckt. Jetzt, wo die Herbstwinde die Früchte herunterwehten, entdeckte sie, dass einige Bäume, die sie im Frühjahr für Linden gehalten hatte, tatsächlich Haselnuss-Bäume waren. Besonders in einem Weg, den sie nun ‚Weg der Hasel‘ nannte, wuchsen auf der einen Straßenseite nur Haselnüsse und die waren lecker. Als sie die Haseln entdecke, hatte sie ein Reh gerufen, dass sich bis zur Friedenseiche ins Dorf vorgewagt hatte.

Der alte Mann, der unter den Haseln wohnte, hatte die heruntergewehten Früchte, alle um einen Baum zusammengeharkt. Hier konnte sie ihre Jackentaschen befüllen. Der alte Mann kam in seinen Puschen aus dem Haus und sie klönten eine Weile. Blaue Feder erfuhr, er war in dem Hof neben dem Schwalbenhof geboren. Er fiel immer wieder ins Platt und Blaue Feder sagte ihm, sie könne es verstehen, nur selbst leider nicht sprechen. Sie wolle es aber noch lernen. Blaue Feder lud ihn zum Kaffee ein. Vielleicht würde er ja mal reinschauen.

Aber die Bäume vor dem ‚Blauen Haus‚ waren tatsächlich Linden. Sie nannten es das ‚Blaue Haus‚, dabei waren nur die Fensterläden und sie Türen blau. Es erinnerte sie an das Haus auf Darß, das war tatsächlich Blau und stand auch unter einer Linde.

Als Blaue Feder vor einem blühenden Spindelbaum, der auch Pfaffenhütchen genannt wird, zu stehen kam, fragte sie sich, ob sie den Faden weiterspinnen wollte? Sie hatte jetzt schon ein Paarmal vom Fischland und vom Darß erzählt. Vielleicht erzählte sie mal die Geschichte von Anfang an, von dem ‚Blauen Haus unter der Linde‚. Die Linden hatten es ihr in diesem Jahr wohl besonders angetan. Vielleicht waren ihre herzförmigen Blätter einfach ein gute Medizin in Wandelzeiten.

Auf der freien Flur begrüßte sie eine Krähe und ein Bussard saß im Licht der aufgehenden Sonne.

Am Himmel war einiges los – viele Vogelschwärme kreuzten ihren Weg am blauen Himmel. Ein Kiebitz rief ihr zu. Sie querte die kleine Brücke und sah einige Rehe grasen.

Im Moor begrüßte sie auch eine Alte Hasel. Hier hatte sie ihre allerersten Haselnüsse gefunden. Sie stellte sich zur Hasel und schloß die Augen.

‚Wenn Du einen Wunsch hättest, was würdest Du Dir wünschen?

Ich wäre gerne wieder etwas fitter und was würdest Du Dir wünschen?‘

Frieden in den Herzen der Menschen.

‚Ja, das sind schöne Wünsche – so möge es sein.‘

Blaue Feder merkte seit ein paar Tagen, dass es ihr wieder etwas leichter ums Herz wurde. Die letzte Zeit war sie im Moor vielen Eisvögeln begegnet. Auch heute sah sie wieder einen fliegen und die Eisvögel rieten ihr, den ‚Blauen Vogel‘ in ihrem Herzen wieder fliegen zu lassen – wieder mehr in die Leichtigkeit zu tauchen und ins absichtlose Spielen. Meist waren die Eisvögel zu schnell zum Fotografieren, doch einmal, erwischte sie einen blauen Schatten.

Sie hatte die Tage ihre Wintergeschichte ‚Kingfisher Secret‚ an die Holunderelfe geschickt. Kaum war die Herbstausgabe erschienen, musste Kristin, die Herausgeberin, schon die Winterausgabe gestalten. Ihre Wintergeschichte erzählte von den Geheimnissen des Eisvogels und den Halkyonischen Tage.

Wer mag kann die Geschichte hier nachlesen: https://blauefeder.home.blog/2020/01/11/kingfishers-secret/

Auf dem Großen Mondsee beobachtete sie einen Kormoran beim Morgenbad. Sie schaute nach, ob ihre ‚LandArt-Kreation‚ noch auf dem Stein lag. Sie hatte hier vor ein paar Tagen einige alte rostige Gegenstände auf dem Anleger gefunden, ein altes Taschenmesser, Nägel und so. Sie hatte die Fundsachen nicht mitnehmen wollen und damit ein Gesicht auf einem Stein gestaltet. Sie mochte den Gedanken der Vergänglichkeit dieser Kunstwerke. So fand sie ihr Stein-Gesicht auch nicht wieder. Es hatte sich aufgelöst. Vielleicht hatte jemand die Sachen entsorgt. Ein bisschen liebäugelte Blaue Feder im kommenden Jahr mit einem Bildungsurlaub zum Thema: Natur und Kunst, bei dem ‚LandArt‘ auch ein Thema war.

Sie verabschiedete sich vom Großen Mondsee und ging wieder heim. Sie traf noch einige Spaziergänger und Walker im Moor und alle freuten sich über diesen Halkyonischen Tag. Der goldene Herbst breitete sein schönes Licht über das Land.

Am Ortseingang hörte sie einen Rehbock rufen. Sein Ruf ging ihr noch lange nach. Sein Ruf erinnerte sie, wie wir langsam auf Samhain zugehen. Am Morgen hatte sie Schüsse gehört. Vielleicht war der Schwarze Jäger schon unterwegs dem Sonnenhirsch den Todestoß zu versetzen. Vielleicht spürte der Rehbock, dass er langsam seine Reise in die Unterwelt antreten würde. Es war ein schöner Tag, aber es war eben nicht nur schön. Ein Bisserl rumorte es im Untergrund, vielleicht war es der Maulwurf oder die Mondin im Skorpion, wer weiß, wer weiß.

Beim Rosenhof klaute Blaue Feder sich noch zwei Äpfel, weil die besonders lecker waren und sie sang still vor sich hin:

Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Eine jede aber kann dat nich, denn se mutt ut Hamborg sien.

Dann gab es zum Frühstück warmen Porridge mit Äpfeln, Nüssen, Zimt und Honig. Der Nußknacker war ungeignet. die Nüsse zu knacken, der war wohl mehr so ein Schmuckstück, aber mit einer Zange ging es auch.

Blaue Feder würde jetzt ins Atelier hüpfen und noch ein bisschen aufräumen. Morgen hatte sich eine Frauen-Künstlerinnen-Gruppe angekündigt, die noch ihre Ausstellung anschauen möchte. Sie freute sich auf das Treffen der Frauen.

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