Mit den Segeln im Wind

Weilte Brauner Bär in der Großen Stadt und Blaue Feder auf dem Land schickten sie sich morgens ein Foto, wenn sie wach waren und tranken dann per Videochat zusammen ihren Kaffee. Diese Woche schickte Brauner Bär ihr ein Foto, das er am letzten Abend im Fischland gemacht hatte. Sie hatten eine Seezenbootsfahrt mitgemacht und er hatte sie dabei fotografiert, wie sie sehnsuchtsvoll auf den Bodden hinausschaute. Sie tauchte noch einmal in das Bild. Die Erfahrung mit der ‚Martha‘, einem alten Segelschiff über den Bodden zu gleiten, wirkte in ihr nach. Es war spannend, sie saß ganz still im Boot und hatte das Gefühl sie bewegten sich garnicht von der Stelle und doch glitten sie auf dem Wasser dahin. Das war ein tolles Gefühl!

Blaue Feder hatte seit einigen Tagen wieder diese ominösen Schmerzen im Körper. Sie kannte diese Schmerzen gut. Sie begleiteten sie schon ihr ganzes Leben. Meistens hatte sie diese Schmerzen, wenn Saturn, die Hüterin der Schwelle, ihr Grenzen setzte. Wenn die Alte Weise sie mit der Nase auf etwas stubsen wollte. Wenn sie sich das Thema angeschaut hatte, lösten sich die Schmerzen wieder auf.

Nachdem Blaue Feder die Ankündigung von Cambras Seminar zur Alten Weisen gepostet hatte, träumte sie in der Nacht von Cambra. Diese reichte ihr eine Schiefertafel, auf der stand mit Kreide geschrieben nur eine Zahl, die 28. Zur Vorbereitung des Seminars ‚Herbstweise‚, sollte Blaue Feder alles auf die Tafel schreiben, was sie in ihrem 28. Lebensjahr erlebt hatte. Blaue Feder nahm die Tafel und dachte: ‚Kein Problem!‘ und Ihr kam im Traum sofort ‚Saturn‘ in den Sinn. Es war die Zeit vor ihrem ersten Saturn-Return.

Vom Saturn-Return sprechen die Sternen-Wesen, wenn die Alte Weise dem Geburts-Saturn einen Besuch abstattet. Meist findet der erste Return im 29. Lebensjahr statt und der zweite Saturn-Return entsprechend im 58. Lebensjahr. Blaue Feder war 57 und wartete darauf, dass die Alte mal wieder an ihre Türe klopfte. Die Altersabschnitte zwischen dem 27. und 30. und dem 56. und dem 59. Lebensjahr können sehr bedeutsam sein, weil es in diesen Zeiten zu Neuausrichtungen im Leben kommen kann. Insofern kann es durchaus Sinn machen, sich die Zeit, um den letzten Besuch der Alten Weisen noch einmal anzuschauen.

Nun saß Blaue Feder vor der leeren Tafel und ihr fiel ‚Nichts‘ ein – wie kann das sein?

Sie erwachte aus ihrem Traum und dachte, kein Problem, dann schaue ich einfach in mein Tagebuch. Sie hatte für eine Astrologische Biographiearbeit ihr ganzes Leben zurückgeschrieben und ausführlich zu jedem Jahr etwas aufgeschrieben. Also schlug sie die Seite auf zu ihrem 28. Lebensjahr auf und war dann ziemlich verwundert, als sie eine leere Seite vor sich sah. Sie schaute sich das 27. Lebensjahr an. Das war ausführlich beschrieben. Damals beleuchtete die Alte Weise ihren Mond und sie hatte ein heftiges Jahr hinter sich gebracht mit einer schmerzhaften Trennung.

Mit 27 findet auch die erste Mondprogression statt, das heißt auch der Mond kommt wieder an die Stelle des Geburtsmondes zurück. Die Zyklen des laufenden Saturn und des progressiven Mondes laufen sozusagen paralell nur zeitversetzt, wobei es ihr so vorkam, als würde die Mondprogression, die zwei Jahre vorher stattfindet, schon einen wichtigen Impuls, für den folgenden Saturn-Return geben.

Hihi, das war ja mal wieder spannend! Sie setzte sich hin und spürte nach. Wie konnte es sein, dass sie zu diesem Jahr keine Erinnerungen hatte? Da wurde ihr bewusst, dass sie im laufenden Jahr die gleichen Saturn-Transite hatte, wie damals. Die Alte Weise besuchte wie damals zuerst ihren IC. Stellst Du Dir ein Horoskop wie einen Baum vor, dann liegt der IC dort, wo die Wurzeln wachsen. Der IC ist sozusagen unsere Basis, von der aus sich alles entwickelt. Bei Blaue Feder lag der IC im Wassermann, so war es wohl nicht verwunderlich, dass sie sich beim ersten Return in einer Mediationsgruppe wiederfand, in der sie sich zuhause fühlte. Da war sie wohl dem Ruf ihrer Seele gefolgt. Sie hatte auch wieder begonnen zu malen.

Nachdem die Alte Weise den IC querte, schaut sie sich das vierte Haus genau an, das Zuhause, das Haus der Mutter. War die erste Mondprogression recht dramatisch in jungen Jahren, so empfand sie ihre zweite Mondprogression vor etwa zwei Jahren eher fließend und leichtfüßig. Sie hatte mit dem Geschichtenschreiben begonnen. Innerlich war sie wieder mit Themen beschäftigt, die ihre Selbst-Liebe, ihren Selbst-Wert und ihre Selbst-Fürsorge betrafen. In ihrem 28. Lebensjahr, wie auch jetzt im 57. Lebensjahr, gab es nach der Mondprogression eine Pause, die nicht so leicht zu fassen war, besuchte die Alte Weise schweigend den Herrn Neptun.

Diese Pause fühlte sich an, wie auf dem Seezenschiff im Bodden. Sie segelte dahin, hatte das Gefühl nichts bewegte sich und doch ging es vorwärts. Sie hatte vielleicht keine Ahnung, wohin es ging, aber sie gab sich hin und während sie über den Bodden segelte, sah sie in der Ferne die Kraniche ziehen und sie sah Schwäne und Segelschiffe über den Bodden gleiten. Sie sah auch ein Schwarzes Boot gefolgt von einem bunten Boot, bunt wie ihr neuer Faden.

Sie vertraute sich dem Fährmann an. In diesem Fall war es ein Seemann namens Martin, der sie über den Bodden schipperte und es mit viel Herz machte. Er erzählte dabei Geschichten von den Menschen, die hier am Bodden lebten. Interessanterweise erwähnte er auch die Matrjoschkas, die Blaue Feder seit einiger Zeit begleiteten und deren Geheimnis sie wohl noch nicht entschlüsselt hatte. Als sie das Wort Matrjoschka hörte, horchte sie auf. Er sprach von den verschiedenen Größen der Schiffe, die wie Matrjoschkas ineinander passten. Es war schön den Geschichten von Martin zu lauschen und sich treiben zu lassen.

Als Blaue Feder das Bild von dem gleitenden Segelschiff in ihr Herz nahm, merkte sie, wie sich ihr ganzer Körper entspannte. Frieden kehrte in ihr Herz. Die Anspannenung der letzten Tage und Wochen fiel von ihr ab und sie spürte wie der Schmerz nachließ.

Sie war es gewohnt ein Ziel vor Augen zu haben. Jedes Jahr arbeitete sie auf ihre Ausstellung hin. Sie hatte sich dieses Jahr damit übernommen. Es war ihr, als würde sie drei Jobs parallel machen, Ihren Brotjob, die Kunst und nun war auch noch das Schreiben dazugekommen. Das konnte auf Dauer wohl nicht gut gehen. Sie hatte sich verausgabt und deshalb fühlte sie sich nach drei Wochen Urlaub immer noch nicht erholt. So entschieden die Schwalbenhofbewohner, im kommenden Jahr eine Pause einzulegen. Es würde in 2022 keine Ausstellung geben.

Wie war das nun für Blaue Feder, wenn sie kein Ziel vor Augen hatte? – Als sie den Darß erkundeten, hatten sie sich jeden Tag ein Ziel gesetzt. Am letzten Tag fiel ihnen ‚Nichts‘ ein und sie fuhren mit ihren Fahrrädern einfach so drauf los in den Wald, ließen sich treiben und folgten ihrer Intuition. Es war ein wunderschöner Tag. Sie begegneten einem Schwarzspecht in den Erlenbrüchen. Allein die Erlenbrüche waren zauberhaft, wie die Erlen so verwunschen im Wasser standen. Sie waren auch noch nie einem Schwarzspecht begegnet. Er oder sie war sehr groß und sah beeindruckend aus in seinem schwarzen Kleid und seiner roten Kappe. Sie lauschten eine ganze Weile dem Klopfen des Schwarzspechtes. War das schon die Alte Weise, die an ihre Türe klopfte?

Wie sah es aus in ihrem Haus? Fühlte sie sich geborgen in ihrem Haus? Im Außen hatten sie sich ein wohliges Nest gebaut und luden immer wieder alle ihre Freunde darin ein. Hatten sie dabei auch an sich selbst gedacht? Schlug ihr Herz auch für sie selbt? Sind wir nicht verantwortlich für unser Glück und auch verantwortlich dafür, dass wir uns geborgen fühlen? Die Große Mutter Erde hat für jedes ihrer Kinder einen Raum eingerichtet, in welchem wir die Geborgenheit finden können, die wir brauchen. Wie sah es in Blaue Feders Herzem aus?

Der Abend endete mit der Seezenbootsfahrt im Sonnenuntergang und Martin brachte sie sicher in den Heimathafen nach Wiek zurück. – Nun hatte sie soviel von Martin erzählt und es dämmerte ihr, das sie in ihrem 28. Lebensjahr auch einem Martin begegnet war. So langsam kamen die Erinnerungen zurück, wie sie mit ‚ihrem‘ Martin durch ihr 28. Lebensjahr geschippert war.

Blaue Feder nahm dieses Gefühl – sich treiben zu lassen mit den Segeln im Wind – mit in den Tag. So langsam schipperte die Mondin auf das Fischland zu und rundet sich dabei immer mehr. Vielleicht würde sie sich zum Vollmond einfach hinsetzten und schauen, wohin sie das Segelschiff in ihrem Herzen schipperte.

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