Urlaub auf dem Schwalbenhof

Der schöne Urlaub auf dem Darß klang noch nach. Das Wetter meinte es weiter gut mit ihnen.

Die Walnuß-Ernte hatte begonnen.

Um den Neumond herum, kam Blaue Feder die Idee, für ein kleines Ritual neun Hölzer zu sammeln. Manchmal kommt es dann anders und der Landwirt ihres Vertrauens lud eine Fuhre Brennholz vorm Hof ab. Das ganze Jahr hatte Blaue Feder von den Bäumen erzählt. Nun wurde ihr noch einmal bewusst, wie sehr sie das Holz auch im täglichen Leben brauchten, wie es ihnen im Winter Wärme und Behaglichkeit schenkte. Sie brauchten jedes Jahr etwa zwei Raummeter Brennholz, um gut über den Winter zu kommen. Die lagen nun vorm Hof und mussten in den Schweinestall gebracht und aufgestapelt werden.

Brauner Bär pumpte den Reifen der Schubkarre auf, los ging es und Blaue Feder stapelte die Hölzer auf. Es gibt ja Leute, die können aus den Hölzern ganze Kunstwerke zaubern – Eulen und so. Blaue Feder war froh, wenn sie das Holz überhaupt gestapelt bekam. Vielleicht mit ein bisschen Phantasie, konnte man eine Eule oder ein anderes Holzwesen in dem Stapel erkennen. Drei Stunden waren sie am Werkeln. Während sie die Hölzer aufstapelte, versuchte sie anhand der Rinde zu erkennen, welche Bäume es waren. Die wenigsten erkannte sie, aber bestimmt waren es neun Hölzer und es war ein gutes Gefühl, nun wieder Holz für den Winter im Stall zu haben.

Ein altes Wespennest hatte sich vom Dach gelöst und war heruntergefallen. Sie bewunderten dieses filigrane Bauwerk.

Als sie fertig waren, kam die nächste Fuhre. Sie hatten Bauholz bestellt. Eine Holzwand musste erneuert werden, weil der Wind hindurch pfiff. Wieviel Holz sie schon auf dem Hof verbaut hatten! Der ganze Hof war auf einem Ständerwerk aus alten Eichen aufgebaut. Blaue Feder und Brauner Bär arbeiteten gerne mit Holz, sie liebten seinen Duft.

Nach dem Stapeln taten ihr alle Knochen weh und sie verzog sich in den Garten. Die Ringelblumen lachten sie an. In diesem Jahr hatten sich ihre goldgelben Blüten über ein ganzes Hochbeet ausgebreitet. Sie beobachtete die Bienen, die sich daran labten. Sie hatte von der Töpferin aus ihrem Dorf zur Ausstellung einen schöne getöpferte Blüte geschenkt bekommen. Hier konnten sich die Insekten ein Schlückchen Wasser gönnen. Sie sammelte sich ein paar Blüten für eine Ringelblumensalbe ein. Sie übergoß die Blüten mit Olivenöl und erfreute sich an der goldenen Farbe. Diese Mischung musste nun zwei Wochen auf der Fensterbank in der Sonne ziehen, bevor sie eine Salbe daraus machen konnte.

Als sie die Blüten pflückte, sah sie die Samenstände von den Ringelblumen und sammelte die Samen für das kommende Jahr ein. Dann ging sie durch den Garten und sammelte noch die Samen von Akelei, Fingerhut, Gartensenfrauke und wilde Möhre ein.

Dabei begegnete sie noch einmal einer Feuerwanze. Sie saß in einer Malve und noch einmal wurde ihr der Zusammenhang zwischen den Malvengewächsen und der Feuerwanze bewusst. Es gab so einige Malvengewächse in ihrem Garten – auch der Hibiskus hatte schön geblüht.

Es war, als würde der Spätsommer noch einmal sein ganzes Feuer versprühen. Auch die Blüten der Kapuzinerkresse, die sich ebenfals über ein ganzes Hochbeet ausbegreitet hatte, versprühten ihr Feuer. Blaue Feder naschte gerne ihre Blüten einfach vom Beet und sie kamen zur Zeit an jedes Essen, ob an die Kräuterbutter, den Salat und jedes Gemüse. Sie liebte den scharfen Kressegeschmack dieser Pflanze, die einst aus den Anden zu uns gekommen war.

Wenn sie so im Garten war, dann lachte sie überall etwas an. Sie erntete ein paar Stängel von der Artemisia, vom Beifuß und flocht sich ein paar Räucherstäbe für den Winter. Die hängte sie in die Gartenkammer zum Trocknen.

Die Buchsbaumhecke lachte sie an. Sie wollte vorm Herbst noch einen neuen Kurzhaarschnitt bekommen. Sie hatten vom Alten Vater, als er sein Haus und seinen Garten auflöste, ein paar kugelrunde Buchsbäume geerbt. Zwei standen vorne vor der Klönschnacktür, einer neben der Weidenfrau. Früher war es wohl ein Brauch gewesen, den Buchsbaum vor die Tür zu stellen als Schutz für das Haus. Dieser immergrüne Baum kann richtig groß werden. Er heißt wohl so, weil früher Büchsen oder Dosen aus seinem harten Holz angefertigt wurden. Auch für Schachfiguren und Kämme wurde sein Holz verwendet. Blaue Feder schnitt die kleine Hecke von Hand. Brauner Bär fragte, warum sie nicht die elektrische Schere nahm, aber sie mochte alle diese elektrischen Geräte nicht, die nur Lärm machten. Sie saß lieber in Ruhe bei dem Buchs und lauschte seinen Weisheiten. So wurde sie selbst zur Heckensitzerin, zur Hagazussa. Der Buchsbaum wächst sehr langsam, also nahm sie sich auch die Zeit, ihn in Ruhe einen neuen Schnitt zu verpassen – ganz nach dem Motto: ‚Gut Ding hat Weile!‘ Das hatte sie wohl über das Jahr von den Bäumen gelernt, sie lassen sich die Zeit, die sie brauchen.

Wenn sie sich in Ruhe den Pflanzen zuwand, erfuhr sie meist etwas über ihr Wesen. Ihr war auch garnicht bewusst, dass Buchsbäume blühen. Nun sah sie die kleinen Blüten. Ein Marienkäfer flog ihr auf die Brust. Es war der Tag, den viele als Mariä Geburt feiern oder als kleinen Frauenfeiertag. Es war auch der Geburtstag ihrer Mutter. Schon beim Aufwachen hatte sie ihrer gedacht. Der Marini schickte ihr vielleicht einen Gruß. Sie hielt ein bisschen inne.

Neben der Buchsbaumhecke reiften schon die Weintrauben heran. Dem kleinen Pflaumenbaum ging es nicht gut. Er hatte sich einen Pilz eingefangen und die Früchte vergammelten am Baum. Blaue Feder hatte schon Brennnesseljauche angesetzt, für eine Waschung. Die Früchte müssen in der Grünen Tonne entsorgt werden und kommen nicht auf dem Kompost, sonst verbreitet sich der Pilz über die Erde weiter im Garten. Vielleicht konnte dem Bäumchen auch ein Sud aus Ringelblumen helfen? Sie würde sich mal Zeit nehmen, sich zu dem Bäumchen setzen und lauschen, ob sie ihm irgendetwas Gutes tun konnte.

Abends saßen sie noch lange auf dem Hof und schauten den Schwalben beim Füttern ihrer Küken zu. Die Bewohner der ‚Neubauten‘ waren etwas spät dran. Bald würden sich die Schwalben sammeln und in den Süden fliegen – vielleicht zum Vollmond. Noch blühte hier und dort ein Schwalbenkraut im Garten. Wenn es verblüht war, dann waren die Schwalben fort und zurück blieb ein bisschen Vogelkacke, weil die Schwalbenhofbewohner noch keine Kackbretter unter den neuen Nestern angebracht hatten und die Erinnerung an einen schönen Schwalbensommer.

Während Blaue Feder so vor sich hinwerkelte, kamen ihr nach und nach ein paar Ideen, wie sie die Erfahrungen vom Darß noch einmal künstlerisch umsetzen konnte. Die Künstler-Freundin aus dem Nachbardorf brachte ihr eine große Tüte mit Stoffresten, Seidenmalereien, die sie aussortiert hatte. Ein bunter Schatz in den Farben des Wollfadens zeigte sich ihr und verlieh ihrer Fantasie Flügel.

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