Ohne Engelsflügel fliegt es sich leichter‘

Blaue Feder begrüßte den August und ging weiter auf die Wiese, die sie die Weißdorn-Schule nannte. Auf der Wiese standen viele junge Weißdorne, die in Ausbildung waren und ihre Lehrerin war eine alte Holler. Die alte Holler war auch ihre Lehrerin durch das Jahr hindurch gewesen. Wie oft hatte sie bei ihr gesessen, geweint, gelacht und sich einen Rat geholt. Blaue Feder begrüßte sie herzlich und setzte sich zu ihr auf die Wiese.

Sie saß einfach da und schaute, was dort alles in der Wiese wuchs. Eine Wiese ist ein Meer von Eindrücken. Hier stand die Blume, die aussah wie die Blume, deren Samen sie aus dem Land der Schwäne mitgebracht hatte. Sie wollte in ihrem Topf nicht so recht wachsen – das Taubenkropf-Leimkraut. Das Kraut das Kinderherzen zum Lachen bringt. Über Jahrhunderte hinweg haben Kinder Geheimnisse und Spiele weitergegeben. Eines davon war, die Blütenkelche an der Mündung zu packen und dann auf dem Handrücken zu klatschen, dass es beim Zerplatzen einen Knall gab. Deshalb wurde die Blume auch Klatschnelke oder Klatschblume genannt. Ihre Blumen aus dem Land der Schwäne waren eher weiß gewesen, aber es gab wohl eine verwandlschaftliche Beziehung zu dieser hier.

So waren in diesem Jahr einige Samen aufgegangen und andere nicht. Manch eine Pfanze war von den Schnecken gefressen worden. Das war eben so. Auch hier auf der Wiese gab es viele Schnecken, die sie einluden zu verweilen und langsam zu machen.

Walk in beauty!‚ füsterten sie ihr zu.

Hier wuchs die Schafgarbe neben dem Johanniskraut, dem Hornklee und dem Wiesenbocksbart.

Als Blaue Feder dort saß, wurde sie ganz müde und entspannte sich. Sie hörte im Buchenwald nebenan Kinder spielen. Sie dachte, dieses absichtslose Spielen, das war irgendwie wichtig. Kinder lernen spielend. Sie entdecken ihre Umwelt spielend, wie sie fasziniert zwei kleine Löwenmäulchen entdeckte.

Im Fichtenwald nebenan hörte sie das Klopfen vom Buntspecht. Sie sah ihn nicht. Auch sah sie die Elfen nicht, aber vielleicht sahen sie die Blaue Feder, wie sie an der alten Holler saß. Manchmal würde sie gerne die Elfen sehen. In ihren Träumen tauchten sie auf und vor ihrem inneren Auge. Vielleicht sah sie die Elfen auch sonst und wusste es nur nicht, denn Elfen sollen Gestaltwandler sein und können wohl viele Formen annehmen.

Der Fichtenwald, der sonst immer etwas trist ausschaute, leuchtete nun grün. Das kleine Springkraut hatte sich dort ausgebreitet und Blaue Feder dachte an die Geschichte vom vergangenen Jahr, als sie den ‚Altweiberzorn‚ entdeckte und mit ihm die ‚Geduld‚.

Auch das Spindelbäumchen bekam schon Blüten. Mit all diesen Pflanzen verband Blaue Feder Geschichten, die sie erlebt hatte. Sie ging am Buchenwald vorbei und lauschte dem Spiel der Kinder. Sie hörte sie jolen, juchzen, schreien und lachen. Die Kirchenglocken in Heide läuteten dazu den Mittag ein.

Als sie bei den Kräuterweiden vorbeikam und erinnerte sich an die Weidenfrau, die nun in ihrem Garten stand, Sie hatte gerade, wie auf ihrem gemalten Bild einen Wal zur Weidenfrau gestellt. Fliegende Wale gehörten irgendwie zu den Weiden.

Eine Spitzwegerichwiese lud sie ein, sich zum Mittag eine Spitzwegerichsuppe zu machen. Sie mochte den Wegerich, der zuhauf auf den Wegen in ihrem Garten wuchs.

Nun ging sie auf den Fuchsloch, den kleinen Berg in ihrem Königreich, grad mal sieben Meter hoch. Der Fuchsloch war irgendwie ihr Land der Närrin. Hier passierten immer lustige und unerwartete Dinge. Hier fand sie Überraschungs-Eier und vieles meer. Zum Neumond hatte sie hier tatsächlich ihre heiß ersehnte Feder vom Bunstpecht gefunden. Und nicht nur das, der Berg schenkte ihr auch eine Fasenfeder. Sie steckte einfach mit einer Dose Kidneybohnen im Mülleimer. Allein das Arrangement brachte sie zum Lachen.

Zum Neumond hatte sie hier eine Kühlerhaube gefunden, von einem Spielzeugauto, das sie hier vor Jahren schon entdeckt hatte – ‚Speedy 13‘ stand auf dem Auto. Mit der 13 kommt immer die Närrin ins Spiel. Eine Medizin der Närrin ist ihre Erneuerungskraft. ‚Crazy speed‚ stand auf der Kühlerhaube.

Blaue Feder tauchte nun wieder öfters in die Große Stadt und war wieder mit ‚Crazy speed‚ konfrontiert. Ihr hatte die langsame Corona-Zeit ganz gut gefallen. Nun wurde wieder alles schnell und hektisch. Es fiel ihr noch mehr auf, war sie wohl in diesem Jahr selbst zu einem Baum geworden. War sie auch gelassen wie ein Baum? Manchmal ‚Ja‘ und manchmal ‚Nein‘ – it belongs…

Der Fuchsloch war wild zugewachsen. Sie spürte hier eine Präsenz. Das war ein bisschen unheimlich. Vielleicht beobachtete sie der Fuchs aus dem Gebüsch oder gar ein Wolf. Sie hörte seinen Atem. Blaue Feder war nicht besonders mutig, deshalb ging sie lieber. Am Fuße des Berges begegnete sie einem Mann mit seinem Schäferhund und sie hörte ihn Hecheln. Sie musste lachen. Das war dann wohl der Atem.

Sie nahm den Weg der sieben Pappelschwestern, die sie mit wildem Blätterrauschen begrüssten. Die Alte vom Weißdorn wollte sie noch besuchen. Sie begrüßte ihren alten Weißdornbaum im wilden Wald. Unter dem Berg-A-Horn daneben fand sie A-Horn-Samen. Als Kinder hatten sie sich diese auf die Nase gesetzt und wurden dann zum Nashorn oder zum Einhorn. Sie sahen aus wie Engelsflügel.

Dann saßen sie zusammen auf der Bank, die Alte und sie und baumelten mit den Beenen.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke: ‚Wie wäre es, wenn sie ihre Engelsflügel abgelegte‘. Wie wäre es, wenn sie ihr ‚Hilfreich und Gut‘ ablegte?

Es brauchte Mut, das zu tun. Sie legte die Flügel in den alten Weißdorn. Sie würde es schon richten die alte ‚Grizzly‘. Mit diesem Namen hatte sie sich ihr einst vorgestellt.

„Und“, fragte die Alte vom Weißdorn, „wie fühlt es sich an?“

Es fliegt sich leichter ohne Engelsflügel„, stellte Blaue Feder erstaunt fest und die Alte grinste.

Sie hatte keine Ahnung wie die Reise ohne Engelsflügel nun weitergehen würde. Sie war auch unsicher, ob das ‚richtig‘ gewesen war. Sie konnte es nur ausprobieren und vorerst hüpfte sie beschwingt ohne Engelsflügel weiter zum Schlangensee und sie fragte sich innerlich, was wohl das Neue war? Prompt wurde sie von einer blauen Libellen umgarnt. – Ja, klar! Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Wie konnte sie das nur vergessen. Nun wusste sie wieder, was das Neue war!

Am Schlangensee tauchte sie noch in das blaue Helmkraut, eine andere kleine Libelle schaute ihr noch einmal tief in die Augen und sie traf einen Frosch. Küssen musste sie ihn nicht mehr, denn ihr König, ihr Brauner Bär wartete bereits zuhause. ‚Once in a Blue Moon‚ würden sie ihren zweiten Hochzeitstag feiern und ihre Bilder zeigen. Darauf freute sie sich.

Eines hatte sie vergessen zu erwähnen, wo auch immer sie heute hinkam, hörte sie den Klang von 1000 Glöckchen, von 1000 blauen Glöckchen…

… und Willi freut sich über seine neue Feder am Hut – fesch schaut er aus.

5 Kommentare zu „Ohne Engelsflügel fliegt es sich leichter‘

    1. Danke liebe Nina, das freut mich. Geht es Dir gut? Bald gibt es ja ein großes Fest in Eurem Clan. Vielleicht verwandel ich mich in ein kleines Blaukehlchen, schaue mal vorbei und singe ein kleines Lied. Lass es Dir gut gehen, Susanne

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