Ein Bad in Mädesüß

Am Morgen weckte sie der Gesang des Zaunkönigs. Sie hatte ihn schon länger nicht singen gehört und lauschte seinem Konzert. Die Sonne spiegelte sich in ihrem Apothekerschränkchen.

Sie hörte die Königin der Wiesen noch einmal rufen. Sie liebte ihren Geruch.  Mit ihren leuchtend weißen Blüten und einem Duft nach Honig und Vanille steht sie wie eine Königin in den Wiesen und überragt alle anderen Pflanzen. Daher wird sie im Volksmund ‚Wiesenkönigin‘ genannt.

Nicht jeder mag ihren Geruch. Es ist immer gut, vorher zu prüfen, wie der Körper auf ein Kraut reagiert. Wenn Dir schon der Geruch unangenehm ist, ist es vielleicht nicht Dein Kraut. Mädesüß hat übrigens nichts mit Mädchen oder gar mit „süßen Mädchen“ zu tun, sondern vielmehr damit, dass in früherer Zeit diverse Getränke wie Met, mit den Blüten dieser Pflanze gesüßt wurden.

In alten Zeiten wurde das Mädesüß wegen seines lieblichen Duftes als Bodenstreu verwendet. Ihre wunderschönen zarten und leuchtenden Blütenstände wurden auch zu Kränzen gewunden, welche die Braut, bei ihrer Hochzeit auf dem Kopf trug. So wurde die Braut von der ‚Wiesenkönigin‘ zur Königin gekrönt.

Mädesüß gehört zu der Familie der Rosengewächse und wächst in ganz Europa und ist auch in Nord- und Mittelasien verbreitet ist. Bevorzugt wächst sie auf feuchten Wiesen.

Diese Pflanze scheint wirklich königliche Kräfte zu haben. Aufgrund ihrer Inhaltsstoffe hat das Mädesüß entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung und findet quasi als Aspirin-Ersatz Anwendung.

Blaue Feder hatte gelesen, dass sich die Elfen am Abend gerne im Mädesüß schlafen legen und sich im Wind in den Schlaf wiegen lassen. In diesem Jahr wuchs der Mädesüß sehr üppig wie auch schon andere Pflanzen vor ihr. Ihre Blüten waren denen des Holunders sehr ähnlich.

Gerne hätte sich Blaue Feder einfach zu den Mädesüßblüten hingelegt, doch wuchsen sie meist dort, wo es sehr feucht war und am liebsten an abschüssigen Wassergräben. Blaue Feder pflückte gewöhnlich nicht viele Kräuter, nur jenes, was sie gleich verbrauchte. Sie legte auch keine Vorräte an, weil sie in früheren Jahren viel weggeschmissen hatte.

Das einzige Kraut, das sie für den Winter trocknete, war Beifuß, weil sie mit Beifuß gerne räucherte. Ansonsten setzte sie sich am Liebsten zu den Kräutern oder machte sich ab und an mal einen Tee. Und ab und an, wenn es ihr nicht so gut ging, gönnte sie sich auch ein Vollbad. Heute wollte sie um ein paar Stängel bitten, damit sie sich ein Bad bereiten konnte. Ein Bad würde ihr bestimmt guttun.

Sie sah die Tigerin am Morgen in der Wiese liegen. Es ging ihr momentan nicht so gut. Sie war ein paar Tage in einer Scheune bei Nachbarn eingesperrt gewesen, ohne Essen und Trinken. Seither hatte sie dolle Schwellenangst. Sie blieb ganz lange vor den Türschwellen stehen und hüpfte ganz merkwürdig drüber. Sie zog sich viel zurück und schlief ganz viel, aber sie aß und trank. Da half wohl nur viel Kuscheln und wieder Vertrauen aufbauen.

Blaue Feder wusste, wo sie das Mädesüß finden würde. Sie musste nicht weit gehen. Meister Lampe holte sich auch gerade seine Portion Kräuter auf der Wiese. Er duckte sich, damit sie ihn nicht sah und Blaue Feder duckte sich, damit er sie nicht sah. Das klappte ganz gut.

Auf dem freien Feld saßen schon die Mehlschwalben-Küken zur Fütterung bereit.

Eine Kuh wünschte ihr einen guten Morgen und sie ihr auch.

Sie sah die Graue mal wieder fliegen wie in alten Zeiten. Sie begrüßten sich und schon war sie beim Mädesüß angelangt. Sie liebte einfach diesen Duft. Sie durfte sich ein paar Stängel pflücken. Sie musste nur aufpassen, dass sie nicht in den Graben fiel.

Daheim setzte sie einen Topf mit dem Mädesüß auf und kochte die Stängel kurz auf. Später tat sie noch ein bisschen Milch und Honig dazu, für den Paradies-Effekt. Von einem Stängel bereitete sie sich einen Tee.

So lieblich die Pflanze roch, hatte der Tee ein etwas strengeres Aroma. Sie erinnerte sich an eine erste Erfahrung mit Mädesüß, da schmeckte der Tee ein bißchen wie getrocknetes Heu. Sie tauchte damals in den Tee wie in grüne Götterspeise oder wie in ein Heubad. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit stellte sich ein. Das war sehr angenehm gewesen.

Heute erinnerte sie der Geruch ein wenig an Fisch oder an Kaviar. Sie sah orangerote Kaviar-Bällchen. Als sie den Tee trank, war es ihr, als kicherte es aus ihrem Körper hervor. Erst dachte sie so ein Quatsch. Dann sah sie lauter kleine Elfen um einen Teich sitzen. ‚Wir sind gekommen, Dich aufzuheitern!‚, sagten sie. Dann flogen sie durch ihren ganzen Köper. Es war ihr, als bestünde ihr ganzer Körper aus kleinen Elfen. Er wurde ganz leicht und durchlässig. Überallhin brachten die Elfen die kleinen goldorangenen Kügelchen, überall, wo der Körper es brauchte.

Blaue Feder fühlte sich etwas leichter. Dann tauchte sie in das Vollbad. Nun nahm sie wieder mehr den feinen Duft wahr.

Sie wurde sehr müde. Lange badete sie nicht, vielleicht eine Viertelstunde und hinterher legte sie sich ins Bett und schlief ein. So leicht der Mädesüß auf der einen Seite schwang, so war sie auf der anderen Seite auch sehr erdig und brachte sie ganz runter auf die Erde oder noch tiefer. Es war ihr, als würden sich Himmel und Erde küssen.

Tatsächlich standen gerade Venus und Mars ganz nahe beisammen und küssten sich. Sie gingen in einen neuen gemeinsamen Zyklus. Die Zyklen von Mars und Venus erstrecken sich ungefähr über zwei Jahre. Der letzte Zyklus begann in der Jungfrau. Da ging es wohl mehr um Heilung und ums Aufräumen. Jedenfalls war Blaue Feder damit beschäftigt ihre weibliche und männliche Seite mehr in Einklang zu bringen. Dieser Zyklus startete nun im Löwen. Das klang für sie nach Kreativität und Spiel und recht königlich. In ihrer Ausstellung war auch noch ein Platz frei für etwas Neues. Was wohl das Neue war?

Blaue Feder erinnerte die Wirkung vom Mädesüß sehr an die Wirkung vom Holunder. Nach dem Bad fühlte sie sich gut aufgeräumt, ruhig und startete in ihren Tag. Vielleicht wäre ein Bad in Mädesüß am Abend günstiger gewesen? Sei es drum, sie frühstückte erst einmal in Ruhe.

Ihr Bad in Mädelsüß erinnerte sie an ihren ersten Blogbeitrag. Damals lockte sie das Mädesüß an den großen Mondsee und sie fand die Blaue Feder vom Eichelhäher und eröffnete ihren Geschichten-Blog. Zwei Jahre war es nun her und Blaue Feder hatte viele Buchstaben auf ihren Wegen durch die Natur gefunden und einen bunten Geschichten-Teppich gewebt.

Es fühlte sich grad rund an. Ein Hauch von Abschied wehte sie an.

Wenn ein Abschied heranwehte, gab es wohl etwas Neues.

Ihr Bad im Mädesüß sollte noch tief nachwirken. Sie hängte sich jedes Jahr ein paar Stängel Mädesüß ans Fenster für schöne Träume. Nun, sie träumte diese Woche intensiv, doch ’schön‘ waren ihre Träume nicht wirklich. Sie hatte eher das Gefühl, sie ackerte sich durch einige Dinge durch. Doch bei genauerem Hinsehen, hielten ihre Träume am Ende immer gute Lösungsangebote bereit. Im Laufe der Woche erfuhr sie die wahre Wirkung der Königin der Wiesen. Sie holte alles hoch, was Blaue Feder sich gerade anzuschauen hatte. Jetzt im Nachhinein hatte Blaue Feder noch mehr Respekt vor dieser Pflanze. Ihre Wirkung geht ähnlich tief, wie die des Holunders. Beide locken Dich süß und nehmen Dich mit auf eine tiefe Reise zu Dir selbst.

Sie war wirklich eine Königin der Wiesen und zeigt Dir, wenn Du möchtest, wie Du die Königin in Deinem Reich sein kannst.

2 Kommentare zu „Ein Bad in Mädesüß

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