‚Ich bin ein Rock-Star‘

Soso, nun wollte also auch diese Geschichte erzählt werden. Blaue Feder war sich nicht sicher, ob sie diese Geschichte jemals erzählen würde. Es brauchte wohl alle anderen Geschichten, sich dieser Geschichte anzunähern.

Einst malte sie ein Bild von einem Star und nannte es: ‚Ich wäre so gerne ein Star.‘

In diesem Jahr nisteten viele Stare auf dem Schwalbenhof. Ab und an kam ein Star sie im Atelier besuchen. Sie merkte ihre Einstellung zu den Staren war ambivalent. Sie waren ihr zu laut, zu viele und was auch immer. Oft liegt ja nun gerade in dem, was wir ablehnen der Hund begraben. Blaue Feder ignorierte einfach die Stare und zeigte nicht einmal ihre Fotos.

Auf dem Seminar im Klappholttal gab es am Anfang ein Kennenlernspiel. Jede/r sollte drei Sachen aufschreiben, die etwas über die eigene Person aussagten und davon sollte eine geflunkert sein. Sie sollten nicht lange Nachdenken, einfach aufschreiben, was ihnen in den Sinn kam.

Die anderen mussten raten, welche Aussage geflunkert war. Bei Blaue Feder schien es offensichtlich und doch war sie ein bisschen traurig, wie wenige den Rock-Star in ihr sahen.

Hier ein Bild von Seasick-Sue mit ihrer Band beim Luftgitarren-Contest.

Sie verlebten eine intensive Woche miteinander und beim Verabschieden kam eine Teilnehmerin zu ihr, und sagte ihr, sie sei wirklich ein Rock-Star und Blaue Feder grinste. Irgendwo tief in ihr drinnen, hatte auch sie es gewusst, denn sie rockte ihr Leben.

Sie dachte an den Traum, den sie in Irland geträumt hatte von der ‚Lady of the Rock‘. Im Traum war die ‚Lady of the Rock‘ ein Stein oder ein Fels, der sich im stillen Wasser wiederspiegelt.

Blaue Feder dachte an die andere ‚Lady of the Rock‘, an Patti Smith, die sie sehr mochte. Nicht alle von uns rocken die große Bühne, aber rocken wir nicht alle die kleine Bühne unseres Lebens?

Grad in der vergangenen Zeit haben wir vieles gerockt und uns vermutlich mit vielen Ängsten auseinandergesetzt.

Blaue Feder hatte an einem Geschichtenerzähl-Kurs teilgenommen. Wieder ging es darum, sich gegenseitig kennenzulernen. Sie bekamen eine Hausaufgabe, eine HeldenInnen-Reise zu schreiben. Sie sollten eine Geschichte schreiben, wo sie eine schwierige Situation in ihrem Leben gemeistert hatten.

Blaue Feders nannte ihre Geschichte:

Die alte weise Ayla

Wann beginnt eine Heldenreise und wann endet sie? Ist nicht unser ganzes Leben eine Heldenreise? Doch wollte Blaue Feder nicht bei ihrer Geburt beginnen. Vielleicht erzählte sie von ihrer zweiten Geburt, als ihr das Leben neu geschenkt wurde.

Es begab sich also zu einer Zeit, als Blaue Feder schon vom roten Blut ins schwarze Blut wechselte. Gemeinhin wird diese Zeit als Wechseljahre bezeichnet und eben diese waren es. Blaue Feder war gerade verliebt bis über beide Ohren. Oh, dann war es wohl eine Liebesgeschichte. Sie hatten sich ein paar Mal getroffen und es kam ihr vor, als kannten sie sich schon ewig. Tatsächlich hatten sie in jungen Jahren die schönen Künste zusammen studiert, doch war ihr Blick nicht aneinander hängengeblieben. Das war verwunderlich, war Brauner Bär mit seinen zwei Metern Größe eigentlich nicht zu übersehen. Doch war ihre Zeit wohl noch nicht gekommen.

Doch nun, nun war es an der Zeit und Brauner Bär lud Blaue Feder zu sich auf seinen Landsitz ein. Am Morgen verließ sie ihre vertraute Umgebung, setzte sich in die Nord-Ostsee-Bahn und fuhr in ein Land, das sie nur von der Landkarte kannte. Sie war sehr aufgeregt und ihr Herz freute sich. Irgendwann querte sie den Nord-Ostsee-Kanal und es war ein Gefühl in ihr, als würde sie heimkommen. Brauner Bär erwartete sie schon am Bahnhof und zusammen fuhren sie auf den Schwalbenhof. Dieser war von oben bis unten eingerüstet. Der ganze Hof war eine einzige Baustelle. Brauner Bär hatte befürchtet Blaue Feder würde schreiend weglaufen, doch, das tat sie nicht.

Sie sah die große alte Eiche, die vor dem Hof stand und diese nickte ihr zu. Blaue Feder begrüßte die wunderbare Alte und wieder war da dieses wunderbare Gefühl von Heimkommen in ihr. Die alte Eiche hatte es wohl schon lange gewusst, dass Blaue Feder kommen würde, denn sie begrüßte sie wie eine alte Freundin.

So blieb sie denn und gemeinsam gingen sie ins Moor, um am Schwanensee ihre Liebe mit einem Kuss zu feiern und wieder war da dieses Gefühl von Heimkommen.

Von nun an, sah man die Beiden nur noch bauen, bauen und bauen. Jahr um Jahr bauten sie den Schwalbenhof aus, jedes Wochenende, jeden Urlaub und alle freie Zeit.

Eines Tages, als Blaue Feder gerade sehr glücklich war, fiel sie in eine tiefe Krise. Vielleicht zog ihr die Seele gerade jetzt den Boden unter den Füßen weg, weil alles um sie herum sicher und stabil war. Sie stieg hinab in ihre tiefsten Tiefen wie schon einst Persephone oder Inanna vor ihr. Es gibt viele Mythen über den Abstieg in die Unterwelt. Märchen-Heldinnen gehen zu Frau Holle, zur Baba Yaga oder ins Pfefferkuchenhaus. Im sumerischen Gedicht der Inanna heißt es:

Ihr Herz verlangte aus himmlischer Höhe nach der Erde tiefstem Grund.

Blaue Feder verließ den Himmel, verließ die Erde – und stieg hinab in die Unterwelt. Ängste schwemmten ans Ufer, von denen sie nur geträumt hatte. Sie musste sich Dämonen stellen, die lange in ihr geschlummert hatten.

Sie hatte sich ihren langersehnten Traum erfüllt, war auf’s Land gezogen und nun hatte sie dermaßen Ängste, dass sie sich kaum alleine raustraute. Es gab Momente, da dachte Blaue Feder – jetzt geht garnichts mehr. Doch bekam sie Hilfe von allen Seiten. In dieser Krise gab es viele Menschen, die ihr die Hände reichten. Es gab eine wunderbare Frau, die sie gut verstand und mit der sie lange Gespräche führte. Es gab auch einen wunderbaren Mann, der ihr die Herzmeditation ins Herz legte und ihr den Rat gab, mit den Bäumen zu gehen.

Es war an Blaue Feder zu lernen, sich mit ihren Ängsten zu zeigen und über sie zu reden und sie stellte fest, wenn sie sich öffnete und von ihren Ängsten erzählte, auch andere von ihren Ängsten erzählten. Viele Menschen hatten Ängste, von denen sie es nie gedacht hätte. Sie lernte in ihrer Krise, sie war auch ein liebenwertes Geschöpf, wenn sie mal nicht funktionierte im Sinne einer leistungsorientierten Gesellschaft.

Brauner Bär stand die ganze Zeit an ihrer Seite. Auch, wenn er verunsichert war, weil er nicht verstand, was mit ihr los war, war er einfach da.

So saß sie nun Tag um Tag mit ihren Ängsten unter ihrer Eiche und diese wurde ihre beste Freundin. Sie gab ihr Kraft und Zuversicht und mit der Zeit wuchsen Blaue Feder lange kräftige Wurzeln. Die hatten ihr nämlich gefehlt. Immer wieder stellte sie sich vor, wie alles Belastende aus ihr durch lange Wurzeln herausfloss und wie dann aus der Mitte der Erde goldenes Licht in ihren Körper strömte, in ihr Herz und von dort ihre Aura. Die alte weise Eiche stellte sich ihr mit dem Namen ‚Ayla‘ vor. Ihr konnte sie alles erzählen und nach und nach ging es ihr besser. Es war eine tiefgehende Wandlung, die ihre Zeit brauchte.

Doch es kam der Tag und Blaue Feder fühlte sich wie neugeboren. Es war wie eine Geburt und noch heute feiert sie diesen Tag wie ihren Geburtstag. Es fühlte sich in ihrem Herzen anders an, denn sie hatte eine Heimat in ihrem Herzen gefunden.

Nach und nach schloss sie nun Freundschaften mit anderen Bäumen. Besonders die Alte vom Weißdorn aus dem wilden Wald wurde eine heilsame Begleiterinnen.

Nach und nach lernte sie auf ihre Weise die Sprache der Vögel, lauschte den wilden Kräutern und den Steinen. Sie ging viel in die Natur und die Natur fing an ihr Geschichten zu erzählen. Das Land erzählte ihr seine Geschichten und Blaue Feder schrieb sie auf, so gut sie eben konnte. Vielleicht hatte sie in diesem Prozess die Einheit mit der Natur und dem Kosmos wiederentdeckt.

Eines Nachts träumte sie von einer Blauen Feder und als sie zur Sommersonnenwende eine Blaue Feder vom Eichelhäher fand, eröffnete sie ihren Geschichten-Blog. So war die Blaue Feder geboren und so erzählt sie noch heute als ‚Blaue Feder‘, was sie Jahr um Jahr, Runde um Runde in der Natur erlebte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben Brauner Bär und Blaue Feder immer noch glücklich zusammen auf dem Schwalbenhof.

Warum erzählte Blaue Feder ihre Geschichte?

Vielleicht, um sich selbst daran zu erinnern. Sie merkte, es veränderte etwas, wenn sie ihre Geschichten aufschrieb.

Am Morgen schlug sie den ‚Geschichtenklang‚ von Cambra Skadé auf und fand die Antwort auf ihre Frage. Hier findest Du ein paar Auszüge aus dem Kapitel ‚Mythen‘:

Wenn wir unsere Lebensgeschichte oder einzelne Ereignisse als Mythos erzählen, fängt das Persönliche an, sich in einen größeren Zusammenhang einzubinden. Es zeigt sich die universelle Geschichte darin. Wenn wir unsere Geschichte zum Mythos machen, erzählen wir die vielleicht wahrste aller Geschichten. In ihr enthüllt sich, welche Möglichkeiten und Bedeutungen unser Leben birgt. Die Geheimnisse und die Schätze unsere Lebensgeschichte treten zutage.

Im Mythenschöpfen stehen wir in der Tradtion der GeschichtenerzählerInnen, die mit Seelengesängen heilen und die Mythen ihrer AhnInnen für die nächste Generation hüten.

In diesem Feld schließt die Mythenschöpferin sanft die Türe hinter alten Geschichten, schreibt sie fort, macht Frieden mit ihrer Geschichte. Sie weiß , dass eine Geschichten heilen kann, wenn sie erzählt und ins Licht gebracht wird, weil sie im Erzählen geheiligt wird. Sie weiß, dass sie es für sich und für alle anderen tut. So ist jede Geschichte ein Geschenk, das für alle anderen mitgelebt worden ist.

Blaue Feder war viele Tode gestorben, bis sie in ihr Leben gefunden hatte. Lange hatte sie das Gefühl, sie war auf dem falschen Planeten gelandet. Es vergingen wohl fünfzig Jahre, bis sie hier unten auf diesem schönen Planeten angekommen war. Doch nun fühlte sie sich zuhause.

Ihre Geschichten erzählen von eben diesem Heimkommen und sie war die Heldin dieser Geschichten, der Star dieser Geschichten, eben ein Rock-Star und sie gab ihrem Bild einen neuen Namen:

‚Ich bin ein Rock-Star‘

-Wie wäre es, wenn Du Deine Heldenreise aufschreiben würdest? Welche Geschichte würdest Du erzählen? Gibt es ein Ereignis, das Du gerockt hast? Wer weiß, bestimmt bist auch Du ein Rock-Star?

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