Eine Kastanie hoch zu Ross

Es war jedes Jahr wie ein Fest, wenn sie anfing ihre Ausstellung vorzubereiten. Erst bereitete sie den Raum, fegte den Kuhstall und machte überall Klarschiff. Dann holte sie aus ihrem kleinem blauen Koffer, die Tücher: das weiße, das rote und das schwarze Tuch.

Als sie die Austellung zu ‚The tri-coloured House‘ aufbaute, wurde ihr klar, sie selbst wohnte in einem dreifarbigen Haus, einem Haus mit weißen Fenstern, roten Wänden und einem schwarzen Dach.

Were you ever down at the tri‐coloured house, where every rose grows merry and fine‘ from Cold Old Fire by LANKUM

Mittlerweile blühten die Heckenrosen in ihrem Garten, die Buschröschen und auch andere Rosen. Sie hatte gerade Stockrosen eingepflanzt, die sie in einem Topf vorgezogen hatte. Sie hatte alte Samen von Menschen gefunden, die vor ihr, hier auf dem Hof gewohnt hatten. Sie hätte nicht gedacht, dass diese Samen aufgehen würden, mussten sie älter als 12 Jahre sein. Sie hoffte, sie würden an der Milchkammer blühen.

Sie hing also ihre drei Tücher auf, das Weiße und das Rote. Als sie das Schwarze aufhing stockte es. Die Nägel hielten nicht im Holz. Es fiel immer wieder runter. Für sie waren dies spannenden Momente, wenn etwas stockte. Wollten ihr vielleicht die Stockrosen etwas sagen? Das schwarze Tuch wollte dort nicht hängen und ihr fiel ein, es gab noch ein goldenes Tuch mit Kräutern darauf. Vielleicht wollte das noch dazwischen gehängt werden? Es wollte und vielleicht wollte es ihren Blick wieder zu den Kräuter und Blumen lenken. Es gab eine Zeit, da wollte Blaue Feder mit Ritualen nichts zu tun haben und doch liebte sie Rituale. Sie mochte Rituale, die nicht stur nach einem Muster abliefen, sondern sie mochte Rituale, die lebendig waren, die sich veränderten, wenn es an der Zeit war.

Es war mehr ein achtsames in sich Hineinhorchen und den Impulsen folgen, die kamen, auch wenn sie ihr manchmal seltsam vorkamen. Also hängte sie das goldene Tuch auf und dann das Schwarze. Es war ein festlicher Akt. Der Raum für das Fest war bereitet. Wen oder was lud sie nun in ihren Raum ein?

Sie hatte in diesem Jahr die Geschichten aus Irland erählt, also kam ihr der Impuls, die 13 Bilder von den Frauen, die ihnen auf dem Weg begegnet waren, aufzuhängen. Sie lud also Dreizehn Feen zu ihrem Fest ein und jede Fee brachte ihr Geschenk mit.

Jedes Jahr dachte Blaue Feder, wenn sie anfing den Kuhstall zu schmüclken, sie hatte doch ‚Nichts‘ gemacht in diesem Jahr. Tatsächlich hatte sie in diesem Jahr mehr geschrieben und weniger Bilder gewebt. Doch, wenn sie dann ihre Bilder hinhängte, wo sie hinwollten, dann war sie wieder erstaunt, wie sich das ‚Nichts‘ in ‚Fülle‘ verwandelte. Wie auf der NordArt mischte sie gerne Altes mit Neuem, so, wie es für sie einen Sinn ergab.

Ihr Wirken geschah von Innen heraus und richtete sich weniger an einen Kunstmarkt. Sie hatte auch nicht den Impuls ihre Bilder zu signieren oder zu verkaufen. Ihr waren die Erkenntnisse wichtig, die sie auf ihrem Weg sammelte. Es war ihr ureigener Weg, die Welt zu erfahren und heilsame Erfahrungen zu machen. Diese konnte sie teilen, vielleicht andere damit inspirieren und letzendlich bereitete es ihr einfach Freude. Sollte ein Kunstfreund tatsächlich mal ein Werk haben wollen, dann wurden sie sich bestimmt einig.

Sie spürte eine große Dankbarkeit, hier, auf dem Schwalbenhof leben zu dürfen. Dieses Jahr nisteten drei Schwalbenpaare auf dem Hof. In einem Nest hörten sie schon den Nachwuchs piepsen. Während sie die Ausstellung aufbaute, riß Brauner Bär alte Holzplanken heraus. Sie wollten ein neues Badezimmer bauen und dafür musste eine alte Holzwand erneuert werden. Allein in dem Hof, hatten sie schon ihren Traum verwirklicht.

Der Neumond im Krebs ist schon zu spüren. Im Horoskop gibt es die sogenannten Mondknoten oder Drachenpunkte. Sie zeigen an, woher wir kommen und wohin wir gehen. Blaue Feders Drachenschwanz lag im Steinbock und der Drachenkopf im Krebs. Ihr war ein Motto des Krebses hängengeblieben: ‚Erbaue ein erleuchtetes Haus und lade alle darin ein.‘ – Hatten sie das Motto vielleicht etwas zu wörtlich genommen?

In der Nacht träumte sie von einer Gruppe Frauen. Sie hatten im Kreis zusammen gewirkt. Dann wurden die Kunstwerke verteilt, die sie gefertig hatten. Blaue Feder hatte ein Bild mit Blättern gemalt.

Dann saßen alle Frauen im Kreis und lasen Zettel vor. Das war teilweise recht lustig, weil das Einkaufszettel und so waren, manche völlig ohne Belang. Sie lachten zusammen. Doch dann hatte eine Frau einen Zettel und Blaue Feder wusste, es war eine Liste mit Weihnachtsgeschenken und die durften ja nicht verraten werden, sonst war es ja keine Überraschung mehr. Sie wollte etwas sagen und die Frau stoppen, doch es kamen keine Worte aus ihrem Munde.

Kennst Du diese Träume, wenn du etwas sagen möchtest und es kommt kein Wort aus deinem Mund, nur Gestammel? Es hörte sich an, wie eine Stumme, die versucht zu sprechen. Das war ein Thema, das hatte Blaue Feder ihr Leben lang begleitet. Sie kannte diese Träume gut.

Vor einigen Jahren, als der Hof soweit ausgebaut war, dass sie gut darin leben konnten, fing Blaue Feder an, ganz bewusst in die Natur zugehen. Sie webte eine Landkarte von diesem Ort und nach und nach entdeckte sie die Geheimnisse dieses Ortes und sie gab den Plätzen, die sie fand, Namen wie ‚Großer Mondsee‘ und Kleiner Birkensee‘. Grad vor ein paar Tagen fuhr sie mit dem Fahrrad durch das Moor und eine blaue Libelle flog neben ihr her auf dem ‚Weg der Regenbogentänzerin‘. Sie hatte diesen Weg so genannt, weil hier gerne die Libellen tanzten und sich in ihren Flügeln der Regenbogen wiederspiegelte. Mittlerweile hatte sie auf ihre Landkarte viele goldene Buchstaben genäht. Mit den Buchstaben, mit den Wörtern und Geschichten, die sie hier erlebte, hatte Blaue Feder nach und nach ihre Stimme wiedergefunden. Erst hatte sie ihre Geschichten aufgeschrieben und kam jetzt jemand zu Besuch, fing sie langsam an, von dem Erlebten zu erzählen.

Im Traum sah Blaue Feder dann Fotos von den Frauen, wie sie sich selbst darstellten. Da war ein Foto von einer Frau und es zeigte sie mit einem kleinen Baum und sie saß davor und malte rituelle Bilder. Die beiden Bilder waren übereinander geblendet. Dann sah sie ein andere Frau in dem Kreis wieder mit einem Baum und diese trommelte. Als Blaue Feder aufwachte, fragte sie sich, wie wohl ihr Foto aussehen würde?

Wohl die bedeutsamste Frage, die sich ein Mensch stellen kann, ist wohl die Frage:

Wer bin ich? Was bin ich in Wirklichkeit?

Wenn wir so durchs Leben gehen, versuchen wir herauszufinden, was uns im Kern ausmacht.

Vor ihrem inneren Auge sah sie sich tanzen und bewertete es gleich und dachte: ‚Eine schöne Tänzerin bist du mit einem kaputten Knie‘. Doch war ihr Knie wirklich kaputt? Manchmal gab ihr Knie den Weg frei und ließ sich bewegen und manchmal war es dick und blockierte. Es setzte ihr Grenzen. Blaue Feder mit ihrer Fische-Sonne und dem Mars direkt dran, hatte manchmal Schwierigkeiten ein Ende zu finden. Wenn sie arbeitete, dann arbeitete sie solange, bis sie nicht mehr konnte. Das Knie setzte ihr nun Grenzen und sie musste öfters mal Pause machen. Das Schöne an den Pausen war, sie nahm dann Dinge wahr, die sie beim geschäftigen Treiben übersehen hätte.

So erinnerte sie sich, wie sie im Labyrinth auf der NordArt eine Pause gemacht hatte. Sie hatte dagesessen, hatte Brauner Bär zugewunken und sie hatte das Pferd unter dem Sonnenschirm gesehen und die Kastanien-Bäume.

Das Pferd erinnerte sie noch einmal an die Geschichte von Vasalisa, der Weisen. Vasalisa war noch nicht so weit, die Kernfrage, wer sie war, direkt zu stellen. So fragte sie die Baba Yaga:

„Darf ich dich etwas fragen, Großmutter?‘

„Fragen wohl“, gab die Yaga zurück, „aber bedenke, dass zuviel Wissen den Menschen vorzeitig altern lässt.“

Da fragte Vasalisa die Baba Yaga, was es mit den drei Reitern, dem Weißen, den Rotem und dem Schwarzen, auf sich hätte und wer diese seien.

‚Der weiße Reiter sei ihr Tag, der rote Reiter ihre aufgehende Sonne und der schwarze Reiter ihre Nacht.‘

Wenn wir uns auf den Weg machen, unsere Wildnatur zu entdecken, werden wir wohl unweigerlich den Mysterien von Geburt, Leben, Tod und Wiederauferstehung begegnen. Es erinnerte Blaue Feder auch daran, nur mit dem zu gehen, was sich ihr offenbarte. Viele Dinge blieben für sie unbegreiflich, bereicherten sie dennoch und vorzeitig altern wollte sie auch nicht.

Als sie auf Sylt keinen Platz für sich in der Komfortzone gefunden hatte, war es eine kleine Kastanie, die ihr Zuflucht bot. Unter diesem kleinen Baum fühlte sie sich sehr geborgen und so fanden seine Blätter auch Eingang in das Bild, das sie malte. Die Farben erinnerten sie an ihr Herz. Was sie wohl intuitiv erfasste, dass die Ross-Kastanie in verwandschaftlicher Beziehung zu den Rosengewächsen stand.

Es hatte sich auch eine kleine Kastanie im Bucheneck in ihrem Garten ausgesät.

Warum heißt die Ross-Katanie eigentlich ‚Ross‘-Kastanie? Als Blaue Feder im Labyrinth saß, fiel ihr Blick auf das Ross und und sie ging mit dem wilden Mädchen wilde Pferde jagen. Ursprünglich kommt die Kastanie aus dem Himalaya und ist im Kaukasus zuhause. Innerlich sah Blaue Feder wilde Pferde über die Hochebene galoppieren. Es gibt eine Geschichte, die besagt, dass die Kastanie die letzte Eiszeit in einem versteckten Tal im Kaukasus überlebte. Sie wartete dort zehntausend Jahre, bis sie mit Hilfe von Menschen und vielleicht auch Tieren wieder Verbreitung fand.

Was wollte ihr dieser Baum mit seiner engelhaften Geduld sagen?

Sie hatte einen Ecoprint mit Rosskastanie-Blättern gemacht. Sie sah darin ein freundliches gehörntes Wesen, das ihr ein anderes kleines Wesen zeigte. Sie empfand Wärme und Geborgenheit. Sie kam zur Ruhe. Manchmal eilen und hetzten wir Dingen hinterher, die uns keinen Frieden schenken. Blaue Feder hatte in diesem Jahr viele Online-Kurse angefangen und dann abgebrochen, weil sie das Gefühl hatte, sie brauchte es nicht wirklich, denn oft war das, was sie brauchte schon da.

Vielleicht lehrte ihr die Kastanie so etwas wie Ur-Vertrauen. Sie würde sich im Herbst mal eine Rosskastanien-Salbe für ihr Knie köcheln. Das tat ihrem Knie bestimmt gut. Sie hatte auch immer gerne eine Kastanie als Handschmeichler in ihrer Jackentasche. Brauner Bär hatte ihr eine Seifenschale auf dem Kunshandwerkmarkt geschenkt. Unter der Dusche fiel ihr dann noch ein, dass die Kastanie einen Seifenbaum war. Auch das sprach irgendetwas in Blaue Feder an, aber noch wuste sie nicht was.

Ihre Gedanken gingen noch einmal zurück zur NordArt. In der Remise, gab es diese drei Wesen; den Nerd mit seinem Computer, die Wartende und der Musiker. Blaue Feder hatte in diesem Jahr viel am Computer gesessen wie der Nerd – wohl ein bisschen zuviel!

Die Wartende berührte noch so ein Thema, dass sie nicht gerne zugab. Sie hatte gelesen, die Kastanie war ein Baum der Ehrlickeit. Also, mal ehrlich, hatte sie sich oft in einem Hinterstübchen gewünscht, mal so als Künstlerin irgendwie entdeckt zu werden – so wie ein Rock-Star. Einst malte sie einen Star und nannte ihr Bild ‚Ich wäre so gerne ein Star‘ – nun, das war jetzt wohl der Cliffhanger zur nächsten Geschichte.

Die Frage war wohl, was passierte, wenn sie aufhörte zu warten?

Das Drachenwesen hatte sie am meisten angesprochen. Es setzte die Trompete an und fing an zu spielen. Die Musik begann und Blaue Feder fing an zu tanzen. Sie vermutete, wenn sie aufhörte zu Warten, dann lebte und genoß sie wohl einfach ihr Leben, so wie es war.

Am Abend gingen Blaue Feder mit Brauner Bär eine Runde um den Hof und sie schauten sich an, was sie alles am Tag gewerkelt hatten. Sie gingen auch durch den Kuhstall. Sie blieben vor dem Bild der Wollsammlerin stehen und Brauner Bär erinnerte sich, wie sie zusammen in Donegal das Weite gesucht hatten, vor der merkwürdigen Mühle und seinem Wirt. Auf dem Weg nach Dunfunaghy, wo sie einen Pub suchten zum Fußball schauen, begegneten sie der Wollsammlerin. Damals lief wie heute die Fußball EM. Berührt lauschte Blaue Feder den Erinnerungen von Brauner Bär – das war ein schöner gemeinsamer Moment.

Blaue Feder taucht nun in die Neumondzeit. Jeden Monat gibt es diese Zeit der Dunkelheit, der Läuterung, der Reinigung und dann geht es mit einem neuen Mond in einen neuen Zyklus.

Manchmal setzte auch ihre Katze ihrem Treiben ein Ende und legte sich quer über ihren Computer. Katzen sind schon sehr weise. Blaue Feder geht jetzt mal duschen und sich ordentlich abseifen.

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