Vom Duft der Apfelblüten

Die Sonne war nun in die Zwillinge weitergewandert, einem luftig-leichten Zeichen. Mit dem Zeichenwechsel war ein heftiger Sturm über das Land gefegt, doch nun hatte sich der Wind wieder gelegt. Es begann die zarte Zeit der Wiesenblumen, der sanften Gräser, der bunten Schmetterlinge und der Regenbogentänzerin.

Früh am Morgen weckten sie die Krähen. Ja, auch die Krähen lieben Erdnüsse. Sie lassen sich nur normalerweise nie fotografieren. Aber die Krähen halten sich eh nie an die Regeln und machen was ihnen beliebt.

Blaue Feder zog Pfingsten hinaus ins Moor, den Geist der Tage, den Geist der Zeit zu suchen. Sie wollte schauen, welchen Faden sie mit Pfingsten verband und sie wollte die Wiese besuchen, wo sie einst den Wiesenschaum, die Kuckucksblume, entdeckte.

So zog sie früh am Morgen los und schaute erst einmal in die Regentonne. Ein Blick in das Wasser der Regentonne konnte manchmal viel verraten. Ihr war, als hätte sie durch ihre Linse einen Vogel darin gesehen – einen schwarz-weißen Vogel. – Siehst Du ihn auch?

Gleich begegnete sie einer Taube. Sie flog mit ihr hinauf in die Bäume und eine Weile lauschte Blaue Feder dem Wind in den Blättern und den zahlreichen Vogelstimmen.

Am Lindenhof bewunderte sie die Zwillingslinden, die nun in ein schönes Grünes Kleid gehüllt waren. Blaue Feder fragte die Linden, ob sie wohl einen Ast für sie hätten. Sie webte gerade ein Lindenbild und würde es gerne an einen Lindenast aufhängen. So ging sie den Weg der Linden durch das Dorf und tatsächlich war ein Ast vom Sturm heruntergeweht und sie legte ihn sich an die Seite. Sie bedankte sich und würde ihn auf dem Rückweg mitnehmen.

Als sie aus dem Dorf ins freie Land trat, bewunderte sie den Sonnenstrahlenwolkenhimmel. Die Sonne ging die Tage schon sehr früh auf und ein Hase erwartete den neuen Tag.

Ein Duft stieg ihr in die Nase, doch wusste sie nicht, welcher Duft es war. Sie sah, eine Eberesche, die ein Sturm umgekippt hatte und nun zersägt am Straßenrand lag. Da lag auch ein schöner Wanderstecken. Auch diesen würde sie auf dem Rückweg mitnehmen. Langsam machten wohl die Ebereschen auf sich aufmerksam, fingen sie doch gerade an zu blühen.

Blaue Feder erinnerte sich, wie sie in den Rauhnächten die Engelwurz am Rande des Moores gefunden hatte und schaute, ob sie die Pflanze nun fand. Sie war sich aber immer noch nicht sicher, welche Pflanze es war, da es so viele Doldengewächse gab. Doch hatte sie den Eindruck, es war jene mit den violett-rötlichen Stielen. Sie hatte Engelwurzsamen in ihren Garten ausgesät, aber vielleicht zu spät, denn die Engelwurz ist ein Kaltkeimer. Das hatte sie nicht gewusst. Dann wurde es vielleicht erst im kommenden Jahr etwas, mit der Engelwurz in ihrem Garten.

Sie hörte wieder den Kuckuck rufen und sah ihn auch kurz fliegen. Als sie zum Großen Mondsee ging, empfing sie der Duft von Apfelblüten. Sie konnte diesen Duft mit Worten nicht beschreiben und auch mit Bildern nicht einfangen. Diesen Duft musste man und frau einfach selbst riechen. Allein der Duft von Apfelblüten konnte bestimmt heilen, so wie ein jeder Apfel ein Geschenk der Liebesgöttin war. Der wilde Apfelbaum am Eingang zum Großen Mondsee war ihr noch nie so aufgefallen. Ein paar Hasenglocken blühten darunter und ein Buchfink sang hoch oben in seiner Krone ein Lied.

Als sie in der Morgendämmerung am Großen Mondsee der Haubentaucherfee lauschte, erinnerte sie sich an die Goldenen Äpfel der Hesperiden vom Baum des Lebens und die Goldenen Äpfel der Iduna, die Unsterblichkeit und Verjüngung verhießen. Herkules war einst losgezogen, sie zu holen. In den Süden musste er gehen in ein fremdes Land. Der Süden war das Land des Herzens, das Land des Mitgefühls und der Liebe. Entsprechend seiner fünf Blütenblätter bildet der Apfel in seinem Inneren ein fünffächeriges Kerngehäuse, einen fünfzackigen Stern. Das Pentagramm oder der Drudenfuß wird nach seinem Erscheinungsbild mit dem Schwanenfuß verbunden, dem klassischen Symboltier der Liebesgöttin, von Venus über Freya bis zur Holle. So verbindet uns der Apfel wie auch alle Rosengwächse mit dem kosmischen Tanz der Venus. Blaue Feder stiegen auch Erinnerungen an Avalon, jener sagenumwobene Apfelinsel hoch.

Wie sie so am Seeufer stand, begrüßten sie die Trauerseeeschwalben. Sie hatten im letzten Jahr wenig Glück gehabt mit ihrer Brut. Es hatte viel gestürmt und wohl alle ihrer Küken waren ertrunken. So freute sie sich umso mehr, dass sie wieder da waren und sie wünschte ihnen für dieses Jahr alles Glück der Erde und des Himmels.

Blaue Feder zog weiter in den Süden. Sie ging Richtung Süderholm, der Insel im Süden. Heute waren es die Apfelbäume im Moor, die mit ihren Blüten einfach nicht zu übersehen waren. Auch die Nr. 23 war wohl ein Apfelbaum.

Sie kam zur Wiesenschaumwiese, wo die Elfen im Licht der Sonne tanzten.

So stromerte weiter zum Schwanensee und auch hier stand, wie sollte es anders sein, wieder ein Apfelbaum und begrüßte sie.

Die Schwäne schliefen noch. Nur, um das mit dem Schwanenfuß zu bestätigen, zeigte ihr der Schwan kurz seinen Fuß und schlief dann weiter.

Blaue Feder sah einen Stuhl auf der anderen Seite des Schwanensees stehen. Der stand da, wie für sie hingestellt. Sie ging hinüber und setzte sich auf ihren Thron. Sie schloß die Augen und lauschte wieder den zahlreichen Stimmen der Vögel und sie war einer dieser Vögel.

Es war so schön hier, sie mußte wohl auf der Apfelinsel selbst gelandet sein.

Was wollte sie mehr? – Ihr zog ein wenig Kaffeeduft in die Nase. – Okay, vielleicht einen leckeren Kaffee und ein schönes Frühstück mit Brauner Bär zusammen. So zuckelte sie wieder los, ging heim und sammelte ihre Baumstecken ein. Ein Sperber zeigte ihr noch ein weiteren Apfelbaum und sie bedankte sich bei den Apfelbäumen für den wunderbaren Duft, der sie heute auf ihrem Weg begleitet hatte.

Ihr war voher nicht bewusst gewesen, wieviele Apfelbäume im Moor standen. Sie würde nach dem Frühstück noch einmal mit Brauner Bär die Trauerseeschwalben begrüßen gehen und auch am See der Trauerseeschwalben würden sie einen blühenden Apfelbaum entdecken.

Beim Lindenhof standen die Türen weit offen. Die Lindenhofbewohner folgten wohl dem altem Brauch, Pfingsten die Türen zu öffnen, damit der Heilige Geist hereinkommen konnte. Blaue Feder ging heim und öffnete die Türen, damit auch bei ihnen der Geist der Zeit einziehen konnte.

Morgen würde die Mondin wieder rund am Himmel stehen, am Mittag um 13:13 Uhr.

Mit der ’13‘ kommt ja meist etwas Unvorhergesehenes ins Feld hinein. Eine Mondfinsternis begleitet die Mondin – vielleicht konnte sie noch einmal bewusst alte Geister aus dem Haus herausfegen. Vielleicht lud sie auch gleich die Närrin ein zu ihrem Fest. Das war nur so eine Idee, die Blaue Feder grade durch den Kopf ging. Sie würde auf jeden Fall die Fenster öffnen, damit der Duft der Apfelblüten aus ihrem Garten hereinströmen konnte.

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