Die Schätze im Riesewohld

Einst, war es gestern oder vor 100 Jahren, hallte ein Ruf über die Länder des Nordens. Der Ruf kam aus dem Riesewohld. Alle, die ihn hörten, machten sich auf den Weg und folgten eben diesem Ruf.

Der Himmel war verhangen und es würde wieder Regen fallen, doch diesmal waren die Schatzsucher mit Regenjacken und ihren irischen Regenhüten ausgestattet. Wieder fuhren sie in den Kreis bei der Frau mit Hellebarde hinein in das Grüne Herz Dithmarsches. Dieses Mal nahmen sie den Weg, der in den Osten führte, den Weg, in Richtung Osterwohld. Doch fuhren sie nicht in den Osterwohld, sie nahmen vorher einen Abzweig. Der Alte Landweg führte sie in den Riesewohld und in das Quellental.

Hier fanden sie den Einstieg in den sagenumwobenen Wald. Ein dicker Baumstamm begrüßte sie. Eine kleine Maus zwinkerte ihnen zu, als würde sie sagen: ‚Seit auf Überraschungen gefasst!‘

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Zunächst einmal konnten sie schauen, welche Kräuter des Waldes sie schon kannten. Blaue Feder freute sich, weil sie mit den Jahren doch schon einige näher kennengelernt hatte. Einige kannte sie auch nicht, wie das Bingelkraut, das Schattenkraut, das Moschuskraut und die Nelkenwurz. Beim Bingelkraut klang etwas in ihr an. Sie wusste nur, das Bingelkraut gerne bei den Quellen wohnt. Für Blaue Fede ging es auch weniger darum, alle zu kennen, als mehr, mit denen zu gehen, die für sie wichtig waren.

Der Riesewohld ist der größte Urwald im schönen Dithmarschen. Viele Sagen werden aus diesem Wald erzählt. Die bekannteste Sage umkreist die Fünffingerlinde.

Sie kamen zur Schutzhütte, dort wo die alten Sagen niedergeschrieben sind. Hier gibt es allerleih Tafeln und Schatzkarten, die durch den Wald führen. Nach ihrer verregneten Schatzsuche, gingen Blaue Feder und Brauner Bär nun noch einmal alleine auf die Schatzsuche.

Sie besuchten zuerst die sagenumwobene Fünfingerlinde. Den Weg kannten sie. Sie waren dort nicht allein. Es waren wohl viele dem Ruf gefolgt. Heute war die alte Linde mehr von einem Bierdunst umwoben, als von Sagen. Scheinbar hatten sich die Vatertagsausflügler diesen Ort für ein Picknick ausgesucht. Blaue Feder versuchte die etwas zu laute Gesellschaft ein wenig auszublenden, wie das kleine Mädchen, das allein etwas abseits der Menschen saß.

Sie gesellte sich ein wenig zu dem kleinem Mädchen mit dem Stock, das sie aus großen Augen anschaute. Am Liebsten hätte sie mitgenommen oder ein Spiel mit ihr begonnen. Doch war Brauner Bär schon weitergegangen, weil er solche Aufläufe auch nicht mochte. Es war nicht einfach in die Stille und in den Traum der 250 Jährige alten Linde tauchen. Doch sah Blaue Feder untem am Stamm eine alte Erdkröte sitzen. Sie schaute sie aus goldenen Augen an. Vergessen war der Lärm für eine kurze Weile und sie tauchte in die goldene Quelle in ihrem Herzen.

Lausche den Quellen‘ schienen ihr die Augen zu sagen.

Blaue Feder ging zu Brauner Bär und schlug ihm vor, die Quellen zu suchen. Sie hatte nur eine ungefähre Ahnung, wo diese sein könnten. So schlugen sie sich einfach ins Unterholz und ließen sich führen. Als sie in einem etwas weniger attraktiven Fichtenwald kamen, dachten sie schon sie wären auf dem Holzweg, doch dann kamen sie zu einem Hohlweg und am Ende des Weges hörten sie es sanft plätschern.

Sie hatten tatsächlich einen Quelllauf gefunden und freuten sich. Nun folgtem sie dem Sternenmoos und dem Duft der Sauerkleeblüten.

Sie lauschten den Nymphen, Nixen und den Kröten und fanden das Gold am Ufer des Quellbaches stehen. Das Milzkraut, das sie auch schon aus dem Auenwald kannten, wird auch Goldveilchen, Maigold, Goldtröpfchen, Goldblatt und Goldkraut genannt. Das blasse Gelb der Blüten erinnert nicht nur an Gold, sondern auch an das kostbarste Geschenk der Kuh, nämlich die Butter. So wird es auch goldene Butterblume, Schmalzkraut oder Ankeblüemli (Anke= Butter) genannt. Es wächst nur dort, wo das Wasser rein ist.

Kühl und feucht liebst du es, zu dem Wasservölkchen, den Nixen und Nymphen gehörst du, Mooswichteln pfanzen dich in ihre schattigen Gärten, gurgelnde Quellen, der morastige Erlenbruch und das sumpfige Eschengehälz sind dir Heimat, Lurche, Frösche und Salamander und Schnecken deine Gefährten. Nicht ohne Grund nennt man dich Froschblümli, Froschauge, Froschmäulchen, Krötenblume, Mokesauerampel – Sauerampfer der Moke, der Kröte.

Deine Blüten, wie blasses Gold im tiefen Grün, serviert auf Tellerchen, leuchten mir entgegen, dort beim Graben, wo der Schnee immer besonders lang und tief liegt. Du verkündest mir den unwiderruflichen Frühling. Dankend bücke ich mich zu dir hinab, wie jedes Jahr bewundernd, pflücke ich einige Blättchen: frisch, bitter, zart schmeckend, gesundheit versprechend, Du güldenes Milzkraut, du Goldveilchen, Sonnnenlicht in moosgrüner taunasser Tiefe; du goldener Steinbrech, du cresson dorée machst mich geusnd, vertreibst die schwarzen Humore von Leber und Milz mit deinem Gold, deinem wässrigen Gold.

(aus Die Seele der Pflanzen Wof-Dieter Storl)

Es war Blaue Feder als würden sie die goldenen Augen der Erdkröte im Quellbach ansehen. Sie hatten ihren Goldschatz gefunden und sie trafen auch noch ein paar seiner Gefährten wie den Frosch und die Schnecke.

Diese Schatzsuche war ganz nach ihrem Geschmack. Brauner Bär tauchte in den grünen Wald und wurde zum Grünen Mann und Blaue Feder war seine Königin. Immer wieder huschte ein Lächeln über ihre Gesichter. So folgtem sie dem Lauf der Quelle und lauschtem ihrem zarten SingSang.

Manchesmal verzweigte sie sich und manchesmal dachten sie, sie hätten den Quellengrund gefunden. Doch führte sie der Quellfluss immer weiter. Sie hatten keine Ahnung mehr, wo sie waren. Es war ihnen egal. Es machte einfach Freude der Quelle zu ihrem Ursprung zu folgen. Immer wieder gab es Spannendes zu entdecken. Hier saß eine große Eule am Wegesrand, wuchsen Pilze an alten Stämmen und dort meinte Blaue Feder den Klang des Bingelkrautes zu vernehmen.

Dann dachten sie, sie wären am Anfang angelangt und irgendwie waren sie das tatsächlich, denn sie waren wieder dort, von wo aus sie gestartet waren. Sie sahen den Parkplatz. – Ja, manchmal liegt der Schatz einer Suche im Anfang schon verborgen.

Die Quelle entsprang wohl einer Wiese auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Sie stiegen glücklich ins Auto und erkundeten noch ein wenig die Umgebung. Hier standen viele schöne alte Höfe, die vom Reichtum dieser Gegend erzählten. Sie fuhren durch Hollenborn, wo es am Geestrücken eine Fischzucht gibt. Ihr Ursprung war auch eine Quelle, der Hollenborn. Die Hollenborner rätseln noch heute um den Namen ihrer Quelle. Für eine Blaue Feder hatte dort wohl Frau Holle ihre Finger mit im Spiel oder war es eine Heilige Quelle – wer weiß, wer weiß? Die Quellen schienen ihr der Schatz, der Reichtum, dieses Landstriches zu sein.

Die beiden Schatzsucher fühlten sich auf alle Fälle reich beschenkt und das Gold-Milzkraut hatte ihnen gute Laune ins Herz gezaubert. Wieder daheim verschwanden die beiden Künstler in ihren Ateliers und wurden vorerst nicht mehr gesehen.

5 Kommentare zu „Die Schätze im Riesewohld

  1. Hach, es war wieder schön, mit dir umherzustreifen! Schöne Entdeckungen. Besonders die Linde und die riesigen Baumpilze haben es mir angetan. Daß die Künstler seitdem nicht mehr gesehen wurden, kann ich mir sehr gut vorstellen 🙂 LG Almuth

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    1. Freut mich sehr, liebe Almuth, dass Du mit uns durch den Riesewohld gestreift bist. Diese Schatzsuche war wirklich sehr inspirierend. Sind das Zunderpilze an den Bäumen? Mit Pilzen kenne ich mich wenig aus. – Nun wird genäht, gemalt, gespielt, gewerkelt – hach, ganz wunderbar – da ist mir sogar das Wetter schnurz. Ich wünsche Dir schöne Pfingsten, Susannne

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      1. Lach, wie schön, daß das so einen Kreativitätsschub ausgelöst hat 🙂 Es war ja auch eine inspirierende Wanderung. Es könnten Zunderpilze sein, aber ich kenne mich da auch nur rudimentär aus. Sie sehen jedenfalls toll aus! Dir auch schöne Pfingsten! LG Almuth

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